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Mit leeren Taschen

Serginhos Leben in Brasilien läuft nicht gerade rund. Nachdem er Familie und Job verloren hat, beschließt er, sein Glück in Portugal suchen. Über das Land am anderen Ende des Atlantiks weiß er nicht viel mehr, als dass er „in ein, zwei Jahren mit vollen Taschen wieder zurückkommen würde“.
In der Erzählung Ich war in Lissabon und dachte an dich, thematisiert der brasilianische Schriftsteller Luiz Ruffato die Hoffnungen und Enttäuschungen der Migration. Gewissermaßen bleibt er sich damit thematisch treu, handelt doch sein fünfbändiger Romanzyklus Vorläufige Hölle, in dem er die Geschichte der brasilianischen Arbeiterklasse erzählt, auch von Migration, allerdings innerhalb Brasiliens.
In der nun erschienenen Erzählung von Ruffato ist es nicht das pittoreske Lissabon der Tourist*innen, das Serginho kennenlernt. Er streunt in Gassen herum und trifft auf andere Migrant*innen, die häufig aus den früheren portugiesischen Kolonien stammen und deren Visa, so wie sein eigenes, seit Langem abgelaufen sind. Serginhos Traum, als gemachter Mann zurückzukehren, ist bei seinem Gehalt in einem Restaurant kaum möglich. Nachdem er gerade ein wenig angespartes Geld im Rotlichtdistrikt ausgegeben hat, lernt er die Brasilianerin Sheila kennen, die ohne gültige Papiere auf den Strich geht. Für einen kurzen Moment scheint sich so etwas wie Glück anzubahnen. Ruffatos neues Buch ist in seiner Kürze eine geniale, mal humorvolle, mal berührende Erzählung. Konventioneller geschrieben als seine bisherigen Werke hinterlässt es nicht weniger bleibende Eindrücke.

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