Honduras | Nummer 560 - Februar 2021

KARAWANE IN DEN NORDEN

Die Auswanderung ist das Spiegelbild einer humanitären Krise

Mitte Januar hat die guatemaltekische Armee eine Karawane von tausenden Migrant*innen aus Honduras auf ihrem Weg in die USA gestoppt. Die Menschen hatten sich organisiert und gemeinsam auf den Weg gemacht, da sie so sicherer vor Überfällen durch kriminelle Banden sind. Die Gründe dafür, dass sich jedes Jahr tausende Honduraner*innen dazu entscheiden, ihr Land zu verlassen, sind vielfältig. Während vor allem Jugendliche Gefahr laufen, Opfer organisierter Gewalt zu werden, haben die Folgen der jüngsten Naturkatastrophen und der Coronapandemie die Lebensgrundlagen vieler Menschen komplett zerstört. Das honduranische Medium Radio Progreso analysiert die aktuelle Situation und die Strukturen, die Emigration als einzigen Ausweg aus Gewalt, korrumpierter Politik und Umweltzerstörung erscheinen lassen.

Von Radio Progreso, Übersetzung: Anika Pinz

An der Grenze zu Guatemala 40 Prozent der honduranischen Jugendlichen planen auszuwandern (Foto: Radio Progeso)

Guatemaltekische Sicherheitskräfte haben die Karawane von über 7.000 honduranischen Migrant*innen unterdrückt und mit Gewalt auseinandergetrieben. Die Bilder spiegeln die humanitäre Krise, die Honduras momentan durchlebt und die auf die geschwächten Institutionen des Landes zurückzuführen ist. Die Regierung nutze die wenigen vorhandenen Ressourcen, um der Korruption und den Drogenkartellen in die Hände zu spielen. Dabei verletze sie die Grundrechte der Bevölkerung, meint Elvin Hernández, Präsident der jesuitischen Menschenrechtsorganisation ERIC, die Radio Progreso betreibt, im Interview.
Die Coronapandemie und die wirtschaftlichen Schäden nach den Hurrikanes Eta und Lota im November 2020 haben die humanitäre Krise in Honduras noch verstärkt. „Die Karawane zeigt die Verzweiflung der Menschen, die Arbeitslosigkeit, Hunger und die Zerstörung ihrer Häuser ausgelöst haben. Und dann müssen sie noch mit ansehen, wie jegliche Antwort des Staates ausbleibt“, so Elvin Hernández weiter.
Die Migrant*innen machen den honduranischen Präsidenten Juan Orlando Hernández für die Krise verantwortlich. Sie sind sich darin einig, dass der Präsident sein Amt niederlegen sollte, damit er strafrechtlich verfolgt und für seine direkten Verbindungen zum Drogenhandel und die massive Veruntreuung von Mitteln der öffentlichen Hand zur Rechenschaft gezogen werden kann.
Angesichts dessen stellt sich die Frage, warum sich die Karawane nicht auf den Weg zum Palast des Präsidenten aufmacht. Warum wird der Slogan „Weg mit Juan Orlando Hernández” stattdessen in andere Länder getragen? Elvin Hernández glaubt, dass es auf diese Fragen keine einfachen Antworten gibt. Für ihn scheint es, als habe die Bevölkerung aufgehört, Honduras als ein Land zu betrachten, das den Menschen Alternativen anbieten kann. Für die Bevölkerung gebe es keine politische Partei, die das Land reformieren könne. „Unser Gefühl sagt uns: Hier gibt es nichts zu tun!“, führt Elvin Hernández weiter aus und erklärt, dass ein weiterer triftiger Grund für die Migration die Beziehungen der Migrant*innen zu ihren Familienmitgliedern in den USA sind. „Die Leute leben von den Überweisungen ihrer Verwandten und glauben, dass sie in den USA die Antworten finden können, die ihnen in Honduras fehlen. Das hat auch mit dem brüchigen sozialen Gefüge und einem Mangel an politischer Bildung zu tun.”
Nach Studien der lateinamerikanischen Fakultät für Sozialwissenschaften (FLASCO) führt das hohe Niveau von Gewalt und Armut, der Mangel an Arbeitsplätzen und der fehlende Zugang zu Bildung dazu, dass vier von zehn honduranischen Jugendlichen auswandern oder dies planen.
Der Vorsitzende von FLASCO Honduras, Rolando Sierra, berichtet, dass Jugendliche häufig Opfer organisierter Gewalt werden und es ihnen an Perspektiven mangele, um weiterhin in einem verwüsteten Land zu leben. Sierra erklärt: „Trotz der Grenzmauer und der Repression durch den guatemaltekischen Staat wird es 2021 eine starke Migrationsbewegung geben. Faktoren im Inneren von Honduras zwingen die Menschen dazu, ihr Land zu verlassen“.

