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Liebe, Würde und Patriotismus

Beinahe hätte ich ihn übersehen, den kleinen Band in Havannas größter Buchhandlung „La Moderna Poesía“. Sein Titel: Homosexualidad, Homosexualismo y Ética moderna. Der Autor Felipe de J. Pérez Cruz ist Professor der Pädagogik am renommierten Instituto Superior Pedagógico „Enrique José Varona“ und das Buch durchaus bemerkenswert. Schließlich ist es – vierzig Jahre nach Castro – die erste offiziöse Veröffentlichung zu einem Phänomen, dass bis in die neunziger Jahre auf der roten Insel kein Thema, weil generell unerwünscht, war.

Vision von Akzeptanz statt Diskriminierung

Der Wissenschaftler und Kommunist Pérez will das ändern. Er will Vorurteile abbauen und wirbt für mehr Toleranz. Staat und Gesellschaft sollten die BürgerInnen so akzeptieren, wie das Leben sie hervorbringt. Das auf dem Marxismus-Leninismus aufbauende Menschenbild kenne keine Diskriminierung von Lesben und Schwulen, vielmehr biete es die grundlegenden Voraussetzungen für ihre gesellschaftliche Akzeptanz, so lautet eine seiner Erkenntnisse. Und die andere: Kuba sei auf dem besten Weg zu diesem Ziel. Sein Plädoyer beendet Pérez mit einer Vision. Pathetisch ruft er im Schlusssatz aus: „Innerhalb dieser großen Einigkeit von Liebe, Würde und Patriotismus (…) gibt es keinen Ausschluss”). Das ist ein hehrer Anspruch. Nur: Was hat er zu tun mit der Wirklichkeit, mit dem Alltag schwuler Männer und lesbischer Frauen in Kuba heute? Wie leben sie in der 2-Millionen-Metropole Havanna? Gibt es so etwas wie eine homosexuelle Kommunikationsstruktur? Auch eine homosexuelle Emanzipationsbewegung in der beschworenen „großen Einigkeit von Liebe, Würde und Patriotismus“ ? Antworten auf diese und andere Fragen sucht die LeserIn bei Pérez vergebens. Als handelnde Subjekte kommen Lesben und Schwule in seinem Buch nicht vor. Dabei ist die postrevolutionäre Geschichte der Homosexuellen in Kuba unaufhebbar, ja in geradezu tragischer Weise mit der Geschichte der kubanischen Revolution verknüpft.
Im ersten Jahrzehnt nach dem „Triumph der Revolution“ lösten idealtypische Vorstellungen darüber, wie der „neue Mensch der Zukunft“ beschaffen sein soll, eine brutale Repression aus. Homosexualität galt als „Übel des Kapitalismus“.

Ein richtiger Mann werden

Das Ideal des Revolutionärs favorisierte soldatische Tugenden wie Disziplin, Härte, Gehorsam und Askese. „Wir sind niemals zu der Überzeugung gekommen“, so der maximo lider Fidel Castro 1966, „dass ein Homosexueller die Charakterstärke eines Revolutionärs hat“. Wer in den sechziger Jahren offen schwul lebte oder als maricón (Schwuler) denunziert wurde, kam in spezielle Arbeitslager der UMAP (Unidad Militar de Ayuda a la Producción – Militäreinheiten zur Unterstützung der Produktion). Dort sollte er, wie es offiziell hieß, durch Arbeit „zum richtigen Mann werden“. Zwanzig Jahre später versuchte die Partei, sich mit einem Schlag der ungeliebten Minderheit zu entledigen. Im Frühjahr 1980 hielten Tausende KubanerInnen die Botschaft Perus in Havanna besetzt und wollten damit ihre Ausreise erzwingen. Die Behörden zeigten sich generös. Ausreisen durfte, wer einen Antrag unterschrieb, in dem er sich als escoria, als Abfall der Gesellschaft, bezichtigte. Abfall war, wer entweder enge Verwandte im kapitalistischen Ausland hatte, ein Aufnahmeland nachweisen konnte oder sich als homosexuell outete. Tausende Homosexuelle, vorwiegend junge schwule Männer, unterwarfen sich dieser entwürdigenden Prozedur. Sie konnten gehen. Insgesamt waren es 35.000, ein Drittel aller KubanerInnen, die im Rahmen der „Aktion Mariel“ (genannt nach dem kleinen Ausschiffungshafen in der Nähe Havannas) die Insel verließen. Begleitet war der Exodus von organisierten Exzessen. Auf Wohnungstüren von AntragsstellerInnen wurde „Hier wohnt ein Schwuler“ geschmiert.

