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„In Europa war es der Krieg, hier ist es Sinnlosigkeit“

Direkt gegenüber dem imposanten Kongresspalast am Plaza de Congreso ragt ein spitz zulaufender Turm in den Himmel. Er ist bestückt mit Windmühlenflügeln, die an das Pariser Moulin Rouge erinnern. „Confitería del Molino“ besagt der Schriftzug über der Eingangstür, die nicht eben einladend aussieht. Sie ist verrammelt, genau wie die Fenster. Halb abgerissene Plakate hängen in Fetzen von den Holzplatten herunter: „Para que se restaure la Confiteria del Molino“, „Für die Restaurierung der Confitería del Molino“ kann man gerade noch entziffern. Die einstige Pracht des Cafés ist nicht völlig verschwunden, aber gerade deswegen sind sie ein trauriger Anblick, diese Spuren des Verfalls, ein Anblick, der zu den sehnsüchtig-melancholischen Melodien des Bonarenser Tango passt. Die Confitería war einst ein blühendes Café, hier trafen sich die intellektuellen Größen des Landes: Jorge Luis Borges, Roberto Arlt, Carlos Gardel. Viele sagen, dass die Geschicke des Landes nicht etwa im ein paar Meter Luftlinie entfernen Kongress entschieden wurden, sondern hier, in den Hinterzimmern der Confiteria. 1997 schloss das Café seine Pforten, seitdem nagen der Wind und die Zeit an ihm, ohne dass ernsthafte Versuche unternommen worden wären, das zu verhindern.
Ein paar Straßenzüge entfernt, in der Avenida Santa Fé, befindet sich ein anderes altes Gebäude, das aus Zeiten stammt, da der Ausspruch „reich wie ein Argentinier“ noch ein geflügeltes Wort war. Das Ateneo Gran Splendid, 1919 als Theater eröffnet, beherbergt heute wohl einen der prunkvollsten Buchläden weltweit, mit mehrstöckigen goldenen Emporen, einer reich verzierten Stuckdecke und der riesigen Bühne, die in ein Café umfunktioniert wurde. „Das Ateneo ist ein Beispiel dafür, dass es auch anders gehen kann“, sagt Santiago Pusso, Gründer und Vizepräsident der Nichtregierungsorganisation Basta de Demoler. Sie setzt sich für die Bewahrung des architektonischen Erbes der argentinischen Hauptstadt ein. Dass das Ateneo nicht das selbe Schicksal ereilte wie die Confitería sei allerdings bloß den privaten Besitzern zu verdanken, die den historischen Wert des Gebäudes aus unternehmerischen Gründen erhalten wollten. „Der Staat, beziehungsweise die Stadtregierung“, sagt Pusso, „intervenieren nie in solchen Fällen, sie tun nichts, um die zahlreichen alten Gebäude vor dem Verfall zu bewahren oder wieder instand zu setzen, sie bieten den Besitzern auch keine Alternativen zum Abriss an.“
Das größte Problem sieht Pusso, der wie alle anderen Mitglieder von Basta de Demoler ehrenamtlich arbeitet, im Stadtplanungs-Kodex des Ministeriums für Stadtentwicklung. Dieser Kodex erlaubt in den allermeisten Fällen die Errichtung von Gebäuden mit bis zu zwölf oder dreizehn Stockwerken. Für die Immobilienunternehmen oder die Besitzer_innen ist es also bei weitem profitabler, alte, niedrigere Gebäude abzureißen, um größere zu errichten. Für das Stadtbild ist das desaströs: Ganze Viertel aus kleineren Häusern, die das kulturelle Erbe der Stadt ausmachen, werden dem Erdboden gleichgemacht, neue, moderne Großbauten sprießen wie Pilze aus deren Schutt empor. „2002/2003, als sich die Wirtschaftskrise so langsam wieder beruhigte, wurden Investitionen in Immobilien eines der Hauptanliegen der Stadt. Es begann ein regelrechter Bauboom, damit einhergehend aber auch ein Abrissboom“, stellt Pusso fest. In den letzten zwanzig Jahren wurden in Buenos Aires pro Jahr durchschnittlich eine Million Quadratmeter an Neubauten errichtet, allein im Jahr 2008 stieg die Zahl auf sechs Millionen. Für einen Großteil dieser neuen Gebäude wurden alte abgerissen. Auch im historischen Zentrum der Stadt, das 2010 auf der Liste der 100 meist bedrohten kulturellen Orte der Welt des World Monument Fund stand – unter anderem dank des Engagements von Basta de Demoler.