Die Pandemie als Rechtfertigung einer gescheiterten Migrationspolitik

Laut dem Koordinator des jesuitischen Netzwerks der Migrant*innen in Guatemala, José Luis Gonzáles SJ, bildet die Coronapandemie für die Regierungen Mexikos und Guatemalas die perfekte Rechtfertigung dafür, die Karawane aus Honduras die Grenzen nicht passieren zu lassen. Dabei lassen sie unbeachtet, dass die Migration nicht freiwillig geschieht und ihre Ursachen struktureller Natur sind. Im Vergleich zu früheren Jahren besteht die aktuelle Karawane in der Mehrheit aus unbegleiteten Minderjährigen, die die Gewalt und die verschärfte Armut, die Pandemie und die Tropenstürme 2020 zu Waisen gemacht haben. Es sind erschütternde Bilder: Kinder, die ohne jegliches Gepäck unterwegs sind und Familien, die einzig und allein von der Hoffnung angetrieben werden, die USA zu erreichen, weil sie in Honduras nichts haben.
Gonzáles beklagt weiterhin, dass Guatemala die Pandemie als Ausrede benutze, um die Forderungen der USA zu erfüllen. Ihm zufolge versucht das Land schon seit geraumer Zeit, das CA-4-Abkommen aufzuheben, das den Menschen zumindest theoretisch ermöglicht, sich in Zentralamerika frei zu bewegen.
In der Vergangenheit hatte sich die guatemaltekische Bevölkerung solidarisch mit den honduranischen Migrant*innen gezeigt. Doch die Pandemie ruft eine Situation hervor, in der die Gesellschaft in einem Klima der Angst gefangen ist. Außerdem hätten die Menschen keine Kapazitäten, um sich zu organisieren und eine solidarische Antwort auf den Hunger und die Kälte, unter denen die Migrant*innen leiden, zu finden, analysiert Úrsula Roldán, Wissenschaftlerin und Koordinatorin vom Institut für Migration der Universität Rafael Landívar in Guatemala gegenüber Radio Progreso.
Laut Roldán steht den Migrant*innen auf guatemaltekischem Territorium eine schmerzliche Zukunft bevor. Ein weiterer Grund dafür ist die Anordnung der Regierung von Alejandro Giammattei, die es internationalen Organisationen wie der UNO Flüchtlingshilfe in Guatemala verbietet, humanitäre Hilfe zu leisten, sodass Hunger und Repression die Menschen dazu zwingen, an die Grenze in den Norden zurückzukehren.

www.radioprogresohn.net


DIE HOFFNUNG BESIEGT DIE ANGST
Die Karawane, die am 15. Januar in San Pedro Sula in Honduras aufgebrochen ist, wurde inzwischen aufgelöst. Laut der Nachrichtenagentur Reuters wurde die Karawane vom guatemaltekischen Militär auseinandergetrieben und mindestens 4.500 der ursprünglich 8.000 Migrant*innen nach Honduras zurückgeschickt.
Die Wut auf den honduranischen Präsidenten Juan Orlando Hernández, der nach einer umstrittenen Wahl nun schon seit sieben Jahren regiert, wächst. Während seiner Amtszeit hat sich die humanitäre Krise im Land drastisch verschärft. Die Pandemie hat die Situation für die honduranischen Migrant*innen nicht nur innerhalb ihres eigenen Landes verschlechtert, sondern erschwert ihnen auch das Passieren der Grenzen innerhalb Mittelamerikas. Neben einem gültigen Ausweisdokument müssen Migrant*innen an der Grenze zu Guatemala nun auch einen negativen Coronatest vorweisen. Migrant*innen, die Symptome aufweisen und nach ihrer Einreise positiv auf das Coronavirus getestet werden, werden in guatemaltekischen Quarantäne-Einrichtungen untergebracht, bevor sie das Land wieder verlassen müssen.
Inzwischen organisiert sich in den sozialen Netzwerken bereits eine weitere Karawane. Viele Migrant*innen hoffen unter US-Präsident Joe Biden auf eine Verbesserung der Situation. Doch während der angekündigt hat, Abschiebungen aus den USA für 100 Tage auszusetzen, gibt es bisher keine Hinweise darauf, dass er die unter Trump geschlossenen Abkommen zwischen den USA und den Regierungen Mexikos und Guatemalas außer Kraft setzen will. Medienberichten zufolge gibt es erste Gespräche zwischen Biden und Mexikos Präsident Andrés Manuel Lopéz Obrador über ein vier Milliarden US-Dollar schweres Hilfspaket für Mittelamerika. Kritiker*innen meinen, dass diese Bemühungen angesichts der systematischen Korruption in Honduras wohl kaum bei der Bevölkerung ankommen würden. Den Migrant*innen aus Honduras bleibt also keine Alternative. So besiegt die Hoffnung auf ein besseres Leben die Angst vor dem Scheitern ihres Vorhabens. // Anika Pinz

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