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Interview mit Raúl Álvarez Garín

Es gibt eine unglaublich breite Aufmerksamkeit für den 30. Jahrestag. Was hat es zu bedeuten, daß Tlatelolco anscheinend in Mode ist?

Ich denke, es gibt mehrere wichtige Gründe. Am 2. Oktober gab es eine beeindruckende Beteiligung von Jugendlichen, über 90 Prozent. Tlatelolco gehört für sie zu einer Bewußtseinstradition von Repression und Gewalt. Repression erleben die Jugendlichen hier tagtäglich. Hier bekommen sie die Möglichkeit, sich auszudrücken. Ein anderer Grund für die hohe Aufmerksamkeit ist das politische Problem, das die Regierung mit der Frage der Archive hat. Erst hatten sie versprochen, alle Archive zu öffnen. Wenn sie das wirklich getan hätten, dann wäre der Weg zu Strafverfahren frei gewesen. Also entschieden sie sich für einen Trick, sie gaben nur einen kleinen und nicht so wichtigen Teil der Dokumentation frei. Und schließlich hat es damit zu tun, daß Filmaufnahmen vom Massaker im Fernsehen gezeigt wurden, die bisher kaum bekannt waren und Informationen über wichtige Details vermitteln. Der Eindruck der Aufnahmen ist viel stärker und wirkt glaubwürdiger als der von geschriebenen Berichten.

Wie ist das Fernsehen mit dem 30. Jahrestag umgegangen?

Es gibt derzeit eine sehr intensive Kampagne mit Szenen, in denen die Armee von heute bei Hilfsaktionen gezeigt wird, Soldaten mit Kindern auf dem Arm, bei Arbeiten im Katastrophenschutz. Das ist deren Antwort auf die entschiedene Abwehrhaltung der Bevölkerung gegen die Repression der Armee. Aber es ist nicht ganz so einfach, denn zur gleichen Zeit mußten sie Tatsachen anerkennen, die sie früher nie zugegeben hätten.

Sie hatten die Erklärung von Cárdenas, der die Armee als Institution von der Schuld an Tlatelolco freisprach, scharf zurückgewiesen. Warum ist diese Entlastung falsch?

Inhaltlich ist die Entlastung richtig, aber sie ist politisch nicht angemessen, nicht zum jetzigen Zeitpunkt. Wir befinden uns in einem Prozeß der Militarisierung, und die Armee geht mit den Gesetzen sehr willkürlich um. Es ist so, daß das Niveau der Konfrontation mit den Militärs vor allem in Chiapas weiter wächst. Viele gesellschaftliche und politische Gruppen haben gegen die Militarisierung protestiert. Es ist ungeschickt, von Versöhnung zu reden, während die Armee nicht zugibt, daß es außerlegale Vorgänge gegeben hat und gibt.

Was für Aussichten hat ein Gerichtsverfahren gegen hohe Politiker denn realistischerweise?

Es hat in Mexiko noch nie Strafen gegen hohe Politiker gegeben, aber früher oder später muß das kommen. Wir leiden in Mexiko an einem alles plattmachenden Präsidentialismus, und das heißt, es gibt zwar eine Gesetzlichkeit in kleineren Fällen, aber die Rechtsprechung bei wichtigen Problemen ordnet sich der Präsidentenmacht unter. Wir brauchen etwas wie einen Gründungsakt für die juristische Unabhängigkeit.

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