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„Radwege sind keine Verhandlungsmasse“

Mariana Moreira, warum hat „Diretos Urbanos“ zu dieser Aktion heute aufgerufen?

Wir denken, dass dieses Projekt des Immobiliensektors sehr große ökologische Auswirkungen hat und außerdem das kulturelle Erbe der Stadt zerstört. Es wird den visuellen Eindruck des Viertels Sao José vollkommen verändern. Die Türme, die zum Wohnen und für Gewerbe genutzt werden sollen, werden 40 bis 50 Stockwerke haben.

Ist die Befürchtung, dass sich die Lebensqualität in der Stadt verschlechtern wird, der einzige Grund für den Widerstand gegen dieses Projekt?

Nein, das ist nicht der einzige Grund, es ist eher unser Ausgangspunkt, um das zu kritisieren, was in der gesamten Stadt passiert. Die Bewegung auf dem Immobilienmarkt ist heftig, das Immobilienkapital ist sehr, sehr stark. Wenn man heute durch Recife geht und um sich blickt, sieht man immer mehr Hochhäuser, wohin man auch schaut.
Aber was wir nicht sehen, ist Wachstum im sozialen Wohnungsbau oder Investitionen der öffentlichen Hand, zum Beispiel in Radwege oder in einen qualitativ guten öffentlichen Nahverkehr. Oder Investitionen in den öffentlichen Raum, zum Beispiel in Plätze und öffentliche Parks. Wir haben uns vor allem deshalb heute hier versammelt, um zu sagen, dass wir keine Privatisierung von Recife wollen, keine Privatisierung des öffentlichen Raumes, sondern seine Sozialisierung. Unser Kampf gegen das Projekt „Neues Recife“ ist in Wirklichkeit also etwas, das sehr viel größer ist. Es geht uns um die Mobilisierung der Bürger, die keine Geiseln des Immobiliensektors sein dürfen. Die Stadt gehört uns allen, den Bürgern und nicht nur den kapitalkräftigen Gruppen.

Gibt es in Recife keinen sozialen Wohnungsbau für Familien mit niedrigem Einkommen?

Nein, den gibt es nicht. Was dieses Projekt angeht, so sagt das Konsortium, dass ein Teil der Anlage Wohnraum sein soll, aber sie sagen nicht, dass es sich um sozialen Wohnungsraum handeln wird. Denn wer wird es sich leisten können, diese Wohnungen hier zu kaufen? Es ist dasselbe mit den Fahrradwegen. Sie sagen, dass sie hier Radwege bauen wollen, aber da dies ein Gebiet mit Luxuswohnungen sein wird – wer wird die Radwege benutzen? Außerdem dürfen Fahrradwege keine Verhandlungsmasse zwischen der Stadt und diesem Konsortium sein. Denn Radwege sind Teil unserer Rechte in der Stadt, keine Kompensation dafür, dass hier Hochhäuser entstehen.

Haben die Vorbereitungen für die WM 2014 schon Auswirkungen auf die Stadt, beschneiden sie die Rechte der Bürger_innen?

Tatsächlich ist es so, dass die Ausrichtung der WM dafür steht, wie „Stadt“ heute gedacht wird: die Durchführung von Megaevents, der Bau von Luxuswohnungen und so weiter. Diese Perspektive auf „Stadt“ müssen wir wieder umdrehen, denn die Stadt existiert nicht für die großen Events oder für die Interessen des Immobilienkapitals. Sie existiert für die Bürger und Bürgerinnen, die ihren Alltag hier leben.

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