Literatur | Nummer 553/554 - Juli/August 2020

LYRIK AUS LATEINAMERIKA

Ein Gedicht von Marie-Célie Agnant

Von Marie-Célie Agnant, Übersetzung: Theresa Benkert
Illustration: Joan Farías Luan, www.cuadernoimaginario.cl

Enfance (Extrait)

Tandis que l’aïeule égrène ses prophéties
les étoiles se posent sur les lèvres
de la petite fille
celle qui refuse les tutus l’organdi
le marché aux illusions des marionnettistes
À la tombée de la nuit
elle dérobe les masques confondus
les fait voler en éclats au bas des falaises
Comme chaque animal
elle fait confiance à ses antennes
à ses côtés nul corps céleste
nul ange gardien
Elle va dans l’espérance de ses semelles
et dans la lumière de l’instant

 

Kindheit (Auszug)

Während die Ahnin ihre Prophezeiung aufsagt
legen sich die Sterne auf die Lippen
des kleinen Mädchens
das Tutus und Batist verweigert
den Trugbildermarkt der Marionettenspieler
Bei Einbruch der Nacht
stiehlt sie die vertauschten Masken
zerschmettert sie am Fuß der Klippen
Wie jedes Tier
vertraut sie auf ihre Fühler
an ihrer Seite kein Himmelskörper
kein Schutzengel
Sie geht in der Hoffnung ihrer Schritte
und im Licht des Augenblicks

 

Marie-Célie Agnant, geboren 1953 in Haiti, lebt seit 1970 in Québec. Sie hat bereits über fünfzehn Werke veröffentlicht, darunter Romane, Lyrik, Kurzgeschichten und Jugendbücher, die weltweit in mehrere Sprachen übersetzt wurden. Für ihren dritten Lyrikband Femmes des terres brûlées wurde sie mit dem Prix Alain Grandbois 2017 der Académie des lettres du Québec ausgezeichnet.

Theresa Benkert, studierte Deutsch-Französische-Studien in Regensburg und Clermont-Ferrand sowie Literaturübersetzen an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Zuletzt erschien ihre Übersetzung Scham von Inès Bayard (Paul Zsolnay Verlag 2020). Für Femmes des terres brûlées, aus dem dieser Gedichtauszug stammt, sucht sie noch einen deutschsprachigen Verlag.

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