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Jorge Ibargüengoitia, eine Herausforderung

Manche Bücher brauchen eben ihre Zeit. Jorge Ibargüengoitia erhielt für seinen Roman Estas ruinas que ves 1975 den Premio Internacional de Novela „México“ – und zu dem Preisgeld das Versprechen, das Buch würde ins Englische, Französische und Deutsche übersetzt. Für letzteres war der Rowohlt Verlag vorgesehen. Obwohl Ibargüengoita in den 60er Jahren zweimal in Folge mit dem angesehenen Premio Casa de las Américas ausgezeichnet wurde – 1963 für sein Theaterstück El atentado und 1964 für den Roman Relámpagos de agosto –, war er in den deutschsprachigen Ländern kaum bekannt. Dieses Übersetzungsprojekt hätte ihm deshalb kräftigen internationalen Rückenwind verschaffen können. Aber leider hatte die Sache einen Haken: Die Verleger in Reinbek bei Hamburg waren gar nicht um ihre Meinung befragt worden. Das Buch wurde von Rowohlt abgelehnt, das Übersetzungsversprechen konnte nicht eingehalten werden. Auch sonst war das Erscheinen des Romans von Patzern begleitet. Die mexikanische Erstausgabe im Verlag Novaro war eher abschreckend und versprach alles andere als einen ernstzunehmenden Roman. Und auch das Preisgeld trudelte nur zögerlich ein.

Ein zweiter Anlauf

Dennoch hätte es nicht vierundzwanzig Jahre dauern müssen, bis Estas ruinas que ves (Diese Ruinen, die du siehst) in Deutschland erscheint, nun unter dem Titel Abendstunden in der Provinz. Aber leider ist es wohl ein verlegerisches Wagnis, die Romane des Mexikaners mit dem schwierigen Namen, die nicht mit zum Kauf animierenden “typisch lateinamerikanischen” Themen aufwarten, herauszubringen. Mit diesem Band erscheint nun in der Bibliothek Suhrkamp bereits der dritte von Ibargüengoitia, nach Die toten Frauen und Augustblitze. Vielleicht können ja sogar noch einige Bücher von ihm folgen, und sein komplizierter Name bleibt im Gedächtnis hängen. Von der Aufmerksamkeit, die dem Autor zuteil wurde, zeugt auf jeden Fall Peter Schwaars Sorgfalt bei der Übersetzung. So wird dem versandeten Preisträger von 1975 endlich zu seinem Recht verholfen.
Was macht Ibargüengoitia zu einem lesenswerten Autor – auch heute noch, auch hierzulande? Thema einiger seiner Romane – denn er hat in wenigen Jahren viel geschrieben, Theaterstücke, Erzählungen, Krimis, in den siebziger Jahren war er im journalistischen Bereich (Excélsior, Vuelta) aktiv – Thema also sind die mehr oder weniger heldenhaften, mehr oder weniger großartigen nationalen Erzählungen seiner Generation. Ihn beschäftigt, was alle beschäftigt, worauf alle stolz sind, worüber aber kaum einer nachzudenken scheint. Es sind die zu Mythen stilisierten Identifikationsgeschichten der mexikanischen Vergangenheit, allen voran die mexikanische Revolution (1910-17), die trotz ihrer einschläfernden Wiederholung an Wirkung nicht nachgelassen haben.
Hier setzt Ibargüengoitia ein. Er parodiert. Er erzählt eine der bekannten Geschichten noch einmal, ganz im vertrauten Tonfall, aber mit Details und Wendungen, die in die entgegengesetzte Richtung laufen.

