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Samuel Ruíz als Comic-Figur

Die Schwestern Amalia und Be­gonia wachsen im Italien der sech­ziger Jahre auf. Sie bewegen sich in marxistischen Studenten­zir­keln und sind der Ansicht, et­was für das Wohl der Mensch­heit tun zu müssen. Aus der pa­tri­archalen Welt der Eltern bre­chen sie auf, suchen nach gang­ba­ren Wegen sich zu engagieren. Sie werden – so Amalia bei der FAO und Begonia als Leiterin ei­nes kolumbianischen Kinder­buch­verlags – Teil jenes ent­wick­lungs­politischen Etablisse­ments, das ja in den letzten Jah­ren tat­säch­lich ein beträchtliches Ter­rain in der Politik gewonnen hat. Mal leben sie ganz dicht bei­sam­men, mal weit voneinander ent­fernt, aber in Kontakt bleiben sie immer. Dafür sorgt vor allem die Grundkonstellation dieser Ge­schwi­ster­beziehung: Während der at­traktiven Amalia alles zu­fällt und ihr die Männer nur so nach­lau­fen, bleibt Begonia stets zwei­te Wahl. Nach langwierigem Hin und Her mit endlosen Job-, Orts- und Männerwechseln blei­ben sich die Frauen schließlich selbst übrig und stellen fest, daß es sich so, gemeinsam, vielleicht von Anfang an am besten gelebt hätte.
Diese Geschichte taugt durch­aus für einen Roman. Es könnte da­rin von einer Schnellebigkeit zu lesen sein, in der wir infor­ma­tions­überfluteten Neuzeit­men­schen uns wiederzu­erkennen ver­möch­ten. Worauf auch immer so ein Buch hinaus­wollte, ob auf eine Parodie des internationalen Po­litiktheaters, ob auf den Be­schluß, sich per Ausstieg von dem ganzen Rum­mel fern­zu­hal­ten, ob auf das Lob der Lang­sam­keit oder darauf, uns slap­stick­artig vorzuführen, was für Ko­bolze unser Gehirn bei der täg­lichen Zeitungslektüre schießt – es ist vieles möglich. Es könnte da­rauf hinauslaufen, die Welt so gut­zuheißen, wie sie ist, oder ei­nen gewagten Denkvor­stoß zu ma­chen, bei dem einem die Luft weg­bleibt, weil da noch keiner drauf gekommen ist – ei­nerlei.

