«

»

Artikel drucken

Poeten ohne Feder

Wer glaubte, alle Dichter seien Schriftsteller, muß sich eines besseren belehren lassen: In vielen Regionen Europas und Amerikas haben sich Traditionen improvisierter Poesie erhalten, in denen der Moment des Vortrags wichtiger ist als die Verschriftlichung und Vervielfältigung. In Kolumbien beispielsweise nennt man die Erfinder von sekundenschnell zurechtgezimmerten Versen Trovadores, im brasilianischen Nordosten Violeiros und in Kuba Repentistas. In Chile ist ihr Gesang wehmütig, während im karibischen Raum das rhythmisch-spielerische Element stets unüberhörbar ist.
Einer, der diese Vielfalt auf internationalen Treffen und Wettstreiten „oraler Poesie“ kennengelernt hat und wie kaum ein anderer das Panorama mündlicher Dichtung im iberischen Raum kennt, ist Alexis Díaz Pimienta. Der 1966 in Havanna geborene Kubaner ist in seinem Land als ein literarisches Chamäleon bekannt: Neben Auftritten als Repentista, unter anderem im kubanischen Fernsehen, veröffentlichte er mehrere Poesiebände, Kurzgeschichten sowie eine bislang in Umfang und Reichweite einzigartige Studie über orale Poesie („Teoría de la improvisación. Primeras páginas para el estudio del repentismo”. Editorial Sendoa, Oiartzun/Spanien, 1998). Sein letztes Buch, der Roman Prisionero del Agua, gewann den spanischen Literaturpreis Novela Alba/Prensa Canaria und erscheint voraussichtlich 1999 in deutscher Übersetzung beim Suhrkamp-Verlag.
In seinem Heimatland, meint Díaz, ist die mündliche Poesie so lebendig wie eh und je: „Da gibt es Bauern, die über hundert Kassetten – alle feinsäuberlich beschriftet – mit aufgezeichneten Dichterwettbewerben zuhause stehen haben.” Der Wettstreit zwischen zwei Repentistas – Kontroverse genannt – folgt festen Regeln. Beide Künstler singen, begleitet von Gitarre und Rythmusinstrumenten, abwechselnd zehn Verse mit jeweils acht Silben und einem festen Reimschema. Zum Ritual gehören die Begrüßung und Verabschiedung des Publikums am Anfang beziehungsweise Ende des Treffens. Was dazwischen geschieht, hängt davon ab, ob ein Thema vorgegeben wurde, zum Beispiel von einer Jury. In jedem Fall muß der Dichter seinem Kollegen direkt antworten, zumindest aber den Faden des Vorgängers weiterspinnen. „Insgesamt habe ich in solch einer Situation etwa anderthalb Minuten, um mir eine Antwort auszudenken“, erzählt Díaz. Schnelligkeit und Spontaneität sind unverzichtbar; bei Wettbewerben auf Kuba wird allerdings auch darauf geachtet, daß die Verse poetische Bilder oder gelungene Metaphern enthalten – und tatsächlich fällt es bei so manchem Gedicht schwer zu glauben, daß es innerhalb von Sekunden entstanden ist.
Die Lateinamerika-Nachrichten sprachen mit Alexis Díaz Pimienta während eines Besuches in Kolumbien über seine Tätigkeit als Repentista und Schriftsteller, sowie über derzeitige Realität und Perspektiven der improvisierten Poesie.

Wie war Ihr erster Kontakt mit der oral improvisierten Poesie? Wie sind Sie Repentista geworden?

Ich habe mit fünfeinhalb Jahren angefangen. Mein Vater war auch Repentista, und bei uns zuhause gab es regelmäßig Feste und Tanzparties, auf denen Poesie improvisiert wurde. In diesem Ambiente bin ich groß geworden. Sehr früh ging ich mit meinem Vater zusammen zum Improvisieren in die Nachbarschaft, später hatte ich dann auch Auftritte in Radio und Fernsehen.

Welches sind die hauptsächlichen Themen des Repentismo in Kuba?

Die Themen der improvisierten Poesie sind sehr unterschiedlich, und es gibt kein „verbotenes Thema”. Am beliebtesten ist vielleicht der romantisierende Gesang auf Landschaft und Leute, der canto paisajista. Das Göttliche spielt in der oral improvisierten Poesie keine Rolle, da dafür in Kuba – wie in ganz Lateinamerika – keine Tradition existiert; besungen wird der Mensch und konzeptuelle Themen, wie etwa die Zeit, die Liebe oder der Tod. Darüber philosophieren wir – aber natürlich stets aus einem lyrischen, poetischen Blickwinkel.