Gejagt und beschimpft

Mitglieder des Komitees zur Verteidigung der Revolution ließen ihnen Wasser und Strom sperren, hetzten Nachbarn und Kinder auf, jagten Schwule unter Schimpf und Schande durch die Straßen — Symptome einer beängstigenden kollektiven Homophobie. Darüber ist bei Pérez nichts zu lesen. Für ihn sind die Vorurteile Relikte des Kapitalismus oder Ausdruck des Machismo. Kein Wort, dass die moral revolucionaria diese nicht nur kultivierte, sondern auch neue hervorbrachte.
Im Winter 1995/96 ist Homosexualität Thema Nummer eins in der kubanischen Öffentlichkeit. Was ist passiert? Der Film Fresa y chocolate erlebte in Havanna seine Uraufführung und tourte danach durch alle Kinos der Provinzen. Er erzählt die Geschichte der Anmache eines linientreuen Habaneros durch einen schwulen Mann. Und er gewährt zum ersten Mal Einblick in den Alltag eines Homosexuellen. Ohne Schminke. Vorgeführt werden die tatsächlichen Verhältnisse: die verlogene Doppelmoral und das von Sexualneid und Missgunst geprägte System einer umfassenden sozialen Kontrolle: durch die Familie, durch die nachbarschaftlichen, allgegenwärtigen cederistas, die Mitglieder der Komitees zur Verteidigung der Revolution, und durch die Spitzel der Staatssicherheit. Resonanz und Erfolg des Films beruhten nicht nur auf dem Bruch des Tabus Homosexualität. Sie beruhten auch auf der schonungslosen Entlarvung jener allgegenwärtigen Aufsicht, die nicht nur von Schwulen und Lesben als unerträglich empfunden wurde (und wird), sondern bis heute allen KubanerInnen die Lebensfreude vermiest.

Isolierter Reinaldo Arenas

Die Zulassung des Films sollte die Souveränität des Regimes im Umgang mit dem bislang unterdrücktem Thema demonstrieren. Dabei kam er nicht von ungefähr. Seit Ende der achtziger Jahre hatten Proteste bei der UNO-Menschenrechtskommission, die erschütternde, weltweit Aufsehen erregende Autobiografie des schwulen Schriftstellers Reinaldo Arenas Antes que anochezca (deutsch 1993: Bevor es Nacht wird), aber auch die totale Isolierung von HIV-Infizierten und AIDS-Kranken in Spezialsanatorien die internationale Kritik an der kubanischen Homosexuellenpolitik immer lauter werden lassen. Die Partei sah sich schließlich zu einem Kurswechsel veranlasst. Der Film signalisierte den Auftakt. Wochen später initiierte sie eine Kampagne zum homosexualismo, eine verordnete Aufklärung von oben. Zu ihr gehörten eine periodisch wiederkehrende Spalte in der Granma, dem Zentralorgan der Partei, Sendungen im Fernsehn, in denen ein Psychologe über die Normalität der Homosexualität dozierte, sowie auch Aufforderungen an Sexualmediziner und Pädagogen, sich des Themas anzunehmen. Auch das eingangs erwähnte Buch des Pädagogen Pérez ist ein Produkt dieser Aktivitäten. Ihre Bedeutung soll keinesfalls unterschätzt werden. Sie haben, wenn auch nicht einen Dialog, so doch ein Nachdenken über die Situation der Homosexuellen in der kubanischen Gesellschaft bewirkt und das bislang zu diesem Thema verordnete Schweigen gebrochen.
Dies allein ist freilich noch kein Grund zu übermäßigem Optimismus. Noch ist die kubanische Gesellschaft weit davon entfernt, Homosexualität als eine normale Erscheinung zu akzeptieren, und die Situation der Homosexuellen im Kuba von heute ist alles andere als rosig. Nach wie vor gibt es keinen nationalen Lesben- und Schwulenverband, auch keine lokalen Vereine oder Clubs. In der 2-Millionen-Metropole Havanna sucht man vergeblich einschlägige Restaurants, Clubs oder Diskotheken. Allein dieser Umstand wirft ein bezeichnendes Licht auf die Situation.

Rückzug ins Private

Schließlich sind Anzahl, Sicherheit und Öffentlichkeit einer homosexuellen Infrastruktur ein wichtiger Indikator für die Toleranz einer Gesellschaft gegenüber ihren homosexuellen MitbürgerInnen. Daran gemessen muss Kuba auch zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts zu den gegenüber Homosexuellen nach wie vor intoleranten Ländern der westlichen Hemisphäre gezählt werden. Auf die herrschenden Verhältnisse reagieren die Schwulen der Insel mit einem Rückzug ins Private. In Havanna sind in den letzten Jahren private Feten, die fiestas por diez pesos in Mode gekommen. Die Orte, Privatwohnungen, werden durch Mund zu Mund Propaganda weitergegeben. Wer teilnehmen will, geht hin, zahlt als Obolus 10 Pesos (ausländische Gäste zehn Dollar) und hat dafür seinen Spaß, bei vorwiegend alkoholfreien Getränken und viel Musik. Hier ist man unter seines gleichen, wenige Stunden später, außerhalb der Räumlichkeiten, jedoch wiederum ängstlich bemüht, als Homosexuelle/r nicht erkannt zu werden, bloß nicht aufzufallen.
Der strikte Rückzug ins Private, der Wunsch, in Ruhe gelassen zu werden, ist angesichts der Verhältnisse durchaus verständlich. Er bedeutet aber auch Hinnahme des Gegebenen, bedeutet Verzicht auf Öffentlichkeit und öffentliche Diskussionen. Es schmerzt feststellen zu müssen, dass es wohl zu den nachhaltigsten Wirkungen der jahrzehntelangen Repressionspolitik gehört, dass kubanische Schwule und Lesben das Politikkonzept, (Homo-)Sexualität sei Privatsache, tief verinnerlicht haben, was sie letztlich daran hinderte, für Veränderungen ihrer gesellschaftlichen Situation selbst zu kämpfen. Doch die Durchsetzung uneingeschränkter Rechte und die dafür notwendigen öffentlichen Diskussionen müssen sie selbst in die Hand nehmen. Das ist zwar ein dornenreicher, aber der einzig Erfolg versprechende Weg.

Der Autor ist Sexualwissenschaftler und arbeitet am Institut für empirische und angewandte Soziologie der Universität Bremen.

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