Wildern in der Vergangenheit

Francesca Gargallo, selbst ge­bür­tige Italienerin und als junge Frau nach Mexiko gekommen, be­gnügt sich damit, durch die Hin­terlassenschaften der letzten Jah­re zu wildern. Dabei wird al­les mögliche erwähnt, die brasi­li­ani­sche Militärdiktatur genauso wie der kolumbianische Bürger­krieg, die sandinistische Revolu­tion in Nicaragua und das Ende der Sowjetunion. Dom Helder Ca­mara und Leonardo Boff ste­hen neben Lula und Samuel Ruíz. Amalia und Begonia ma­chen jede Menge “Erfahrungen”, sie meditieren in einem Apen­nin­kloster, lieben diesen und je­nen, brausen durch die Welt, ver­ir­ren sich im Amazonasur­wald. Die Liste läßt sich fast be­liebig fort­setzen. Aber das war es auch schon. Die Geschichte wird noch ein wenig in die Zukunft ge­spon­nen, ohne daß sich da­durch ir­gend­etwas ändern würde. Die Per­spek­tive ist die von Begonia, die ih­rer Nich­te, also Amalias Tochter, alles erzählt. Aber dann ist sei­ten­lang diese Du-Be­zie­hung gar nicht wichtig, Begonia er­zählt mun­ter im Ich, und es hat ge­le­gent­lich den Anschein, als hät­te sich die Autorin daran er­in­nert, daß sie ja in der Du-Form schrei­ben wollte, und fügt statt “Ama­lia” “Deine Mutter” ein… Es wird nicht klar, wozu die Per­spek­tive eigentlich dienen soll.
Darin liegt die hauptsächliche Schwäche des Buches: Nichts be­deu­tet etwas. Alle Szenen, Fi­gu­ren, Ereignisse, die so rasch ab­laufen, wie wenn man ein Vi­deo schnell durchspulen läßt, sind einfach so da und im näch­sten Moment wieder weg. Jede Mei­nung, die geäußert wird, kann auf der nächsten Seite ver­ges­sen sein, von ihrem Gegenteil ver­drängt, entwertet. Die Ge­schich­te ist eigentlich ein Comic; es fehlt jeder Schatten, es fehlen Nu­ancen, Verflechtungen und Wir­kungen.
Nun deckt sich ja diese kurz­le­bige Bedeutungslosigkeit nur all­zu genau mit dem, was uns all­täglich umgibt (nehmen wir nur das Fernsehprogramm). Und es wäre packend zu lesen, was diese unsere Wahrnehmung für Fol­gen hat, es wäre brisant zu er­fah­ren, was in einem Menschen vor sich geht, der sich heute im Ur­wald etwas über die spirituelle Kraft des Mondes sagen läßt und mor­gen im Flugzeug große Ent­fer­nungen überwindet. Aber das ist für Gargallo alles kein Pro­blem.
Francesca Gargallo setzt ein­fach noch eins obendrauf, sie spielt das Spiel mit und merkt nicht, was für eines es ist. Ein Satz als Beispiel, der zugegebe­ner­maßen aus dem Kontext ge­ris­sen, aber doch typisch ist: “Als sein Flugzeug abhob, at­mete ich erleichtert auf.” So ein­fach ist das: Das Flugzeug hebt ab, schlenz, sie atmet auf, hach. Alles klar, Problem gelöst. Fünf­zehn Zeilen später schläft sie mit dem nächsten Mann.
Die Hast, mit der das Buch durch seine Geschichte stolpert, wird nie thematisiert. Aber es hat auch nicht den Anschein, als handle es sich um eine Parodie, um ein Dokument eines verpaß­ten Lebens, das uns auf dessen Ver­luste aufmerksam machen soll. Nein, die Eiligkeit, eine Bo­den­losigkeit im eigentlichen Wort­sinne, ist verinnerlicht, als Le­bensform akzeptiert, für nor­mal befunden. Die Comic-Figu­ren sind das Leben, und auf Schat­tierungen kann verzichtet werden.
Leider bleibt es nicht bei dem schauer­lichen Mangel an Refle­xion, denn auch sprachlich ist der Roman stellenweise unge­nieß­bar. Zwar ist die Unbedarft­heit, mit der die Personen durchs Le­ben geistern, in manchen Sze­nen gut getroffen, aber dazwi­schen stehen Formulierungen, bei denen sich einem das Nak­ken­haar aufrichtet. Ein Beispiel: “Mich für Roberto anzuziehen, mich von ihm ausziehen zu las­sen, eine bestimmte Bettwäsche auf unser Bett aufzuziehen, ge­mein­same Pläne zur Wohnungs­ver­schönerung, zu kochen und den Tisch für ihn mit Tischdecke und Blumen zu decken – das wa­ren Ausdrucksformen eines ritu­el­len Verhaltens, das ich in der zwei­fachen Absicht zelebrierte, ihm eine Freude zu machen und ihm zu zeigen, daß er mir ge­fiel.” Die “gemeinsamen Pläne zur Wohnungsverschönerung” pas­sen weder grammatikalisch noch (in ihrem Bürodeutsch) sti­li­stisch in den Kontext. Hat ein “ri­tuelles Verhalten” “Aus­drucks­formen”, oder ist nicht ein Ri­tual selbst schon Ausdruck? Wei­ter: “die Wunde des Zu­rück­ge­wiesenseins”, “…die Per­so­ni­fi­zie­rung meiner eigenen Ab­leh­nung des Norma­len” – geht’s nicht ein bißchen ele­ganter?
Den Vogel schießt Gargallo mit folgendem Satz ab: “Mir ge­gen­über tat Amalia so, als seien die körperliche Verfassung ihres Man­nes, die Unmengen Tablet­ten, die er schluckte, und die Für­sorge, mit der sie selbst ihn um­gab, nicht so unübersehbar, daß ihre Angestrengung [sic], so zu tun, als habe sich in unserem Le­ben nichts verändert, sinnlos wur­de.” Dafür würde selbst ein Phi­losophiestudent in seiner Pro­se­minararbeit vom Professor ein “A” wie “schlechter Ausdruck” an den Rand gekritzelt bekom­men.
Daß der Eichborn Verlag Fran­cesca Gargallo im Klap­pen­text zur “neuen Generation er­folg­reicher feministischer Au­to­rin­nen Mexikos” rechnet, macht stut­zig – was ist an diesem Buch fe­ministisch? Daß die Er­zählerin ihre sexuellen Lüste und Fru­strie­rungen nicht draußenläßt, son­dern einbezieht? Daß am Schluß angedeutet wird, daß die drei Frauen zusammenziehen? Oder soll das heißen, daß von Frau­en geschriebene Literatur immer gleich feministisch ist? Wozu dann das Etikett? Zur Stei­ge­rung der Verkaufsrate, weil “fe­ministisch” gut klingt?
Schließlich wird noch be­haup­tet, diese Generation, zu der die Au­torin des Erstlings nun ge­hö­ren soll, wäre auch die von Ele­na Po­niatowska. Einmal ab­gesehen da­von, daß Poniatowska mit ih­ren ersten großen testimo­nios schon vor fast drei­ßig Jahren her­aus­kam (Hasta no verte, Je­sús mío, 1969/ La noche de Tla­te­lol­co, 1971), liegen zwi­schen ihr und Gargallo Welten von sprach­li­cher Qualität und in­halt­licher Tie­fe. Elena Po­nia­tow­ska als Zug­pferd vor ein schlech­tes Buch zu spannen, sollte ein Grund mehr sein, das Buch nicht zu kaufen.

Francesca Gargallo, Schwestern, Eich­born Verlag, Frankfurt/Main 1996, 166 S.

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