Auch über Politik?

Ja, die Politik ist sehr stark unter den Themen vertreten. Der Repentismo war immer mit Geschichte und Politik auf Kuba eng verbunden. Ob der Unabhängigkeitskrieg gegen Spanien, der Krieg gegen Machado, gegen Batista, oder die Kubanische Revolution – die improvisierte Poesie war immer auf der Höhe der Ereignisse.

Wir leben in einer Zeit, in der die Schriftsprache dominiert. Orale, das heißt mündliche Ausdrucksformen sind zweitrangig geworden.

Generell gibt es aber in der gesamten heutigen Welt eine Rückkehr zur Oralität, die wiederentdeckt wird als Ergebnis einer Übersättigung mit der Schrift, mit schematisierter Information, mit zuviel Technologie. Wir kehren zurück zum lebendigen, gesprochenen Wort, und von allen Ausdrucksformen, in denen das lebendige Wort einen wichtigen Anteil hat, ist, glaube ich, die Improvisation jene mit der meisten Zukunft.

Die oral improvisierte Poesie ist also nicht vom Aussterben bedroht?

Nein, ich denke, genau das Gegenteil ist der Fall. Diese Art von Ausdruck erlebt derzeit ihre besten Momente: eine Renaissance, eine Zeit der Wiederbelebung. In den letzten zehn Jahren wurden wissenschaftliche Arbeiten über sie veröffentlicht, es gab Symposien und Kongresse. Außerdem verfügen wir bereits über eine umfangreiche Bibliographie, unter anderem mein erst vor zwei Monaten erschienenes Buch „Theorie der Improvisation“. Ich denke, die improvisierte Poesie war noch nie so akademisch „verankert“ wie heute, und darum waren die Bedingungen für eine Wiederbelebung noch nie so günstig wie jetzt. Und gerade die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, etwa in Kuba, aber auch in Spanien und Kolumbien, findet großen Anklang.

Mich beeindruckt die scheinbare Leichtigkeit, mit der Sie gereimte Verse aus dem Nichts zaubern und singen. Es scheint, als ob Sie zugleich hören und erfinden könnten. Wie fühlen Sie sich während eines Auftritts – ist das nicht eine unglaubliche innere Spannung, absolute Konzentration?

Man spürt große Spannung, große Konzentration. Und man entwickelt eine Art multisensuelle Aktivität, das heißt man erfindet, hört zu, wählt aus, beobachtet die Reaktion des Publikums und antwortet zugleich. All dies geschieht simultan. Es gibt zwei Payadores – so nennen sich die Kollegen in Argentinien –, die eine Studie geschrieben haben, „Der Payador aus der Perspektive der Medizin”. Sie haben Untersuchungen gemacht, wie der Organismus während des Auftritts funktioniert, und haben wirklich kuriose Dinge beobachtet: der Blutzucker sinkt, zum Beispiel, und die Hände schwitzen mehr; es gibt eine ganze Reihe von physiologischen Phänomenen, die zustande kommen, wenn wir improvisieren, und die den Streßzustand wiederspiegeln.
Manchmal betritt ein Dichter die Bühne und hatte vorher irgendein Wehwehchen, zum Beispiel Kopf- oder Zahnschmerzen. Wenn er anfängt zu singen, verschwinden diese Schmerzen, und wenn der Auftritt vorbei ist, kommen sie wieder. Die Konzentration ist so intensiv, daß man in Extase versetzt wird.

Gibt es Tage, an denen Ihnen einfach keine Verse einfallen?

Klar. Manchmal funktioniert es sehr gut, und manchmal möchte ich am liebsten die Bühne verlassen.

Ein lange vorher verabredeter Auftritt stellt also immer ein Risiko dar.

Diesen Nachteil hat man, wenn man den Repentismo hauptberuflich betreibt: Man muß auftreten, unabhängig vom jeweiligen Befinden. Die Semiprofis haben es leichter, die können singen, wenn sie Lust haben. Wenn sie keine Lust haben, singen sie nicht. Als Profi hingegen muß man auftreten, wenn die Nachfrage es verlangt. Manchmal hat man einfach keine Lust. Und darum variiert auch die Qualität der Arbeit

Kann man vom Repentismo allein leben?

