Mexiko | Nummer 272 - Februar 1997

Revolution in der Revolution

Capitán Maribel erzählt, wie sich die zapatistischen Frauen organisiert haben.

Ein Drittel der Mitglieder der EZLN sind Frauen. Für sie bedeutet der Kampf in der Guerilla Emanzipation in zweifacher Hinsicht: Emanzipation der indígenas innerhalb der mexikanischen Nation, aber auch Emanzipation der Frauen innerhalb der indigenen Gemeinden. Der folgende Bericht erzählt vom Stand der Frauen innerhalb der zapati­stischen Guerillabewegung, von den Erfolgen und Problemen bei ihrer Organisierung und von der Liebe unter den com­pañeros und compañeras in den Bergen.

Guiomar Rovira San­cho

Daß ich in die EZLN eingetre­ten bin kam, nach­dem ein Onkel mei­nem Va­ter von ihr erzählte. Er wußte schon seit zwei Jah­ren von der Be­wegung und machte den Vorschlag, ich solle doch mal aus­pro­bie­ren, in eine Schule zu ge­hen, wo man mir beibrin­gen würde, was Politik ist, was es bedeutet militärisch aktiv zu sein und wie sich das revolu­tionäre Leben vom Leben in den Dör­fern unterschei­det. Mein Va­ter war einverstanden, und mein­te: „Ja, geh und nimm an der Bewegung teil!“. Das war ein Glück, denn nur so kann man die indí­genas or­ganisieren, und das weiß die EZLN auch ganz ge­nau.
1984 bin ich also einge­treten. Zu­erst war ich ein Jahr in dieser Schule wo mir le­sen, schreiben und spanisch sprechen beige­bracht wurde. Ich habe auch viel über Kultur und Politik erfahren und dar­über, warum wir die Waf­fe in die Hand nehmen müß­ten.
Ich bekam einige Arbei­ten angebo­ten: Als Schnei­derin, als Tisch­lerin, als Schu­sterin. Ich habe auch gelernt, eine Schreib­ma­schine und eine Näh­ma­schine zu bedienen und so­gar, ein Auto zu reparie­ren. Schlie­ßlich be­schloß ich, Gue­rillera zu werden.Im Jahr 1985, ge­nau am ersten Mai, kam ich also hier­her in die Berge. Und hier haben die compañeros wirk­lich angefang­en, mich mi­litärisch auszubilden. Mit viel Geduld am An­fang, klar, denn man muß ja zu­erst ler­nen, mit dem Ge­päck über­haupt die Berge rauf und runter zu kom­men. Wir mußten wei­te Strecken laufen, um Es­sen zu besor­gen. Es hat fast immer ei­nen ganzen Tag ge­dauert, um über­haupt hin­zukommen, dann ha­ben wir dort ge­schlafen, am näch­sten Tag aufgela­den und sind wie­der zu un­se­rem Camp zu­rückge­kehrt.
Immer und immer wie­der wur­de uns erklärt, wo­für wir kämpfen würden, wer unsere Fein­de und wer unsere Verbün­deten wären und wie unser Krieg ausse­hen würde. Wir lernten viel, was militä­rische Tak­tiken angeht: Zum Bei­spiel, wie man die Waffen bedient und wie sie heißen, und eben, was un­sere Tak­tik in der Stunde des Kampfes sein würde.

