Literatur | Nummer 549 - März 2020

LYRIK AUS LATEINAMERIKA

Ein Gedicht von Elvira Hernández

Von Elvira Hernández, Übersetzung: Lisa Charlotte Spöri, Andreia Da Silva und Mariana Dopfer

Illustration: Joan Farías Luan, www.cuadernoimaginario.cl

 

Rucanuco

Casa de nuco en lengua nativa.
Pájaro que nunca llegamos a conocer
ni nos fue presentado.
Quizás estuvimos frente a frente
quizás algún ladrido escuchado
venía de su garganta.
Vivíamos ya la época de nombres
sin representación concreta
y cosas tranquilamente innombradas.

 

Rucanuco

Haus der Sumpfohreule, in der Sprache der Eingeborenen.
Vogel, den wir niemals kennenlernten,
der uns auch nicht gezeigt wurde.
Vielleicht standen wir direkt vor ihm
Vielleicht stammte ein gehörtes Bellen
aus seiner Kehle.
Wir lebten längst in der Zeit der Namen
ohne konkrete Entsprechungen
und der einfach unbenannten Dinge.

 


Elvira Hernández (*1951 in Lebu, Chile) entwickelte ihr poetisches Schreiben unter der Militärdiktatur. Ihr Buch La bandera de Chile wurde in den 1980er Jahren heimlich vervielfältigt und machte sie zu einer Ikone des Widerstands. Als herausragende Stimme der aktuellen lateinamerikanischen Lyrik wurde Elvira Hernández – ein Pseudonym für María Teresa Adriasola – u.a. mit dem Nationalen Lyrikpreis Jorge Teillier sowie dem Iberoamerikanischen Lyrikpreis Pablo Neruda ausgezeichnet. 2019 war sie bei der Latinale in Berlin zu Gast. „Rucanuco“ stammt aus ihrem neuesten Gedichtband Pájaros desde mi ventana (2018).

 

Die Übersetzung von Lisa Charlotte Spöri, Andreia Da Silva und Mariana Dopfer entstand im Rahmen der Schreib- und Übersetzungswerkstatt El arte de la inmersión, die im Wintersemester 2019/20 unter der Leitung von Timo Berger am Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin stattfand.

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