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Kalte Luft

Der chilenische Schriftsteller Roberto Bolaño (1953-2003) hat sich nicht nur durch umfangreiche Romane wie Die wilden Detektive oder das unvollendete Riesenwerk 2666 ausgezeichnet, das soeben auf Spanisch herauskam und mit höchstem Kritikerlob bedacht wurde. Er ist auch Verfasser von Erzählungen. Telefongespräche heißt deren jüngster Band, und bereits der Titel verweist auf ein Kontinuum aller 14 enthaltenen Texte: die Distanz. Von einem erzählenden Ich aus werden Lebenswege von Menschen betrachtet: Geliebte, SexpartnerInnen, KollegInnen. Dabei wird nicht nur telefoniert. Der ganze Band ist durchzogen von einer solchen Ruhelosigkeit –häufige Ortswechsel, flüchtige Gefühle und rasch verfallende Überzeugungen –, dass das Telefongespräch geradezu als eine ideale metaphorische Klammer erscheint.
Diese Kälte konsequent durchzuhalten ist Bolaños große Kunst. Denn obwohl seine Figuren unter ihr leiden, kommt er ihnen mit seinem chronistisch-nüchternen Ton kein Stück entgegen. Zum Beispiel Clara, die „psychische Probleme“ hat: Sie heiratet. Der Mann, den sie liebt, beginnt sie nach ein, zwei Jahren zu schlagen. Eine Zeile weiter trennen sie sich. „Und obwohl Clara sich glücklich schätzte, einen Ehemann losgeworden zu sein, der sie schlug, war sie im Grunde ein verzweifelter Mensch.“ Es folgen Telefongespräche, alle drei, vier Monate, dann stirbt Clara an Krebs.
Bolaños Erzählungen sind Variationen eines Grundgedankens, aber sie umkreisen ihr Thema in unterschiedlichen Bahnen. Auch zärtliche Töne sind zu vernehmen, wie in der Erzählung „Sensini“ über einen Schriftsteller, der sich einen Sport daraus macht, dieselben Texte bei mehreren Wettbewerben einzureichen – eine Parodie auf die korrupte Preisvergabe im spanischen Literaturbetrieb. Sensini und der Erzähler wechseln sogar ausführliche Briefe und wollen sich besuchen. Dann schreibt Sensini nicht mehr, geht nach Argentinien und stirbt.

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