Politische Bewußtseinsbildung

Damals hätte ich nie ge­dacht, daß ich einmal das sein würde, was ich heute bin: Er­ste capitán des EZLN. Ich hätte nicht ge­dacht, daß ich es so weit bringen würde. Mein Auf­trag lau­tete damals schließ­lich, noch mehr compañe­ras zu organisieren.
Wir fingen dann an, soge-nann­te radio-periodicos zu mach­en – Kassettenaufnahmen, wo bestimmte Themen be-han­delt werden. Zum Beispiel der Kampf um Land. Weil in den in­di­ge­nen Gemeinden vie-le compañeras kein spanisch ver­ste­hen, müssen wir es über­setzen, und dann schicken wir die Kassetten dorthin. So began­nen die compañeras in den Ge­meinden, unsere Botschaften zu hören.
Natürlich mußten wir Auf­ständischen das alles ganz vor­sichtig machen, damit es nie­mand mitkriegt und da­mit auch nie­mand rauskriegt wer wir sind. Wir mußten immer Aus­reden su­chen: Zum Bei­spiel haben wir gesagt, wir wären Stu­dentinnen oder Nonnen, Betschwe­stern, um Gottes Wort zu predigen. Und das haben wir ja letztendlich auch ge­macht, denn Got­tes Wort hat ja auch etwas mit Aus­beutung und Un­gerech­tig­keit zu tun.
Dann haben die com­pa­ñeras selbst angefangen, uns einzu­laden. Wir haben ihnen er­zählt, daß wir käm­pfen würden, weil et­was ge­tan werden muß, be­vor wir verhungern oder uns die Krankheiten fertigma­chen. Wir haben den com­pañeras auch bei­gebracht, wie man in Ko­opera­tiven zu­sammenar­beitet. So hat die ganze Or­ganisiererei un­ter den indí­gena-Frauen angefang­en. In diesen Jah­ren ist auch das Revolutio­näre In­digene Unter­grund­kommitee gebo­ren worden.
Ich war es ja gar nicht ge­wöhnt, aber wir haben ge­sehen, daß unter den auf­ständischen compañeros Re­spekt herrscht, und wir wur­den auch immer re­spekt­voll angeredet. Das ist eine Behandlung, die es in den Ge­meinden nicht gibt. Aber viele Frauen in den Ge­meinden wuß­ten nicht genau, ob sie mit­kommen sol­lten. Schließ­lich gibt es ja auch Probleme, zum Bei­spiel, was ma­chen wir, wenn wir die Tage haben. Beim Training, Laufen, Sprin­gen? Sol­che Fragen hat­ten die compañe­ras. Dann sag­ten wir ihnen im­mer: Es gibt nichts Schlim­meres als das Lei­den der Be­völkerung. Wenn man da­rüber nach­denkt, ent­schei­det man sich und kämpft, das macht dann alles nichts aus, und man lernt, so zu le­ben.
Im Laufe der Zeit haben sich uns viele, viele com­pañeras an­ge­schlossen . Fast ein Drittel in der EZLN sind Frauen.
Wir sehen uns dazu ge­zwun­gen, das zu machen, weil die Politik selbst uns zu verstehen gegeben hat, daß die Ausbeutung nicht nur gegen die Männer, son­dern auch gegen die Frauen gerich­tet ist. Und eine Frau, die ausge­beutet wird, hat das Recht und die Pflicht, für mehr Gerech­tigkeit zu kämpfen. Viele Frauen und auch ich haben es so ver­standen, daß wir hier an der Seite der com­pañeros kämpfen müs­sen, mit Waffen oder auf an­dere Art und Weise. Zum Bei­spiel gibt es auch die Un­ter­stützergemeinden. Da ver­sorgen die Frauen selbst die Milizionäre und uns mit Essen. In Guadalupe Tepe­yac zum Bei­spiel hat­ten die compañeras einen Laden, eine Le­ge­hennenko­operati­ve und eine Schnei­derei. Davon haben sie dann ei­niges der Gemeinde ge­las­sen, einiges selbst ver­kauft und einiges uns ge­schickt.

Das Frauengesetz des EZLN

Die Rekrutierung verlief sehr lang­sam, von Familie zu Fa­mi­lie. Wenn es in ei­ner Ge­meinde dann eine Grup­pe gab, er­nannte diese einen lokalen Verantwort­lichen. Aber wir wollten nicht nur verant­wortliche Männer, son­dern auch eine Ver­ant­wortliche für die Frau­en. Als die Diskussion über die revolu­tio­näre Ge­setzgebung aufkam, war den Frauen klar, daß sie auch für ih­re eigenen Be­dürfnisse kämp­fen mußten, abge­sehen von un­seren all­gemeinen Forde­rungen. Die com­pañeras fingen an zu sa­gen: Bei uns in den Dörfern gibt es einige Un­gerechtigkeiten, die sich aus dem Denken der Rei­chen bei unseren Män­nern ein­geschli­chen haben, die wollen über die Frauen be­stimmen, und das ist schlecht für uns!
Es gibt noch viele Dinge, für die wir kämpfen müs­sen. Die Frauen beginnen jetzt, mehr Mitbestimmung ein­zufordern, sie kön­nen sich unter­einander ver­sam­meln und dis­ku­tieren, wie und was sie wäh­rend oder nach dem Krieg ma­chen würden, und wel­che ihre Forde­rungen für die Zu­kunft sein wür­den. Sie fingen jetzt sogar an, sich nicht nur zu tref­fen, sondern auch kul­turelle Aktivi­täten abzuhal­ten, an denen compañe­ras aus verschie­denen Ge­mein­den teilnahmen. Diese Tref­fen veranstal­teten wir haupt­sächlich am 8. März, dem In­ter­na­tionalen Frau­entag. Die Frau­en wurden in ihrer po­litischen Be­tei­li­gung immer stärker. Und dann meinten sie auch: Jetzt wol­len wir auch selbst über die Zahl un­serer Kin­der entschei­den. Wir wol­len uns noch mehr am Kampf beteiligen und Füh­rungs­po­si­tio­nen über­neh­men!
So entstanden die revo­lu­tio­nären Frauengesetze. Die haben nicht wir Auf­ständischen ge­schrie­ben, son­dern wir haben nur ge­sagt, ja, diese Gesetze müs­sen sein. Aber die, welche die Ge­setze ge­schrieben haben, waren die compañe­ras in den indige­nen Ge­meinden.
Wir glauben auch, daß es auch viele compañeras auf na­tionaler Ebene gibt, die nicht un­ter solchen Bedin­gungen leben wie wir hier im Urwald. Sie soll­ten die­ses revolu­tionäre Gesetz noch bereichern, weil wir wol­len, daß alle Forderun­gen und Vor­schläge der compañeras mit­ein­gehen.

