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Land aus Wasser, Licht und Transparenz

Nur auf meiner Insel“, erklärt Dolo Garcia mit leuchtenden Augen, „wächst eine Kokospalme, deren Stamm unterhalb der Krone – ohne jeden ersichtlichen Grund – wie ein umgedrehtes Fragezeichen geformt ist.“ Er zeichnet zu Demonstrationszwecken mit seinem schwieligen, durch die Arbeit mit Nylonsehnen und -netzen zernarbten Finger eine Linie in den Korallensand, die in einen plötzlichen Bogen übergeht, und beteuert: „So etwas habe ich vorher in meinem ganzen Leben nicht gesehen.“
Ich verstehe seine Begeisterung nicht: Ist das Wachstum einer Palme so wichtig, um sich darüber den Kopf zu zerbrechen? Doch Garcia deutet mein Unverständnis als Unglaube und verspricht, mir am nächsten Morgen das seltene Exemplar höchstpersönlich zu zeigen.

Inselhausmeister auf dem Atoll

Wir befinden uns auf Middle Cay, einem winzigen Eiland auf dem Atoll des Glover’s Reef, 50 Kilometer vor dem mittelamerikanischen Festland. Dolo ist der einzige Mensch, der permanent hier wohnt: „Ich bin eine Art Hausmeister. Bloß, dass ich mich eben nicht um ein Haus kümmere, sondern um eine Insel. Sie ist Teil des Meeresschutzgebietes.“ Wegen dieses Jobs kann er seine Familie nur alle zwei Wochen besuchen. Nachts dreht er sein Radio auf volle Lautstärke, um Wind und Dünung zu übertönen – sonst kann er nicht einschlafen.
Dolos Eiland ist eines von über 450, die vor der sumpfigen Mangrovenküste des Staates Belize in der Karibik liegen wie ausgeschüttete Perlen. Die meisten sind unbewohnt. Auf manchen leben Fischerfamilien, einige wurden für den Tourismus entwickelt, ein paar befinden sich in Privatbesitz.
Jede Insel wirkt wie ein kleiner Planet inmitten eines Weltraums aus Wasser, Licht und Transparenz, mit einer eigenen Atmosphäre, einer eigenen Zeit, so scheint es, und eigenen Gesetzen.
Im Gebiet der Sandfly Cays sammelt Tania Taylor, eine Garifuna, eine schwarze Karibin, regelmäßig wohlschmeckende Conch-Schnecken für ihre sechsköpfige Familie, die am sandfliegenverseuchten Strand in einer palmgedeckten Bretterhütte schläft. Ausgerüstet mit Flossen, Schnorchel, Taucherbrille, um die Brust ein Seil, das mit ihrem Einbaum verbunden ist, schwimmt Tania kilometerweit im Schutz des Barriereriffs durch seichtes türkisgrünes Wasser.
Ihren Augen entgeht keines der im Seegras weidenden, dreißig Zentimeter langen Weichtiere, die sich per hakenartiger Kralle über den sonnendurchfluteten Meeresgrund fortbewegen. Sie nimmt nur die ausgewachsenen Schnecken, haut mit ihrem Zimmermannshammer ein kleines Loch in eine bestimmte Stelle des Gehäuses, fährt dort mit dem Messer hinein und durchtrennt die Sehne, die die Schnecke mit ihrem Kalkpanzer verbindet: „Nur auf diese Weise kriege ich ihr Fleisch raus. Da sich so eine Schnecke mit übermenschlicher Stärke an ihre Schale klammert, würde ich ja sonst noch an ihrem Hakenfuß ziehen, wenn es längst dunkel ist!“ Die Fischerin beißt in das rohe, an Hühnerbrust erinnernde Fleisch, nimmt ein Stück aus dem Mund und gibt es ihrem Kind, das vom Einbaum aus alles mit angesehen hat, zu essen. Ob sie keine Angst vor Haien habe? „Der Staat ist der Hai!“, lacht Tania.

Piratenküste

Staat, Steuern, Unfreiheit – das mochten die stets auf ihre Unabhängigkeit bedachten Menschen in Belize noch nie. Die Maya, welche das Land seit Urzeiten besiedeln und heute etwa zehn Prozent der Bevölkerung ausmachen, wehrten sich vehement und über Jahrhunderte erfolgreich gegen europäische Eindringlinge. Und so dienten lediglich die vorgelagerten Eilande den gesetzlosen britischen Freibeutern – sogenannten Baymen – als Unterschlupf. Die planten von hier Raubzüge auf spanische Handelsschiffe. Dem Pirat Glover verdankt eines der drei belizischen Atolle seinen Namen, und es heißt, das Wort „Belize“ sei abgeleitet von den Piratennamen Willis oder Wallace.
Ab 1670 widmeten sich die Baymen dem Tropenholzhandel, behielten aber ihren unorganisierten Status bei und galten lange Zeit offiziell nicht als Untertanen der britischen Krone. Afrikanische SklavInnen mussten für sie im Dschungel Mahagoni schlagen und die Flüsse hinab zur Küste schwemmen. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erreichten die Garifuna in Einbäumen aus Honduras segelnd, die Küste von Belize. Ihr unbändiger Freiheitsdrang bewahrte sie davor, versklavt zu werden. Heute stellen sie sieben Prozent der BelizerInnen.

