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Odyssee in der Vorstadt

Gib dies Maíra“, sagt der sterbende Mann Solano (Marco Ricca) und drückt ihm einen Bündel Geldscheine in die Hand. Maíra wohnt in der „Straße Sechs“. Aber wo? Der alte Straßenverkäufer stirbt an den Messerstichen, die ihm ein Straßenjunge zugefügt hat, bevor er es Solano sagen kann. In den Vorstädten von Brasília gibt es wahrscheinlich tausende von „Straßen Sechs“. Er kennt diesen alten Mann nicht, trotzdem macht sich Solano auf die Suche nach der geheimnisvollen Maíra.
Eigentlich könnte Solano das Geld selbst gut gebrauchen: Er hat gerade seinen Job verloren, zu Hause warten zwei Kinder und seine Frau, die hochschwanger ist. Aber irgendetwas fesselt ihn an Maíra, die in seiner Vorstellung immer mehr mit Helena verschmilzt, mit der er ein Verhältnis hatte, bevor er seine Frau kennen lernte. Er entwickelt geradezu eine Obsession für diese Unbekannte, die er auch dann nicht los wird, als seine Frau zu ihrem Vater zieht, weil Solano nicht mehr in der Lage ist, seine Familie zu ernähren.
Solano ist eben ein Auslaufmodell, so wie seine alte Olivettischreibmaschine, die er weiter benutzt, obwohl er seinen Job hätte behalten können, wenn er sich mit Computern vertraut gemacht hätte. Von der Realität enttäuscht, träumt er eigentlich von einer Karriere als Schriftsteller. Aber da ihm die Wirklichkeit nichts zu bieten hat, verflucht er alle Computer dieser Welt und flüchtet sich in die Suche nach der „Straße Sechs“. Mit seinem alten Käfer fährt er durch die ärmlichen Vororte von Brasília und fragt Passanten nach der „Straße sechs“ und Maíra. Ein nicht ganz ungefährliches Unterfangen, werden die dortigen Straßen doch von Gangstern und Dealern beherrscht. Immer mehr steigert sich Solano in seine zwanghafte Suche hinein; der Alkohol tut das Übrige, so dass Realität und Vorstellung Solanos sich immer mehr zu einem alptraumhaften Erlebnis vermischen…
Regisseur und Drehbuchautor João Batista de Andrade hat mit Rua seis, sem número einen Psychothriller geschaffen, der den Zuschauer bis zuletzt fesselt. Nach David Lynch Manier wird dem Publikum nicht einfach gesagt, was Wirklichkeit ist und was Fiktion. Man muss es für sich selbst herausfinden. Dass sich dabei immer neue Möglichkeiten ergeben, erhöht den Reiz des Films. Diesen Effekt erzielt João Batista de Andrade mit langen Sequenzen von Solanos Fahrten durch die Vorstadt, die von schnellen, unerwarteten Schnitten unterbrochen werden. Parallelmontagen verstärken den Eindruck eines Psychotrips und laden den Zuschauer ein, beim Rätselraten mitzumachen: Was ist Realität und was ist Fiktion?
Dabei werden in Rua seis, sem número auch immer die gesellschaftlichen Verhältnisse in den Vorstädten Brasiliens, die von Armut geprägt sind, angesprochen. Die harten Reime der Hip-Hop Band „Tropa de Elite“ erzählen vom Leben mit Gewalt und Drogenkriminalität in den armen Vierteln brasilianischer Städte, wo von den großen Reden der Politiker nur während des Wahlkampfes etwas zu spüren ist, wenn die „chefões“ (großen Bosse) zum Stimmenfang das Volk umarmen und sich großzügig geben.
So wird dem Film eine politische Dimension auch dadurch gegeben, dass Rua seis, sem número nicht etwa in São Paulo oder Rio de Janeiro spielt, sondern in der Hauptstadt Brasília dem Symbol für das Versprechen einer besseren Zukunft. Und so wird Solano, wenn er mit seinem Käfer durch Brasília fährt, selbst zu einem Symbol für diese uneingehaltenen Versprechen, ein Auslaufmodell mitten in einer Stadt, die die Erwartungen nicht erfüllen konnte. Er und seine Olivettischreibmaschine sind beide von der Realität überholt worden.

Rua seis, sem número; Regie: João Batista de Andrade; Brasilien 2002; Farbe. Der Film wird im Panorama der Berlinale (6. bis 16. Februar 2003) gezeigt.

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