Die Gewohn­heiten in den zapatisti­schen Gemeinden

Mit der EZLN ka­men auch ganz tiefgreifende Ver­änder­ungen. Früher wur­den die com­pañeras ge­schlagen, oder sie wur­den dazu ge­zwungen, jeman­den zu heiraten, den sie nicht lieb­ten. Außerdem waren die Män­ner oft besof­fen, und die Frau­en mußten auf­passen, daß sie nicht ver­prügelt wurden. Aber als wir dann in die Dörfer ka­men, gab es ja dieses Ge­setz, das das Trinken ver­bietet. Es kann ja immer passieren, daß ein Betrun­kener aus­plaudert, was wir wissen. Schließ­lich waren wir im Untergrund. Außer­dem wur­de auch ge­sagt, daß das so­wieso aufhören muß, weil solche schlech­ten Gewohn­heiten den Fa­mi­lien und den Gemeinden Pro­bleme bringen.
Die Veränderung, die die com­pañeros mitanschauen muß­ten, war vor allem die politische Mo­bilisierung der Frauen in den Gemein­den. Da fin­gen die Pro­bleme an. Denn jetzt konn­ten sich die compañe­ras ver­tei­digen: „Ich gehe zu der Ver­sammlung weil ich will, so haben wir es mit den an­deren Frauen ausge­macht.“. Das hat ei­nige Män­ner ge­stört. „Was willst denn du? – Frauen ha­ben zu Hause zu blei­ben!“. Das waren die Pro­bleme mit denen wir in der Zeit zu kämpfen hatten. Aber dann, als die com­pañeras bei den Ver­samm­lungen da­bei waren, ha­ben sie sich mit den Männern an­gelegt und gesagt: „Wenn ihr uns gar keine Chan­ce laßt, wozu sind denn dann die revolutio­nären Ge­setze überhaupt da?“.
Viele andere compañe­ros, und die compañeras selbst, haben sich schließ­lich durch­gesetzt. Und dann wurden die revolutio­nären Ge­setze auch echt verwirk­licht. Jetzt geht es nicht mehr so leicht, die Frauen einfach zu schla­gen. Sie können uns auch nicht mehr zwingen, je­manden zu heira­ten, weil es der Vater will. Wenn die Frau den Mann nicht liebt, dann liebt sie ihn eben nicht!
All das waren Schwierig­kei­ten, aber die Verände­rung durch die Be­freiung der Frauen sind mittler­weise enorm. Jetzt kön­nen die Frauen je­manden anzei­gen und den Dorfautoritä­ten Sa­chen sagen, wie: „al­so hier pas­siert das und das, und das will ich nicht“ oder „ich werde ver­prü­gelt!“ – Jetzt können sie den Mund auf­machen! Und so kommt es, daß Män­ner ein­ge­sperrt werden oder arbei­ten müs­sen, weil sie eine Frau mit Gewalt angemacht haben oder sie vergewaltigen wol­lten oder sie oft ver­prügelt ha­ben. Früher konnte eine Frau sowas nicht machen. Wenn sie sie sich be­schwerte, hat er sie nur noch mehr geschlagen und war noch wütender. Jetzt sagt sie zu ihm: „Wenn das so ist, dann gehe ich!“. Und sie geht dann wirk­lich. Na­türlich nicht allein, son­dern mit zwei, drei Kin­dern. Und dann müssen sie sich na­türlich einigen, da sorgen die Ge­meinde und die ge­wählten Autoritä­ten schon für. So lernt man, die Pro­bleme im Ein­klang mit den re­volutionären Ge­setzen zu lösen. Die compañeras ha­ben jetzt et­was, womit sie sich verteidigen kön­nen. Und das macht sie kräftig und stark, damit sie sich niemals und von nieman­dem mehr erniedrigen las­sen.