In Kuba leben alle Kollegen davon. Dort sind wir Profis und haben unser Gehalt, um auftreten zu können. Aber Kuba ist wohl auch das einzige Land auf der Welt, wo das so ist. Vielleicht gibt es anderswo vereinzelte Fälle von Kollegen, die von ihrer Arbeit leben können, etwa einige Künstler im spanischen Baskenland, oder der eine oder andere Payador in Argentinien – aber derart massiv wie in Kuba ist das nirgendwo möglich. Wir sind als Profis organisiert, haben eine stabile Arbeitsbeziehung, festen Lohn, gewerkschaftlichen Rückhalt und Anspruch auf Rente.

Was sind die wichtigsten Unterschiede zwischen dem geschriebenen Gedicht und dem improvisierten? Ist das letztere überhaupt „Literatur“?

Ja, das schon, aber eben orale Literatur. Die Oralität hat ihre eigenen Gesetze und Regeln, eine ganz eigene Grammatik. Viele Theoretiker wie etwa Walter Ong haben versucht, diese Regeln, die die Grammatik der Oralität bestimmen, zu Papier zu bringen. Innerhalb der Oralität wiederum existiert die improvisierte Oralität, die ihrerseits eigene, ihr innewohnende Gesetze und Techniken besitzt.
Das bedeutet, daß die improvisierte Poesie einerseits Text ist – genauer gesagt, oraler Text –, und andererseits orale Improvisation. Dies ist zwar reine Nomenklatura, aber dennoch sehr wichtig: wir dürfen improvisierte Poesie nicht einfach als puren Text betrachten, denn das hieße, sie zu limitieren, und sie aus ihrem Kontext zu entreißen, welcher ihr – als Text – erst ihre wahre Konsistenz gibt. Wir würden ihre kommunikativen Möglichkeiten beschneiden, ihre unbeschränkte poetische Kraft.

Nach einigen Literaturpreisen für Kurzgeschichten und Poesie haben Sie vor kurzem einen Preis für Ihren Roman Prisionero del agua gewonnen. Wie hat der Repentista Alexis Díaz Pimienta den Romanautor Alexis Díaz Pimienta beeinflußt?

Das beantwortet wohl besser ein Literaturkritiker als ich… aber was mir manchmal gesagt wird, ist, daß meine Prosa musikalisch ist und daß die Sprache sehr fließt. Vielleicht entdeckt man hinter dem geschriebenen Diskurs einen Sprachfluß, der typisch für die Oralität ist – und das kommt daher, daß ich aus der Welt des Repentismo komme. Ich bin über die improvisierte Poesie zur geschriebenen Literatur gekommen, nicht umgekehrt. Zuerst war ich Repentista, und ich bin es auch weiterhin.
Aber irgendwann hatte ich eben so viele Ideen, daß der Repentismo mir als alleinige Ausdrucksform nicht mehr ausreichte, und ich habe neue Formen gesucht: die geschriebene Poesie, Kurzgeschichten, Romane, Essays. Trotzdem versuche ich nach wie vor, keine Hürden zwischen Leser und Text aufzubauen, oder, wenn man so will, zwischen Leser und Autor. Ich denke, das ist ein Überbleibsel oder ein Einfluß der oralen Welt, meines Schemas in der oralen Kommunikation.

KASTEN

Die improvisierte Poesie ist spontane Dichtung, Theater, gesprochener Text, Austausch mit dem Publikum, Wettstreit; eigentlich darf man sie nicht allein als Text betrachten, sondern muß sie „live_ erleben. Dennoch drucken wir hier eine kleine (und in Sekundenschnelle gedichtete!) Kostprobe des kubanischen Repentista Bernardo Cárdenas ab. In der deutschen Übersetzung wurde das Versschema widergespiegelt, die Reime fallen allerdings weg.

Ojalá yo sepa el día
en el que me voy a morir
para poderle decir
adiós a la gente mía.
Entrar a una canturía
de versos improvisados
y sobre los verdes prados
– el paisaje que más quiero –
escuchar un aguacero
de laúdes afinados.

Wüßte ich doch vorher den Tag
an dem ich fortgehen werde
um jenen, die mir nahe sind,
ein letztes Adios zu sagen.
Um dann, getaucht in Gesänge
mit improvisierten Versen,
auf grünen Wiesen – die Landschaft,
die mir am liebsten war –
wie einen sanften Wolkenbruch
gestimmte Lauten zu hören.

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://lateinamerika-nachrichten.de/artikel/poeten-ohne-feder/