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Nur psychologische Behandlung bewirkt keine Heilung“

In welchem der drei Länder, die Sie in Ihrem Buch „Die Belagerung des Gedächtnisses“ behandeln – Chile, Argentinien und Uruguay – war die Repression am Stärksten?

Es macht wenig Sinn, die Stärke der Repression zahlenmäßig zu erfassen, die drei Länder haben ja auch ganz unterschiedliche Bevölkerungszahlen. In Uruguay zum Beispiel wurde während der Militärdiktatur ungefähr ein Fünftel der volljährigen Bevölkerung festgenommen und ist durch die Gefängnisse gegangen. Zweihundert bis dreihunderttausend Personen waren von dieser gezielten Art der Unterdrückung betroffen. Verglichen mit den mehreren zehntausend Personen, die in Argentinien verschwunden sind, ergibt das eine paradoxe Situation. In Uruguay ist Folter gezielter, intensiver und mit einer anderen Intention durchgeführt worden. Es gab einen Spruch von einem Offizier, der damals, als Menschenrechtsorganisationen ihren Blick auf Uruguay richteten, sagte: „Okay, wir können diese Subversiven nicht töten, also werden wir sie verrückt machen.“ Diese Äußerung spiegelte eine regelrechte Strategie wieder, bei der nachweislich psychologische Folter angewandt wurde.

Und was passiert dabei mit den Menschen?

Ihnen wird der Schlaf entzogen, sie bekommen nur unregelmäßig zu essen. Die Möglichkeit, auf die Toilette zu gehen, ist auf einmal am Tag beschränkt. Und dann können zum Beispiel nur die Personen, deren Namen mit Buchstaben von A bis L beginnen, morgens gehen, und die anderen müssen bis abends warten. Diese systematische Beeinträchtigung grundlegender Bedürfnisse ruft massive Störungen hervor.
Wenn diese Gruppe durch widersprüchliche Nachrichten und falsche Hoffnungen auf vermeintliche Amnestierungen weiter durcheinander gebracht wird, dann ist sie innerhalb einer Woche völlig verwirrt. Die gesamte Situation in den Gefängnissen war damals darauf ausgerichtet, ein allgegenwärtiges Gefühl von Ohnmacht und Ausgeliefertsein zu erzeugen. Erschwerend kam es hinzu, dass Ärzte und Psychologen, die in den Gefängnissen arbeiteten, ihre Berichte an den Kommandanten des Gefängnisses weitergaben. Der Gesundheitszustand eines jeden wurde so genau registriert, seine schwachen Stellen waren den Folterern bekannt.

Wie kann man jemanden, der das überlebt hat, behandeln?

Zunächst einmal glaube ich nicht, dass sich alle diese Menschen eine Behandlung durch Ärzte oder Psychologen wünschen. Allein die Behandlung durch einen Psychologen bewirkt keine Heilung. In Uruguay gibt es eine Regel, dass jemand für jedes Jahr, das er eingesessen hat, zwei oder drei Jahre für die Rente anerkannt bekommt. Das klingt kleinlich und vielleicht nur am Geld orientiert, aber jemand der so entschädigt wird, kann sich sagen, dass der Staat seine Verantwortung anerkennt.
Menschenrechtsverletzungen erzeugen eine neue Dimension psychischen Leidens, es ist ein durch staatliche Willkür und Gewalt herbeigeführtes Leid.
Aus den Erfahrungen mit Menschen aus Holland, Norwegen und Polen, die nationalsozialistische Konzentrationslager überlebt haben, wissen wir heute, dass Heilungs- und Wiederherstellungsprozesse verstärkt im sozialen und kulturellen Raum stattfinden. Es hat eine ganz andere Bedeutung, wenn die Gesellschaft akzeptiert, dass es Konzentrationslager gegeben hat, und dass viele Menschen nicht aus eigenem Verschulden, sondern im Zuge einer staatlicher Vernichtungsstrategie dorthin geraten sind.

Wie verlief der Prozess in Chile und Argentinien?

Jeder Staat verfolgte eine eigene Strategie der Repression. In Argentinien war sie mehr darauf ausgerichtet, Menschen verschwinden zu lassen. Die Folter war punktueller und hatte nicht eine solch systematische Ausrichtung wie in Uruguay. Auch in Chile spielte Folter eine wichtige Rolle. Die dort angewandten Techniken wurden von Jahr zu Jahr raffinierter.

Wie stand es um die Behandlung der betroffenen Personen während ihrer Inhaftierung?

In Chile war es erstmals in der Welt möglich, dass PsychotherapeutInnen, SozialarbeiterInnen und Priester schon während der Diktatur die Betroffenen im Gefängnis betreut haben. Die Gefangenen waren so weniger allein mit ihrem Leid und den Auswirkungen der Folter. Sie konnten dadurch auch ihren sozialen Zusammenhalt innerhalb des Gefängnisses ausbauen.

Und das diktatorische Regime hat das zugelassen?

Es blieb ihnen nichts anderes übrig. Sie konnten ja nicht wissen, dass die Person, die einmal die Woche zu Besuch kam, ein Psychotherapeut war. Die Besucher wurden ja nicht immer nach ihrem Beruf gefragt. Im Nachhinein haben sie dann Gedächtnisprotokolle erstellt und so den Zustand „ihrer Patienten“ laufend dokumentiert.

Hat sich das auch positiv auf den gesellschaftlichen Umgang mit den Betroffenen nach der Diktatur ausgewirkt?