Rückzugsort

Nach ihnen kamen tausende mexikanische Maya-Indigenas, die vor Krieg und Unterdrückung aus ihrer Heimat geflohen waren, in die ab 1862 etablierte, British-Honduras genannte Kolonie. Mitte des 20.Jahrhunderts siedelten sich deutschstämmige MennonitInnen an – seit Generationen auf der Suche nach einem Ort, wo die Staatsgewalt sie endlich in Ruhe lassen würde. Ihnen folgten in den achtziger Jahren Flüchtlinge aus Guatemala und El Salvador. Staatliche Unabhängigkeit erlangte Belize trotz der Freiheitsliebe seiner BewohnerInnen aber erst 1981.

Keine Zukunftssorgen

Auf Cay Caulker, einer Insel der Hummerfischer und Touristen, die einst von einem Hurrikan in zwei Hälften geteilt wurde, lebt der Poet Sherman Gillet, ein Angehöriger des Rasta-Kultes. Er besitzt nicht viel: Über seiner einfachen Stelzenhütte weht die Äthiopische Flagge in der Meeresbrise, und aus seinem Kassettenrekorder dröhnt bassschwerer Reggae: Israel Vibrations‘ beklemmendes „Naw, wi naw give up the fight“. Über dem Holzfeuer kocht er „ital“, das heißt Gartenfrüchte, Süßkartoffeln, frischen Fisch – stets ohne Salz. Auf keinen Fall Fleisch. „Viele Touristen, die aus den USA und Westeuropa auf unsere Insel kommen, haben Angst vor der Zukunft und vergessen das Wichtigste: die Gegenwart“, meint Sherman. „Sie versuchen, die Gegenwart daheim durch schwere Arbeit und hier durch ausschweifenden Alkoholkonsum zu betäuben. Ich sage zu ihnen: Der Allmächtige gibt uns unser täglich Brot, und nur das ist, was wir brauchen, denn auf dieser Welt können wir immer nur an einem bestimmten Tag leben: heute. Zukunftssorgen nützen nichts.“
Ob er davon träume, nach Afrika, in das Land seiner Vorfahren, zurückzukehren? „Der Prophet Marcus Garvey sagte in Jamaika voraus, dass eines Tages Schiffe kommen, die uns abholen und nach Hause bringen“, erwidert er. „Ich aber glaube: Die ganze Welt ist Afrika. Gott – wir nennen ihn Jah – offenbart sich jeden Tag: Ich sehe Ihn in den Wolken, im Perlmuttschimmer der Marlins und Thunfische, höre Ihn im Gesang der Vögel und im Geschrei der spielenden Kinder.“
Am Abend gibt es vor der Reef Bar einen Streit: Einheimische Billardspieler schleudern einem Touristen Geld ins Gesicht, das dieser kurz zuvor für ein Spiel geboten hat. „Sehr typisch“, meint Sherman. „Manche denken, sie könnten mit Geld alles kaufen. Nicht bei uns: Unser Stolz wiegt mehr als alles Geld!“

Rückbesinnung auf die eigenene Wurzeln

Spiritualität, Selbstbewusstsein, Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln, ein Leben möglichst im Einklang mit der Natur – das alles sind wachsende Trends im neuen Belize, dem einzigen Staat auf der zentralamerikanischen Landbrücke, in dem Englisch Amtssprache ist. Viele der 280.000 EinwohnerInnen betreiben Subsistenzwirtschaft und leben beinahe autark. Andere haben Beschäftigung in der Tourismusbranche und den zahlreichen Naturschutzgebieten gefunden. Diese nehmen fast die Hälfte der Landesfläche ein, deren Größe etwa der Mecklenburg-Vorpommerns entspricht. Zucker, Bananen, Zitrusfrüchte, Marihuana, Langusten und Fisch sind die wichtigsten Exportprodukte.

Naturgewalt und Schulden

Der palästinensischstämmige Premierminister Said Musa steht dennoch vor Schwierigkeiten: Die häufigen und zerstörerischen Hurrikans beeinträchtigen die wirtschaftliche Entwicklung, Auslandsschulden ersticken das Land. Probleme bereiten illegale Schusswaffen aus den USA: Sie werden oft bei Auseinandersetzungen zwischen Drogenbanden eingesetzt. Viel hängt von privaten Geldspenden, Hilfsorganisationen und von den 100.000 im Exil lebenden BelizerInnen ab, die ihre Angehörigen daheim mit US-Dollars und Britischen Pfund unterstützen. Ganz unwichtig ist Geld eben doch nicht. Letztes Jahr kam es zu Zusammenstößen zwischen der Staatsgewalt und DemonstrantInnen, die gegen drastische Steuererhöhungen protestierten.
Übrigens: Dolo Garcia hält sein Versprechen. Zeitig am Morgen wandern wir gemeinsam zwischen Hunderten von Palmensäulen ins Inselinnere – auf der Suche nach der seltsam geformten Kokospalme. Garcia findet sie sofort. „Da!“, sagt er stolz. „Verstehst du nun?“

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