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Licht gegen Feuer

Chile 1970: Freudentaumel und Aufbruchsstimmung. Die Volksregierung UP und ihr Kandidat Salvador Allende haben mit überwältigender Mehrheit die Wahlen gewonnen. Sie wollen nicht nur ein umfangreiches soziales Programm in Angriff nehmen, sondern den armen analphabetischen Massen auch das Licht der Kultur nahe bringen. Vor allem der Zugang zu Literatur soll ihnen erschlossen werden. Diese Aufgabe fällt Oliverio Sotomayor zu, und er weiß, dass sie eigentlich unlösbar ist. Als Besitzer einer kümmerlichen Leihbücherei ist ihm klar, dass seine Landsleute allenfalls Trivialromane schätzen. Sein Etat als Kulturbeauftragter reicht kaum für sein Gehalt und schon gar nicht für den Aufbau von Volksbibliotheken. Die geniale Lösung: Brigaden junger Menschen werden die Texte der Weltliteratur auswendig lernen und den anderen vortragen. Eine eindrucksvolle Metapher für den Kampf um die Köpfe.

Die andere Seite

Geheimdienstoberst Perthel, Anhänger der seit zweihundert Jahren herrschenden Ordnung, begreift, dass ein frontaler Kampf gegen die Hurensöhne der Volksregierung töricht wäre. Er nimmt seinen Abschied, ehe man ihn entlässt. Im Hintergrund beginnt er das Netz des Komplotts gegen die Regierung zu knüpfen. Seine ideologische Feindschaft erhält einen weiteren Impuls, als auch seine umfangreiche Bibliothek für die literaturbegeisterten BrigadistInnen zum großen Teil enteignet wird.

Lebendige Geschichte

Der chilenische Autor Omar Saavedra Santis inszeniert in seinem Roman „Die große Stadt“ den Kampf der Reaktion gegen eine demokratisch gewählte, sich als revolutionär verstehende Regierung. Hauptschauplatz ist nicht die Metropole, sondern die lebenspralle pulsierende Hafenstadt Valparaíso, die „große Stadt“, bevölkert von einer Fülle farbiger Charaktere aus der Schicht der kleinen Leute. Der Aufbruch der BrigadistInnen, die das Licht (der Aufklärung) in, genauer gesagt: über das Volk bringen, verleiht dem Roman Schwung. Ex-Geheimdienst-Oberst Perthel, der auf „das Feuer“ setzt, sorgt als ein wahrer Hundsfott für zusätzliches Kolorit. Die Generäle, die den von ihm organisierten Putsch blutig ausführen, agieren als alberne Hampelmänner an seinen Drähten. Mit bösem Witz verballhornt Saavedra die Namen dieser geschichtlichen Akteure.
Das Experiment der Regierung Allendes, eine sozialistische Revolution unter demokratischen Bedingungen durchzuführen, bildet die Folie für Saavedras Roman. Aber der Autor zielt nicht auf eine historisch-realistische Rekonstruktion des politischen Prozesses. Durch die Metaphern des „Lichts“ (die euphorischen BrigadistInnen) und des „Feuers“ (Perthel) lässt er die LeserInnen den Schwung des Aufbruchs und das brutale Scheitern erleben.

Was vermag Literatur?

Der Glanz der Metaphern, die einem Text Farbe verleihen, hat freilich seinen Preis: begriffliche Unbestimmtheit. Saavedra erzählt nicht, welches Licht den „Menschlein“ aufgeht, wenn sie aufmerksam den Erzählungen der begeisterten BrigadistInnen lauschen. Perthels intelligent vorbereiteter Putsch trifft sie trotz des „Lichtes der Aufklärung“ ahnungs- und hilflos. Ein realistisches Eingeständnis der politischen Wirkungslosigkeit von Literatur? Oder anders gefragt: Welche Einsichten vermittelt diese poetische Version über die politischen Analysen hinaus, die Allendes Experiment und sein Scheitern begleiteten?

Die Geschichte des Buches

Saavedra schrieb diesen Roman in der DDR, seinem Exil, wo er 1986 ohne großes Echo veröffentlicht wurde. In einem „Kein Nachwort“ überschriebenen Nachwort zum Anschlag in New York im September 2001 formulierte er seine Zweifel an der Gegenwartsnähe seines Buchs. Dieser Zweifel ist gewiss berechtigt. Doch andererseits werden LeserInnen ohne bleischwere Erinnerungen, für die Utopie kein Schimpfwort ist, an der erzählerischen Verve durchaus ihr Vergnügen finden.

Omar Saavedra Santis,
Die große Stadt.
Edition Schwarzdruck,
verlegt bei Marc Berger, Berlin 2001, 20,- Euro.

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