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Jenseits von Kuba

Wie ein Gewohnheitstier, das seine Route schon im Schlaf kennt, rattert der gelbe guagua durch die Landschaft. Wie jeden Morgen hat der Bus die Angestellten der Internationalen Filmschule, die in Havanna wohnen, an verschiedenen Haltepunkten eingesammelt. Nachdem die verschlafene Kleinstadt San Antonio de los Baños durchquert ist, gibt es nur noch Felder und Bäume und Felder und Bäume. Zischend legt das Gefährt sich in eine leichte Kurve und kommt vor einem Wachhäuschen zum stehen. Ein Mann in Uniform steigt ein, sondiert in den Sitzreihen nach unbekannten Gesichtern und kassiert die Pässe der Tagesgäste ein. Dann rumpelt der Bus eine großzügige, palmengesäumte Auffahrt entlang. Vor einem weißen Gebäude hält er an: „Escuela Internacional de Cine y Televisión“ steht in sachlich blaugrauem Schriftzug an der Wand des weißen Haupttraktes. Davor ein luftiger Korridor, von dem zu beiden Seiten Glastüren und kleine Gebäude abzweigen. Vor der offenen Cafetería mit dem weißen Plastikmobiliar plaudert eine Gruppe von Leuten. Zwei Studenten haben sich in eine Nische mit rötlichen Designer-Sitzgebilden zurückgezogen und spielen Schach. Nebenan, wo der Durchgang sich zum Park öffnet, malt die Sonne Lichtflecken auf sechseckige Bodenplatten aus Beton, zwischen denen Grün hervorsprießt.
Vögelzwitschern mischt sich mit Heavy-Metal Musik. Die Beats kommen eindeutig aus einem der Schnitträume. Dort sitzt ein Typ mit Dreitagebart und orchestriert diverse Knöpfe und Tasten. Mit seinem Schlabber-T-Shirt von der brasilianischen WM-Mannschaft sieht man Dull den Dozenten für Schnitt nicht unbedingt an. „Wenn ich könnte, würde ich in Havanna Filme machen wie Wong Kar-Wai in Hongkong“, meint er. Seine Augen, die von einem schwarzen Brillengestell eingerahmt sind, leuchten dabei. Gerade bearbeitet Dull seinen neuesten Kurzspielfim am Schneidetisch.
Sein Kumpel Hacek, der Schnitt studiert und auch aus Havanna stammt, sowie einige andere Studenten haben bei den Dreharbeiten assistiert. Da von dem Werk erst ein paar Minuten fertig sind, erläutern Dull und Hacek die Geschichte: „Es una pelicula negra“ – ein Film im Stil der Schwarzen Serie. „Er handelt von einem Italiener, der nach Havanna kommt und dort erschossen wird.“ Die Dreharbeiten in Havanna hätten wahnsinnig viel Spaß gemacht. Nachdem sie eine offizielle Version des Drehbuchs bei den Behörden eingereicht hatten und die Genehmigung in der Tasche trugen, hatten sie bei den Filmarbeiten ziemlich freie Hand.
Während Dull und Hacek sich in Fahrt reden, fliegt die Tür des Schnittraums auf. Ein hellblonder junger Mann rauscht herein. „Das ist Christian. Der ist auch Deutscher“, erklärt Hacek. Die Sichtung wird für einen Moment unterbrochen. In fließendem, übersprudelnden Spanisch erzählt Christian, wie er hier an die Schule gekommen ist. „Es gibt mittlerweile eine Quote für Studenten aus der Europäischen Union. Da kann man sich einfach bewerben.“

Offen für Leute aus aller Welt

Deutsche, Spanier, Norweger, Österreicher – mittlerweile studieren hier etliche Europäer, erzählt Hacek. Auch wenn er die Campusatmosphäre angenehm findet und auch ein eigenes Zimmer hat, ist Hacek froh, daß er, wenn er möchte, jeden Abend mit dem Bus nach Havanna fahren kann. Heute wollen er und Dull unbedingt auf ein Konzert mit kubanischem Rock. Lebhafte dunkle Augen in einem schmalen Gesicht und die hippe Kombination aus rasierten Schädel und Kinnbärtchen – Hacek wirkt nicht gerade wie jemand, der sein Leben im Elfenbeinturm zubringen möchte. Er bedauert, daß die Studierenden aus dem Ausland während ihrer Zeit in der Filmschule kaum etwas vom Leben auf Kuba mitbekommen. „Es ist schade, daß die Schule so weit außerhalb von Havanna liegt. Aber offenbar war es von politischer Seite aus auch so erwünscht.“

