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Partner oder Notreserve?

Als einziger Industriestaat des ostpazifischen Raums leistet sich Japan eine teure weltweite Entwicklungszusammenarbeit (EZ) mit und in der so genannten Dritten Welt. Japanische EntwicklungshelferInnen finden sich weit verstreut über den ganzen lateinamerikanischen Kontinent. In 22 Büros koordinieren und steuern sie Projekte, die meist im ländlichen Raum angesiedelt sind. Von einer Verbesserung des Fischfangs bis hin zur Ertragssteigerung bei Kulturpflanzen waren die primären Förderinteressen bisher im – wörtlich zu verstehen! – land-wirtschaftlichen Bereich. Das Ei-Land der roten Sonne ist seit 1990 noch vor den USA der größte Einzelgeber von Entwicklungsgeldern. Gemessen am Bruttosozialprodukt handelt es sich jedoch um weniger als 0,4 Prozent.
China, traditionell erstes Empfängerland japanischer bilateraler Hilfe, wurde inzwischen von Indonesien, Thailand und den Philippinen vom Spitzenplatz verdrängt. Ein halbes Jahrhundert lang konzentrierte sich die zur eigenen Stabilisierung als Industrienation begonnene Entwicklungshilfe auf Wirtschaftsförderung, technische Infrastruktur und den Agrarbereich. Japan will jedoch in den kommenden Jahren einen Wechsel versuchen, denn ein „Übergang von quantitativer zu qualitativer Entwicklungshilfe“ wird von der Regierung gewünscht. Mehr Finanzmittel sollen in die soziale und nicht mehr in die ökonomische Infrastruktur fließen. Dabei bleibt die Region Ostasien als Empfängerin von etwa 60 Prozent der bilateralen Hilfe ganz vorn, denn die Stabilität der Nachbarn ist für den Inselstaat von zentraler Bedeutung. Für Lateinamerika bleiben immerhin noch mehr als 10 Prozent, von ehemals weniger als 6 Prozent vor den neunziger Jahren.
Ausführende in Sachen EZ ist die japanische Agentur für Internationale Zusammenarbeit, JICA, die sowohl die technische Kooperation als auch die Vergabe von Entwicklungsgeldern organisiert. Ähnlich der deutschen Gesellschaft für technische Zusammenarbeit, GTZ, ist die JICA Auftragnehmerin der Regierung. Allerdings ist sie staatlich und direkt dem Außenministerium unterstellt, nicht wie in Deutschland über den Umweg eines Entwicklungshilfeministeriums. Das vereinfacht die Weisungsmöglichkeiten der Regierung und legt nahe, dass JICA´s Entwicklungszusammenarbeit auch zur Verfolgung eigener außenpolitischer Interessen stattfindet.

Fische für Autos

Japanische Interessen liegen in Lateinamerika vorwiegend im Import-Export-Geschäft. Rohstoffe werden nach Japan eingeführt, technische Produkte, vor allem Autos, sollen ausgeführt werden. Die Präsenz auf dem benachbarten Kontinent ist allgegenwärtig und wird oft durch gezielte Interventionen gestärkt.
Da die Beziehungen zu den meisten lateinamerikanischen Staaten unbelastet sind und sich die japanische Regierung in Fragen der Innenpolitik, beispielsweise der Einhaltung der Menschenrechte, mit Kritik eher zurückhält, sind die Regierungen gegenüber der japanischen EZ entgegenkommend oder zumindest aufgeschlossen.
Gern wird mit den wirtschaftlich starken Ländern kooperiert, in die auch ein großer Teil der Entwicklungsgelder fließt. Mit dem Mercosur sind Brasilien und Argentinien zentrale Ziele der japanischen Außenhandelsorganisation JETRO, des zweiten japanischen Arms, der über den westlichen großen Teich greift.
Die relativ einfache Erreichbarkeit der Pazifik-Anrainer ist es auch, die diese interessant macht. Das nordamerikanische Freihandelsabkommen NAFTA hat die Handelsbeziehungen zu Mexiko verschlechtert; einen Kandidaten gezielter Förderung stellt Chile dar. Dort ist Japan bereits – zusammen mit Deutschland – der größte bilaterale Geber im Entwicklungsbereich.

Rohstoffe aus Chile

Ein im Juni 2001 erstellter Bericht zur Vorbereitung eines Freihandelsvertrags zeigt die japanischen und chilenischen Interessen eng nebeneinander. Chile ist Japans Hauptlieferant für Kupfer und Fischmehl, Zweiter für tiefgefrorene Forelle und Lachs und immerhin Dritter in Sachen Holz. Es erhält Nachhilfe in Sachen Bergbau, Fischerei und Waldschutz, und vor allem könnte Chile Maschinen und Mittel zur „Transportausstattung“ bekommen. Dabei wird darauf hingewiesen, dass Japans Importe aus Chile mehr als das Doppelte seiner Exporte ausmachen und Chile den zweitgrößten lateinamerikanischen Absatzmarkt darstellt, der noch ausbaubar wäre.
Ein ganzes Paket wurde von JICA geschnürt, aber es sind bei weitem nicht alle Vorhaben in den genannten Bereichen oder nur in der Wirtschaftsförderung angesiedelt.
Die Unterstützung indigener Initiativen beispielsweise erscheint eher als ein Feigenblatt der EZ, das dazu dienen soll, die dicken Fische aus der wirtschaftlichen Kooperation zu verstecken. Zumindest die HelferInnen vor Ort versuchen offensichtlich, mit ihren Projekten den indigenen ChilenInnen zu helfen. Doch ist nicht zu erwarten, dass Japan, am Willen der Landesregierung vorbei, auch deren Selbstbestimmungsrechte fördern würde. Zudem haben japanische Firmen quadratkilometerweise chilenischen Wald gekauft. Eine tatsächliche Schonung und nachhaltige Bewirtschaftung dieser Bestände wird nicht in deren Interesse liegen, obwohl Japan, auch hier gemeinsam mit Deutschland, Waldschutzprojekte fördert.

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