Liebe unter den Aufständischen

Wenn sich ein com­pa­ñero in ei­ne compañera ver­liebt hat, dann muß er erst mal die co­mandancia um Er­laubnis fragen. Sie gehen gemein­sam hin, da­mit sie weiß, daß der com­pañero die Erlaub­nis hat. – Warum man die coman­dan­cia um Erlaub­nis fra­gen muß? – Ja, woher soll man wissen, ob es an seiner Stelle nicht schon einen anderen gibt. Na ja, und dann er­zählt der com­pa­ñero ihr, daß er sie liebt, und wenn sie will, dann heira­ten sie. In der EZLN gibt es zwei Mög­lich­keiten. Ent­weder die zwei tun sich einfach so zusam­men, und wir ma­chen ein Programm für das Fest wo alle dran teilneh­men. Dann weiß man, daß die bei­den ver­heiratet sind, und daß man sie als Paar re­spektieren muß. Oder die beiden un­ter­schreiben einen Vertrag, wo drin steht, daß sie aus freiem Willen heiraten, und daß niemand sie dazu ge­zwungen hat, und daß das Wichtigste in der Bezie­hung die Ar­beit sein wird und nicht die Bezie­hung. Das ist uns Frauen im EZLN klar, daß wir zual­lererst gute Arbeit machen müs­sen. Wir sind ja hier auch nicht immer zusam­men. Manch­mal muß der compa­ñero zu ei­nem Ort gehen und die compa­ñera an einen anderen. Oder es gibt auch den Fall, daß sie beide capitán sind und sich mit ihrer Einheit an ver­schiedenen Orten aufhalten und sie nur manchmal die Gelegenheit haben, sich zu sehen. Wenn die beiden com­pañeros den Vertrag un­ter­schrei­ben, stellen wir Befehls­haber uns mit ge­kreuzten Waffen auf, und die beiden gehen da­runt­er durch. Das bedeutet auch, daß wir ihre Ehe verteidi­gen und zufrieden darüber sind, an ihrer Seite zu käm­pfen. Danach ma­chen wir dann ein Fest, ja, und dann sind sie eben verhei­ratet.

Maribel ist geschie­den, hat keine Kinder

Ja, ich habe mich ent­schlossen mit einem com­pañero zusam­men­zusein und habe geheiratet, ge­nauso mit der Erlaubnis und im Beisein aller. Aber klar, es gibt eben auch mal Pro­bleme, und als wir Pro­bleme hatten und uns scheiden lassen wollten, da haben wir das auch ge­macht. Kein Problem.
Hier kann man keine Kinder ha­ben, weil die Si­tuation das nicht zuläßt. Wir können sie ja nicht ver­sorgen. Aber ei­nige com­pañeras haben auch schon Kin­der bekommen. Wenn sie schwan­ger sind, gehen sie in die Gemeinde, um das Kind zu krie­gen und kommen wieder. Das Kind lassen sie dann bei je­man­dem.
Damit sie keine Kinder be­kommen, nehmen die Frau­en die Pille oder eine Spritze, so wie sie wollen. Am Anfang war es zwar noch schwie­rig diese Sachen zu bekommen, aber jetzt ist es besser. Dieser Tage gab es dann schon etwas mehr, weil uns an­dere com­pañeras da­bei ge­holfen haben.

Der erste Ja­nuar 1994

Wir haben die Truppen an ei­nem bestimmten Ort zu­sam­men­ge­zogen und sind dann nach Las Marga­ritas gefah­ren. Jeder von uns hatte seine Auf­gabe. Ich war vor allem für den Ra­diosender verantwort­lich. Wir nah­men also ein Auto und fuh­ren los zu un­serem Ziel. Aber wir kan­nten die Gegend nicht, wo der Ra­dio­sender lag. Dann haben wir den Fehler ge­macht, daß wir mit ei­nem offenen Wagen, wo alle com­pañeros draufsaßen, am Rat­haus vorbeige­fahren sind. Und die Poli­zei stand direkt da­vor! Die haben uns nur ange­schaut. An der näch­sten Ecke ist dann noch der Rei­fen von un­serem La­ster kaputtge­gang­en. In dem Mo­ment ha­be ich ent­schieden, daß alle com­pañeros abstei­gen sol­lten, und daß wir die paar Stra­ßenecken ren­nen soll­ten, die noch fehlten. Es war etwas entle­gen, wo wir hin mußten. Dann ha­be ich an­gefangen, alles für das Mi­litärmanöver zu orga­ni­sie­ren, da­mit wir den Sender ein­nehmen könnten. Ich habe dann zwar alle meine Leute in Stel­lung ge­bracht, aber weil wir ja kein Auto mehr hatten, mu­ßte ich eine Gruppe be­stim­men, die uns eins auftrei­ben sollte. Als die schon weg waren und wir um­dreh­ten, begann eine Straße wei­ter die Schieße­rei im Rat­haus….

(Die Erzählung wurde nie­der­ge­schrieben von Guiomar Rovira San­cho. Der Text erschien in der Zeitschrift „Las brujas“ in Mexiko Stadt)
Übersetzung: Markus Müller

Ähnliche Themen