Spannung vor dem Festival

Für das bevorstehende „Internationale Festival des Neuen lateinamerikanischen Films“ ist jedoch für alle ein täglicher Buspendelverkehr nach Havanna eingerichtet. Am heutigen Freitag – vier Tage vor der Eröffnungsgala – liegt eine Mischung aus Anspannung und Vorfreude in der Luft. Es ist der letzte Unterrichtstag im Seminarzyklus. In den Pausen kleben StudentInnen vor dem Schwarzen Brett mit den Informationen über das Festival. Dieses Jahr werden neben österreichischen Filmemachern auch die Coen-Brüder in der Filmschule erwartet: „Besonders gespannt bin ich auf deren Film ‘The Big Lebowski’“, meint Hacek.
Was internationale Gäste angeht, kann sich die Filmschule über mangelndes Interesse nicht beklagen. Besonders im Dezember geben sich Filmschaffende und Journalisten die Klinke in die Hand. „Wir haben im Moment so viel zu tun, ich weiß gar nicht, wie ich das alles schaffen soll“, meint Dania, die im Organisationsbüro arbeitet. Nervös schielt sie auf ihre Uhr, eine blaugrundige Swatch mit Alpenmotiven. Zwei Nächte zuvor ist Dania von einem Filmfestival in der Schweiz zurückgekommen. Die energische junge Frau, die ihre krause schwarze Mähne in einem Dutt zusammengerafft hat, kramt aus einem Regal einen kleinen, türkis-auberginefarbigen Katalog hervor: „Der gibt einen guten Überblick über unser Jahresprogramm. Hier steht alles über den Inhalt unserer regulären Studiengänge und über die Workshops.“

Hier wurde und wird debattiert

Gleich die ersten Seiten des Katalogs sind der Geschichte der Schule gewidmet. Ins Leben gerufen von der „Stiftung des Neuen Lateinamerikanischen Films“, die ihren Sitz in Havanna hat, wurde die „Escuela Internacional de Cine y Televisión“ (EICTV) am 15. Dezember 1986 eingeweiht. Erklärtes Ziel war die Schaffung einer „Institution, die der technischen und künstlerischen Aus- und Weiterbildung von Profis in den Bereichen Kino, Fernsehen und Video dient“. Diese sollen „mehrheitlich aus Lateinamerika und der Karibik, Afrika und Asien stammen“.
Der Untertitel der Schule „Escuela de Tres Mundos“ unterstreicht diese Programmatik. Stolz resümiert der Katalogtext: „In den elf Jahren ihres Bestehens hat die EICTV als ein Ort fortlaufender Debatten über audiovisuelle Themen und als eine Schnittstelle zwischen verschiedenen Kulturen fungiert. In ihren Seminarräumen haben 238 Studenten aus 36 Ländern der Erde ihren Abschluß gemacht. 1829 Personen aus 34 Ländern nahmen hier an Workshops teil.“ Auch bei dem Präsidentenposten geben sich Filmleute aus verschiedenen Ländern die Staffel in die Hand. Auf den gebürtigen Argentinier Fernando Birri, der von 1986 bis 1991 die Leitung hatte, folgte für drei Jahre der Brasilianer Orlando Senna, dann für zwei Jahre der Kolumbianer Lisandro Duque. Seit März 1996 amtiert der spanisch-argentinische Drehbuchautor Alberto García Ferrer als Generaldirektor.
Den Innenteil des Katalogs schmücken neben Fotos vom Campus auch Auszüge aus dem „Familienalbum“ der Filmschule: Da spazieren die Mitbegründer, der kolumbianische Nobelpreisträger Gabriel García Márquez, der Regisseur Fernando Birri und die kubanischen Filmemacher Tomás Gutiérrez Alea und Julio García Espinosa über den Vorplatz. Da diskutieren Garcia Márquez und Birri mit Robert Redford auf einem Veranstaltungspodium.
Die Liste illustrer Gäste, nicht nur aus Lateinamerika und Europa, sondern auch aus der unabhängigen Filmszene der USA, ist lang. Zum Beispiel Francis Ford Coppola, der auch diesmal wieder zum Filmfestival erwartet wird. „ArT NeveR SLEEPS. F COPPOLA“ hat er vor Jahren mit raumgreifender roter Graffitischrift an die Wand der Drehbuchwerkstatt gesprüht. Die Schrift prangt als irritierender Blickfang an den kahlen Wänden des abgedunkelten Raumes.