Dabei ist es keinesfalls so, dass es an rechtlichen Rahmenbedingungen zum Schutz gegen die Zerstörung mangelt: Angefangen bei der UNESCO-Konvention zum Schutz des Weltkulturerbes von 1972, das jedes Mitgliedsland dazu verpflichtet, das kulturelle Erbe zu identifizieren, zu bewahren und instand zu setzen, über die argentinische Verfassung, die im Artikel 41 festschreibt, dass der Staat das kulturelle Erbe schützen muss, bis hin zur Verfassung der Stadt Buenos Aires, die mit dem Artikel 14 allen Bürger_innen das Recht auf den Schutz des historisch-kulturellen Erbes garantiert und sie dazu legitimiert, rechtliche Schritte einzuleiten, um dieses Erbe zu verteidigen.
Es gibt auch ganz konkrete Gesetze, die dazu gedacht sind, das architektonische Erbe zu schützen. Beispielsweise das Mittel der Katalogisierung: Besitzt ein Gebäude oder ein ganzer Stadtteil historisch-kulturellen Wert, kann es innerhalb des Stadtplanungs-Kodexes in die Liste der Gebäude oder „historischen Gebiete“ aufgenommen werden, die unter besonderem Schutz stehen. Diese gut gemeinte Regelung hat aber gleich zwei Haken: Zum einen sind die Entscheidungswege sehr lang, unter Umständen kann es Jahre dauern, bis ein historisches Gebäude tatsächlich katalogisiert wird. Denn jeden einzelnen Fall muss das Parlament zweimal abnicken. Zum anderen liegt die Entscheidung über die Katalogisierung bei Abgeordneten, die mehrheitlich zum Lager des rechtskonservativen Bürgermeister Mauricio Macri gehören – und der ist bekannt für seine guten Verbindungen zur Immobilienlobby. Fragwürdig ist auch, warum das Stadtentwicklungsministerium über den Schutz des kulturell-historischen Erbes der Stadt entscheidet, während es gleichzeitig Bauaufträge und Baukonzessionen an die Immobilienfirmen vergibt. Andernorts ist dafür das Kultusministerium zuständig, das im Fall von Buenos Aires nur eine beratende Funktion hat: Es darf Gebäude als Kandidaten für die Katalogisierung vorschlagen, mehr nicht.
In Belgrano, in der Straße Sucre 2265, steht das „Petit Hotel“. Erbaut wurde es 1918 von demselben Architekten, der auch die Confitería del Molino entwarf: dem Italiener Francisco Gianotti. Im März begannen still und heimlich und zunächst unbemerkt von der Öffentlichkeit Abrissarbeiten: das Interieur wurde auseinandergenommen, Geländer abmontiert, Möbel abtransportiert. Normalerweise müssen alle Veränderungen an Gebäuden, die vor 1941 erbaut wurden, zuvor der CPPHC (Kommission für den Schutz des historisch-kulturellen Erbes), die dem Kultusministerium untergeordnet ist, vorgelegt werden. Was in diesem Fall nicht geschah. Das Gesetz, das den automatischen Schutz von Gebäuden vorsieht, die über 70 Jahre alt sind, wurde 2009 für die Dauer von zwei Jahren erlassen. Im Dezember hätte das Parlament erneut über das Gesetz abstimmen müssen, doch wurde das Thema schlichtweg nicht auf die Tagesordnung gesetzt – bis heute. Das Lager um Macri ist in einem Dilemma: Es kann nicht öffentlich gegen das Gesetz stimmen, um nicht die Gunst der Wähler_innen zu verlieren, es kann aber auch nicht dafür stimmen, um sich nicht den Groll der einflussreichen Immobilienlobby zuzuziehen.
