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Rassismus als Initiationsritus

Aus der Perspektive der
schwarzen Kubanerin Reyita Castillo Bueno fehlt einem Diktum der griechischen Tragiker ein klitzekleines Adjektiv: Das größte Elend des Menschen ist nicht, überhaupt geboren zu sein, sondern schwarz geboren zu sein. Wie sonst ist der erste Satz ihres Lebensberichtes zu verstehen: ”Für meine Mama war es ein Unglück, dass sie ein schwarzes Kind bekam, mich.“ Rassismus ist für die 94-Jährige nicht eine Erfahrung unter vielen, die man in einem langjährigen Leben so machen kann, sondern sie kommt einer Initiation in die Menschheit gleich. Dennoch kommt Reyita zu folgender bewundernswerten Einschätzung über ihr Leben: „Ich habe immer in Frieden mit mir gelebt, deswegen fühle ich mich mit meinen 94 Jahren jeden Tag wie neu geboren.” Auf den dazwischen liegenden 200 Seiten erzählt Reyita ihrer Tochter Daisy 1001 Anekdoten, Geschichten und Heldentaten aus ihrem Leben. Sie erzählt von ihrer Großmutter Tacita, die als Kind im heutigen Angola von ihrer Mutter geraubt und von Sklavenhändlern nach Kuba entführt wurde; von ihren Fähigkeiten, gute Ratschläge zu geben, wie damals, als sie einer jungen Frau empfahl, sich in der Hochzeitsnacht eine Hühnerleber in die Vagina zu schieben, damit der Bräutigam nicht merkte, dass sie ihre Jungfräulichkeit bereits verloren hatte. Und sie erzählt auch von ihrer Heirat mit dem weißen Antonio Amador Rubiera, der seine Familie verlassen musste, um eine Schwarze zu heiraten.
1966 begründete der Ethnologe Miguel Barnet mit der Veröffentlichung des Lebensberichtes des 102-jährigen ehemaligen Sklaven Esteban Montejo die lateinamerikanische Tradition des so genannten Testimonio-Romans. Ziel dieser Texte ist es, denjenigen Gehör zu verschaffen, deren Version der Geschichte und deren Perspektive auf die Welt nicht in die Geschichtsbücher eingeht.
Am Beispiel Reyitas werden die LeserInnen erkennen müssen, dass Ideologien nicht nur als falsches Bewusstsein abgetan werden können, sondern mitunter einer strengen Rationalität gehorchen. So ist die Tatsache, dass sich Reyita verstärkt darum bemüht, einen weißen Mann zu heiraten, kein Akt der Sebstverleugnung, sondern vielmehr ein Schritt zu mehr gesellschaftlicher Anerkennung und Emanzipation: „Ich hätte es nicht ertragen, meine Kinder verachtet, herumgestoßen und misshandelt zu sehen… Deshalb habe ich einen Weißen geheiratet.”
Dass diese Logik rassistischen Gesellschaftsstrukturen entwächst, ist Reyita vollends bewusst. Auch klassische Symbole des American Way of Life wie der elektrische Kühlschrank, der Fernseher und das Auto werden für Reyita zu Objekten emanzipatorischer Bestrebungen, denn sie muss deren Kauf gegen den massiven Widerstand ihres Mannes durchsetzen. Reyita weiß, dass es der Machismus ist, der ihren Mann dazu veranlasst, ihr Auto wieder zu verscheuern und ihr eine Rolle Scheine vor den Latz zu knallen. Die Aktion kommentiert sie mit eindeutigen Worten: „Ich hatte Lust, ihn zu erschlagen.” Am Ende offenbart Reyita dann in ihrer liebenswürdigen Art das Geheimnis ihrer wahren Liebe: „Beim Liebemachen mit deinem Vater habe ich oftmals die Augen geschlossen und meine Einbildung fliegen lassen, ja und es schien mir, ich hätte es mit diesem Mann zu tun, der Mella [einem kubanischen Kommunisten in den dreißiger Jahren] ähnelte.“
Wenn Ich, Reyita einerseits besonders authentisch ist, dann ist die Kehrseite davon jedoch, dass dem Text eine kunstvolle, poetische Sprache abgeht. Das, was erzählt wird, ist zwar interessant, spannend und witzig, aber die Art und Weise, wie es erzählt wird, löst nicht gerade ekstatische Zustände aus. Wie jedoch auch im Nachwort des Historikers Michael Zeuske deutlich wird, hat Ich, Reyita in erster Linie einen historiographischen Anspruch und möchte einen Beitrag zum Wissen über Kultur und Geschichte der afrokubanischen Bevölkerung leisten.

Daisy Rubiera Castillo: Ich, Reyita. Ein kubanisches Leben. Aus dem Spanischen von Max Zeuske. Mit einem Nachwort von Michael Zeuske. Rotpunktverlag, Zürich 2000, 264 S., 36,- DM.

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