Nein. Die chilenische Regierung verfolgt eine halbherzige Strategie. Es gibt ein Programm namens PRAIS, das den Familien von durch die Diktatur getöteten oder verschwundenen Personen medizinische Grundversorgung garantiert. Aber eine allgemeine Anerkennung von Folteropfern gibt es nicht. Anerkannt werden nur die Fälle von Folter, die nach 1988 geschehen sind, weil Chile vorher die Konvention gegen die Anwendung von Folter nicht unterzeichnet hatte. Die Pinochet-Regierung hat diese Konvention schließlich akzeptiert, weil sie auf subtilere Unterdrückungsformen vertraut und um internationale Anerkennung gerungen hatte.
In Argentinien passierte etwas interessantes: Unter der Regierung Menem wurden zum einen die Amnestiegesetze für die an Menschenrechtsverletzungen beteiligten Militärs verabschiedet und zum anderen hohe Entschädigungssummen an deren Opfer gezahlt. Diese Art von Ausgleichsstrategie stand lange Zeit in der Kritik.

Und wie sieht nun die Behandlung der Betroffenen aus, wenn sie sich an einen Psychotherapeuten wenden?

In der Arbeit während der Diktatur oder unmittelbar danach entstand der Begriff des vínculo comprometido als psychotherapeutische Grundhaltung und soziokulturelle Grundlage der Behandlung: Der Therapeut erklärt sich mit seinem Patienten solidarisch, mit seiner Geschichte und mit seinen politischen Überzeugungen, auch wenn er nicht unbedingt seiner Meinung sein muss. Es ist wichtig, dass die zu behandelnde Person sich gut aufgehoben fühlt. Ihr Leid wird nicht als etwas Individuelles angesehen, sondern in der Geschichte einer ganzen Generation angesiedelt. Die Person und der Therapeut bilden eine Behandlungseinheit, die über einen gemeinsamen Hintergrund verfügt und das Leiden vom Druck der personifizierten Scham/Schuld entlastet. So kann die Möglichkeit entstehen, dass er/sie sich in dem erlittenen Leid selbst akzeptiert und lernt, nach vorne zu blicken.

Bedeutete das eine Umstellung für die TherapeutInnen?

Diese neue Form der Behandlung ergab sich erst aus der Situation selbst. Zuerst mussten sich die TherapeutInnenn auf ihre PatientInnen einlassen und sich überlegen, welche Mittel sie bei so einer von Menschen an Menschen begangenen Katastrophe einsetzen konnten. Die therapeutische Haltung, die sie dabei einnehmen, ist eine andere als die, die in Europa üblich ist. Sie soll nicht auf eine Privatisierung des Leidens hinauslaufen. Derjenige, der sich mit seinem Leid privat behandeln lässt, verstärkt die unverhohlene Absicht der Diktatur, welche ihn glauben lassen wollte, dass er selbst als Individuum, als Person zerstört werden sollte. Und dass das, was ihm zugefügt wurde, einmalig sei. Diese Einmaligkeit ist eine viel zu große Last.

Bekommen die Betroffenen in Europa dann nicht eine falsche Behandlung?

Nein, denn hier in Europa gilt für die psychotherapeutische Arbeit nicht dasselbe wie im Herkunftsland. Flüchtlinge sind in den meisten europäischen Staaten einer sozialen Marginalisierung ausgesetzt und zu den Erfahrungen von Verfolgung im Heimatland kommt hier ein Mangel an ganz gewöhnlichen Entfaltungsmöglichkeiten hinzu. Die individuell stützende Psychotherapie bildet für viele Flüchtlinge das einzige Bindeglied zur hiesigen Gesellschaft. Deswegen sind Institutionen wie das Behandlungszentrum für Folteropfer in Berlin sehr darum bemüht, auch die Pflege von Kultur zu gewährleisten und eine Art von sozialer Umgebung zu schaffen.

Sind auch die Kinder der betroffenen Personen traumatisiert?

Es kommt sehr häufig vor, dass erst die Kinder in psychotherapeutische Behandlung gehen. Bei der zweiten Generation ist es oft so, dass die Kommunikation in der Familie grundlegend zerstört worden ist, weil der Vater oder die Mutter inhaftiert waren und möglicherweise gefoltert wurden. Sie haben ihr Leid nicht mitteilen können, aber es indirekt weitergegeben. Die Kinder kommen mit diffusen Störungen in Behandlung, oder weil sie ihre Eltern nicht verstehen. Die Therapie beginnt also bei den Kindern und führt bald zu den Eltern.

Was wäre für einen Umgang mit den Opfern der Diktatur zu empfehlen?

Die Maßnahmen, die gleich nach dem Ende der Diktatur getroffen wurden, sind bereits wirksam geworden. In Argentinien fühlen sich viele ehemals „Fast-Verschwundene“ wie durch eine Schadenersatzregelung nach einem Verkehrsunfall behandelt, während sich die Gefolterten in Chile wie Gestalten von Dante vorkommen: „Da, der Mann ist in der Hölle gewesen“, und deshalb wird ein großer Bogen um sie gemacht. Heute, mehr als zehn Jahre danach, sollte eine staatliche Anerkennung dieses Leids stattfinden. Auch wäre es an der Zeit, dass diese Themen enttabuisiert und in der Öffentlichkeit, auch in der Schule, als lebendiger Teil der Geschichte behandelt werden.

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