Geld regiert auch in Kuba so manches…

Am hinteren Ende einer Reihe von Computern kauert ein Student. Das Kinn auf die Hand gestützt wie Rodins „Denker“, blicken seine Augen gebannt in den Monitor. Direkt hinter ihm Coppolas Graffito: „Die Kunst schläft nicht.“ Rechts daneben steht wesentlich kleiner, in verspielt dahingekritzelten Lettern: „…sondern sie träumt mit offenen Augen. Fernando Birri“.
„Seitdem Fernando Birri weg ist, hat sich hier einiges verändert. Die Schule ist mittlerweile kommerzieller ausgerichtet, weniger politisch.“ Der Bolivianer Roberto studiert seit ein paar Monaten an der Filmschule. Persönlich fühlt er sich hier sehr wohl, das Seminarangebot gefällt ihm. Besonders interessant sei, daß man sich erst im zweiten Ausbildungsjahr auf eine bestimmte Richtung spezialisieren müsse. Im ersten bekäme man einen Überblick über die unterschiedlichen Fachrichtungen wie Regie, Kamera und Schnitt.
Er hat mit seinen Anfang zwanzig eine sehr überlegte Art zu reden. Während er in der Kantine beim Mittagessen sitzt, fixiert er die Dinge in seiner Umgebung genau. Den vollen Teller mit dem wenigen Fleisch und den vielen Sättigungsbeilagen, aber auch das Glas Milch in seiner Hand. Roberto weiß, daß die Verpflegung an diesem Ort für kubanische Verhältnisse gut, wenn auch alles andere als luxuriös ist. Und er weiß, daß ein Studium hier an der Filmschule mittlerweile für viele aus Südamerika wieder zum Luxus geworden ist. „Da inzwischen für das erste Jahr 5.000 und für das zweite 7.000 Dollar Studiengebühren erhoben werden, können sich viele das Studium hier nicht mehr leisten. Früher bewarben sich von Bolivien aus 300 Leute pro Jahr. Heute sind es vielleicht vierzehn.“