Die Helden der Rhetorik

Im ersten seiner derartigen Romane, Relámpagos de agosto (1964, auf Deutsch 1992 unter dem Titel Augustblitze) erzählt ein General der mexikanischen Revolution, der Ende der 20er Jahre mit seiner Clique noch einmal versucht, den Kuchen der Macht anders aufzuteilen, sein Leben. Der historische Hintergrund ist authentisch. In der Tat wurde zu dieser Zeit tatsächlich um Macht und Einfluß gestritten, etablierte sich nach vielem Hin und Her das Staats- und Gesellschaftssystem, wie es in den Grundzügen bis heute besteht. Auch die Revolution als Stoff für einen Roman ist mehr als vertraut. In der mexikanischen Literatur hat diese erste große Revolution des 20. Jahrhunderts eine so große Bedeutung, daß eine eigene Romangattung entstand. Und sogar ein solcher Lebensbericht, der eigentlich eine Rechtfertigung des Generals nach seinem Scheitern ist, hätte so ähnlich tatsächlich geschrieben werden können.
Nur: Ibargüengoitia nutzt die vermeintliche militärische Kühle im Tonfall seines Helden und macht aus dem Bericht etwas ganz anderes: eine Demontage aller Erhabenheits- und Heldenrhetorik. Wenn der General von der „Revolution“ spricht, der er zum Sieg verhelfen wollte, dann dient das allenfalls dazu, sein Verlangen nach Posten, Geld und Ruhm zu kaschieren. Mit diesem Redestil der 20er Jahre dürfte Ibargüengoitia auch den Tonfall der Politiker der 60er Jahre, ihre unbeholfene, pathetische Sprache, ziemlich genau getroffen haben.
Doch er stellt nicht nur die Rhetorik der Politiker bloß. Aus den Taten und Erlebnissen, die in den mexikanischen Geschichtsmythen groß ausgeschmückt und verherrlicht werden, entsteht eine Sequenz ungeplanter, zufälliger oder bestenfalls kurzsichtiger Handlungen, die jämmerlich erfolglos sind und ganz und gar nichts Heldenhaftes mehr haben. Auch wenn der General von ihnen schwärmt, als sei alles wunderbar. Das Ganze ist amüsant geschrieben, voller versteckter Anspielungen. Doch es geht nicht um ein Parodieren um des Witzes willen, sondern um die Entzauberung, Entmächtigung einer potenten Mär – und um die Anstiftung zur Respektlosigkeit.
Allerdings ist Ibargüengoitia ein äußerst zurückhaltender Autor: Er wirft nicht mit großen Deutungen um sich, nötigt niemandem seine Ansichten auf, schulmeistert nicht. Möglicherweise hat diese Bescheidenheit damit zu tun, daß er in der öffentlichen Wahrnehmung der literarischen Matadore weit hinter seinen politisch viel offensiveren Kollegen Fuentes, Paz oder Monsiváis zurückstand.

Unter Hempels Sofa

Gleichfalls unscheinbar und mit einem beiläufigeren Thema beschäftigt ist sein nun vorliegendes Buch Abendstunden in der Provinz – nicht zuletzt durch den Titel, der an Idyllen aus dem vorigen Jahrhundert erinnert und gegenüber dem spanischen Originaltitel an kritischer Schärfe verliert. Freilich gewinnt er an Ironie; das merkt man allerdings erst bei der Lektüre.
Abendstunden in der Provinz ist ein vollkommen doppelbödiges Buch. Es ist wie eine Falltür unter dem Sofa, auf dem man es sich gemütlich zu machen pflegt. Ein Literaturprofessor kommt in die – fiktive – zentralmexikanische Kleinstadt Cuévano, um einen verstorbenen Kollegen zu ersetzen. Er findet Kontakt zu den honorablen Familien der Stadt, verliebt sich zweimal, erlebt allerlei lokale Vorkommnisse und der Leser ein Happy-End. Viel mehr geschieht tatsächlich nicht; auf der Sofa-Ebene ist das Buch eine gekonnt geschriebene Operette, nach der man noch einmal säuerlich lächelt, „naja“ sagt und sie schnell vergißt.
Das eigentliche, darunterliegende Thema dieser Satire ist nicht die Provinz, sondern die Provinzialität. Sei es bei der Beschreibung der Stadt Cuévano, sei es bei Erlebnissen des Professors: häufig schlägt einem ein enormes Mißverhältnis zwischen Anspruch und Realität entgegen. Cuévano ist lächerlich und glaubt dabei, groß zu sein. Es meint, die guten alten Werte hochzuhalten, und ist borniert.
Ibargüengoitia blättert eine ganze Kollektion mexikanischen Provinzdünkels auf. Er fängt beim Stolz auf die alten Silberminen an, aus denen angeblich drei Viertel des gesamten Silbers stammen, das auf der Welt in Umlauf ist. Er läßt sich Zeit, um Verschrobenheiten seiner Figuren ans Licht kommen zu lassen. So erfahren wir, daß an der Universität von Cuévano das neue Audimax nach einem noch dort lehrenden Professor benannt wird, dieser zur Einweihung aber nicht zugelassen wird und er für sein darauffolgendes Rücktrittsschreiben fünf engbeschriebene Seiten benötigt. Der Roman ist voll von jenem Hickhack, jenem Hin und Her zwischen Kumpanei und Fehde, zwischen pompöser Feierlichkeit und miefigem Kleingeist, der für die Provinz so typisch ist.