Ähnliches geschah im Januar mit dem geschichtsträchtigen „Schweizer Haus“ in der Straße Rodriguez Peña, das einst die ersten Schweizer Immigranten aufnahm, später als Konzerthaus für Konzerte afroamerikanischer Musiker_innen diente und während der Diktatur die Mütter der Plaza de Mayo beherbergte. Obwohl es seit 2008 als kulturelles Erbe der Stadt gilt, begannen die Besitzer mit Abrissarbeiten; sie wollten ein Haus mit neun Stockwerken erbauen. Zwar gibt es mittlerweile eine richterliche Verfügung, die den weiteren Abriss verbietet, bis die Legislative über den von Nichtregierungsorganisationen – unter anderem Basta de Demoler – initiierten Gesetzesentwurf zur Katalogisierung entschieden hat. Doch wie es weitergeht, weiß niemand. „In solchen Fällen“, sagt Santiago Pusso“, kann es Jahre dauern, bis endlich eine Entscheidung vorliegt. „In dieser Zeit müssen wir aufpassen: Es kann sein, dass still und heimlich, an einem langen Wochenende beispielsweise, die Abrissarbeiten weitergehen. Das ist zwar rechtlich verboten, aber die Strafe ist nicht sehr hoch.“ Häufig werde sie als Teil der Baukosten in Kauf genommen.
„Die Stadt tut weder genug für den rechtlichen Schutz der Gebäude, noch für die aktive Instandsetzung“, sagt Santiago Pusso. Er verweist auf das Gebäude der Unione Operai Italiani, der Einwanderungsorganisation der zweitgrößten Immigrant_innengruppe Argentiniens. Seit knapp fünf Jahren steht es leer, sein Anblick löst ähnlich bedrückende Gefühle aus wie jener der Confitería del Molino. Betreten darf man das Haus nicht mehr, wegen Einsturzgefahr. Obwohl es seit 2008 katalogisiert ist: Geschehen ist nichts. Die italienische Assoziation Unione e Benevolenza, der das Gebäude heute gehört, hat schlichtweg nicht die Mittel für eine grundlegende Renovierung. Die deutsche Kunsthistorikerin Bianca Schäfer, die sich für den Erhalt des Art Nouveau-Gebäudes einsetzt, konstatiert: „In Europa haben wir einen großen Teil unserer kulturellen Identität durch Kriege verloren, hier wird die Geschichte ohne Sinn abgerissen.“
Ende Dezember kündigte Bürgermeister Macri die Enteignung der Confitería del Molino an, um das Gebäude anschließend wieder instand zu setzen. Im April nahm die Kulturkommission des Unterhauses eine Initiative an, mit der das einstmalige Kaffeehaus zum Gegenstand des öffentlichen Interesses erklärt werden soll. Tut sich mittlerweile also doch etwas? Santiago Pusso schnaubt verächtlich: „Wie häufig solche Projekte schon angekündigt wurden und dann im Sande verlaufen sind!“ Doch hat er dabei eins vielleicht nicht bedacht: Sich selbst. Die Organisation Basta de Demoler ist mittlerweile, sechs Jahre nach ihrer Gründung, eine politische Kraft. Erst sie hat die breite Öffentlichkeit hergestellt, die heute Fälle wie das Schweizer Haus, das Petit Hotel oder das Haus der Unione Operai Italiani begleitet. Ohne sie hätte die Stadtregierung sich vielleicht nie bemüßigt gefühlt, Versprechungen zur Confitería del Molino zu machen – seien sie nun leer oder nicht.

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