…aber kein Kubaner „regiert“

Dagegen müssen KubanerInnen wie Hacek nach wie vor nur 1.000 Pesos – umgerechnet etwa 50 Dollar – pro Jahr bezahlen. Eine Summe, die vergleichsweise lächerlich klingt. Stellt man jedoch in Rechnung, daß der staatliche Mindestlohn bei 200 Pesos monatlich liegt, ist es für die meisten schon wieder viel zu kostspielig. Was die Anzahl der Studierenden angeht, existieren für Leute von hier die gleichen Höchstquoten wie für die anderen lateinamerikanischen Länder. Zur Zeit absolvieren drei Kubaner den zweijährigen Studiengang. „Darunter ist allerdings kein einziger, der Regie studiert“, merkt Hacek an. „Das liegt daran, daß es auf Kuba so schwer ist, Filme zu machen. Bei Studiengängen wie Kamera oder Schnitt sind die Chancen, nachher irgendwo unterzukommen, etwas besser.“
Um das Filmemachen auf Kuba geht es auch bei dem Interview, das gerade im Foyerbereich vonstatten geht. Mit Videokamera und Mikrofonangel ausgerüstet, haben vier StudentInnen den Regisseur Daniel Díaz Torres umringt. Er soll zu Übungszwecken interviewt werden. Während Bild und Ton laufen, beantwortet das „Trainingsobjekt“ mit spitzbübischem Lächeln Fragen zu seiner Tätigkeit als Dozent.
Zur Zeit ist Díaz Torres einer der beiden „Akademischen Leiter“ der Filmschule. Auf die Kritikpunkte von Roberto und Hacek angesprochen, meint er zu einem späteren Zeitpunkt: „Am Anfang war alles noch kostenlos. Aber mittlerweile, mit all dem wirtschaflichem Druck, dem das Land ausgesetzt ist, muß man andere Formeln finden. Es geht nicht um Rentabilität um jeden Preis, denn wir haben es hier mit Kunst zu tun. Es handelt sich weiterhin um eine Schule, die keine kommerziellen Ziele verfolgt. Sie muß jedoch Wege der Selbstfinanzierung finden.“
Auch bei einer Studiengebühr von 7.000 Dollar für das zweite Jahr würden bei weitem nicht die Unkosten abgedeckt: „Die Examensarbeiten werden auf 35mm-Material gedreht: 10 Minuten mit Schauspielern, Ausstattung und so weiter. Ein Kurzfilm dieser Länge ist bekanntlich kaum unter 15.000 oder 20.000 Dollar zu produzieren. Dieses Material bezahlt selbstverständlich die Schule. Auch die Dozenten, die zum überwiegenden Teil Europäer sind.“ Die Öffnung der regulären Studiengänge für Leute aus Westeuropa sei ein Versuch, aus der finanziellen Misere herauszukommen. Eine alte Vereinbarung ließ bereits vier SpanierInnen pro Studienjahr zu. Mittlerweile können noch vier Personen aus anderen EU-Ländern hinzukommen. „Die überweigende Mehrheit der 40 Studenten pro Jahr stammt jedoch weiterhin aus Lateinamerika.“
Wenn man am Schwarzen Brett die Teilnahmelisten für die Workshops studiert, scheinen die EuropäerInnen in einigen Kursen ziemlich dominant zu sein: Bei dem Workshop zu „Szenischer Regie“ finden sich ein Deutscher, neun SpanierInnen, ein Kubaner und neun Personen aus Südamerika. Bei einem Drehbuchkurs kommen sogar auf sieben Latinos und Latinas doppelt so viele SpanierInnen. Gerade die mehrwöchigen Workshops verhelfen, so Daniel Díaz Torres, der Schule zu dem notwendigen Geld, um die anderen Sektoren zu subventionieren. „Die Workshops sind für alle offen. Da gibt es keine Quoten. Es können zehn Australier kommen und vier Marokkaner und 14 Spanier, das ist ganz egal. Die Workshops sind dafür gedacht, daß die Schule sich tatsächlich weiter internationalisiert.“
Der bolivianische Student Roberto sieht die Entwicklung nicht ganz so positiv. Nachdenklich meint er: „Die lateinamerikanische Idee ist ein Stück weit verloren gegangen.“

KASTEN

Der Tanz um den Film

Lateinamerikanische Filme auf der Berlinale

Wenn plötzlich im wintergrauen Berlin nicht nur Hundekacke, sondern auch Filmplakate en
masse die Bürgersteige säumen und Menschenschlangen fröstelnd, aber mit erleuchetem Blick vor dem „Zoopalast“ oder dem „Delphi“ ausharren, dann ist es wieder so weit: Zehn Tage lautet das Motto „Das Leben ist Filmegucken“ – zumindest für diejenigen, die sich diesen zeitlichen Luxus gönnen können. Dieses Jahr findet die Berlinale vom 10. bis 21. Februar statt.
Mit Walter Salles’ „Central do Brasil“ gewann letztes Jahr zum ersten Mal in der Festivalgeschichte ein südamerikanischer Film den Tanz um den Goldenen Bären. Zwar soll der neue Film von Salles „O primeiro día“ im Panorama zusehen sein, allerdings hat das quantitativ nicht den erhofften Sogeffekt gehabt. Im Gegensatz zu Festivals wie denen von San Sebastian oder Cannes muß man auf der Berlinale lateinamerikanische Filme immer noch mit der Lupe suchen. – Was die LN-Redaktion getan hat. Mit Ausnahme der Wettbewerbsfilme – die vor dem Festival nicht gezeigt werden dürfen – ist es uns gelungen, fast alle Produktionen vorab zu Gesicht zu bekommen.

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