Die globale Provinz

Die Falltür unterm Sofa öffnet sich in dem Moment, da man gewahr wird, daß es nicht nur um die spöttische Denunziation anderer, der Provinzler, geht. Die Verhältnisse, von denen Ibargüengoitia schreibt, machen vor den großspurigen Kosmopoliten und weltgewandten Zeitgenossen nicht halt. Die Lügen, die den eigenen Ruhm begründen helfen, sind nicht ans ländliche Milieu gebunden, sondern prägen die Selbstlegitimation ganzer Staaten. Estas ruinas que ves – die Ruinen als Überreste angeblichen Glanzes werden allerorten gerne gezeigt. Und der persönliche Kleinkrieg im Geflecht der Macht bestimmt nicht nur in Cuévano die Politik.
Jorge Ibargüengoitia als Moralisten zu bezeichnen, ginge wohl etwas zu weit. Da ist zum einen die doppelte Liebesgeschichte, die das ganze Buch durchzieht und im Kontrast zur Provinzialitätskritik steht. Hier ist von Ironie nichts mehr zu merken, vielmehr erzählt der Autor fließend und – in diesem spöttischen Buch ist das merkwürdig – sogar anrührend von den zwei Frauen, Gloria und Sarita. Die Umstände der Liebschaften sind durchaus typisch für Cuévano, will sagen: verkorkst. Aber in den Beziehungen selbst ist der Erzählton plötzlich ein anderer, ernsterer. Es scheint, als könne der Professor sich trotz aller Hindernisse doch in den Verhältnissen einrichten, indem er sie benennt, bedauert oder belächelt. Eine moralische Revolution anzuzetteln, ist genauso wenig die Sache Ibargüengoitias, wie abzustreiten, daß ein angenehmes Leben im unmoralischen möglich ist.
Zum anderen: Für einen hundertprozentigen Moralisten kritisiert Ibargüengoitia auch viel zu nachsichtig. Seine Haltung ist vielmehr die eines Zeigenden, Erhellenden. Ihm geht es weder um eine vernichtende Fundamentalkritik noch um große Entwürfe, sondern um den eindringlichen Blick aufs Bestehende.
Als „vielfachen Spiegel verbrauchter Utopien“ hat ein Kritiker, Arturo Azuela, sein Werk bezeichnet. Damit ist der an der Oberfläche so altmodisch-beschauliche, der vergessene Ibargüengoitia ziemlich aktuell.

Die eingangs erwähnten Umstände der Preisverleihung 1975 hat Jorge Ibargüengoitia 1977 in der Zeitschrift Vuelta selbst erzählt.

a. Aus dem mexikanischen Spanisch von Peter Schwaar, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 1999, 22,80 DM (ca. 12 Euro).

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