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Schlag ins Gesicht

Wütend, ungläubig und letzlich verzweifelt reagierte Alcides Sagarra, langjähriger Erfolgscoach der kubanischen Boxequipe, auf die Vorstellung seiner Faustkämpfer bei der Weltmeisterschaft der Boxamateure in Budapest. Frustriert stand der „Professor“, wie er gerne genannt wird, an den Seilen und schaute sich die Niederlage des letzten kubanischen Finalisten Alexis Rubalcaba an. Der hatte es in den Fäusten, das Minimalziel des 61jährigen Nationaltrainers noch zu erreichen: erster Platz in der Nationenwertung. Doch was der Superschwergewichtler, mit 2,05 Metern der größte Boxer des Turniers, seinem ehrgeizigen Trainer bot, spottete jeder Beschreibung. Ängstlich tänzelte er durch den Ring, und auch die verzweifelte Aufforderung Sagarras endlich zuzuschlagen, ignorierte der 108,3 Kilogramm schwere Koloß. Er verlor sang- und klanglos und wird wohl, wie von zahlreichen Kommentatoren prognostiziert, als „Hasenfuß” in die Annalen der Box-WM eingehen.
Überraschend an diesem Kampf war nicht nur dessen Verlauf, sondern auch die Art und Weise wie der maestro des kubanischen Boxsports die Niederlage seines Schützlings hinnahm: beinahe teilnahmslos. Sagarra schien mit seinem Latein am Ende, nachdem er schon am vorangegangenen Finaltag die Niederlage seines Musterschülers, Félix Savón, miterleben mußte. Dessen Auftritt war symptomatisch für die Vorstellung der kubanischen Equipe. Savón, unbestrittener König im Schwergewicht, hatte seit seinem Debüt 1986 in Reno (USA) Weltmeisterschaften wie Olympische Spiele nach Belieben dominiert, wirkte aber nicht nur im Finale seiner sechsten WM ausgebrannt. Nachdem ihn der Ringrichter mit zwei umstrittenen Verwarnungen schon frühzeitig auf die Verliererstraße gebracht hatte, agierte der für seine Eleganz und Schnelligkeit berühmte Modellathlet beinahe desinteressiert. Sagarra versuchte verzweifelt seinen Champion aufzuwecken, ihn anzutreiben, schrie ihn an, schlug ihn zwischen den ersten beiden Runden auf die Brust und forderte ihn vor der letzten Runde auf, nun alles auf eine Karte zu setzen und den Gegner k.o. zu schlagen. Doch all das half nicht: Savón agierte durchsichtig, langsam und ohne Feuer. Der Mythos Savón hatte nach einer beispiellosen Siegesserie von über einhundert Kämpfen seinen ersten Kratzer erhalten. Diese vollkommen unerwartete Niederlage zeigte dann auch Wirkung bei seinem Coach. Nach dem Ende des Kampfes kam es zu tumultartigen Szenen am Tisch der Punktrichter, doch den Protesten der kubanischen Offiziellen wurde zu Recht nicht stattgegeben: zwar wurde der „unbesiegbare“ Savón benachteiligt, aber dies war kaum entscheidend. Am nächsten Tag saß dann ein vollkommen verwandelter Sagarra am Ring: er durchlitt die Niederlage Rubalcabas nicht wie bei Savón, sondern nahm sie fast regungslos hin, obgleich er allen Grund gehabt hätte, sich über die Arbeitsverweigerung des Superschwergewichtlers aufzuregen.

Große Ziele

Noch im August hatte der 61jährige in der Ciudad Deportiva, dem Mekka des kubanischen Sports im Herzen Havannas, gewohnt ehrgeizig sein Ziel für die WM ausgegeben: „Mir persönlich gefallen die zwölf Goldenen sehr gut, und wir wollen in allen Gewichtsklassen den Titel gewinnen. Nach allen zwölf Medaillen zu greifen ist meiner Meinung nach viel einfacher, als sich auf eine zu konzentrieren, denn das kann viel schneller in die Hose gehen.“ Daß dieser Traum des alten Hasen, der seit 1964 an der Spitze des kubanischen Boxsports steht und auf die stolze Bilanz von 82 Weltmeister- und 23 Olympiatiteln zurückblicken kann, nicht in Erfüllung gehen würde, das hatten sowohl internationale wie nationale Fachleute erwartet, daß allerdings die kubanische Equipe die WM gewohnt dominieren würde, daran hatte niemand gezweifelt. Doch unterm Strich blieben den kubanischen Faustkämpfern gerade drei Goldene, womit sie in der Nationenwertung hinter Rußland den zweiten Platz belegten, obgleich sie in sieben Finals eingezogen waren. Eine bittere Bilanz für den ergrauten Boxguru Sagarra, der zwar einerseits die fragwürdigen Urteile der Ring- und Punktrichter ins Feld führen kann, andererseits aber auch Ursachenforschung betreiben muß.
Die Leistungskurve seiner Schützlinge zeigt nach unten, die internationale Spitze ist enger zusammengerückt, was auch Alberto Brea, verantwortlicher Trainer für die Equipe der Stadt Havanna zugibt. „Noch 1992 bei der Olympiade in Barcelona oder 1993 bei der WM im finnischen Tampere konnten sich die übermächtigen kubanischen Faustkämpfer in nahezu allen Gewichtsklassen ihre Gegener wie lästige Fliegen vom Leib halten. Sieben beziehungsweise acht Titel gingen an die imposanten Boxer von der Zuckerinsel, doch diese Zeiten scheinen vorbei. Die Ursachen hierfür sind jedoch nicht allein bei der internationalen Konkurrenz zu suchen, die sich das eine oder andere von den Kubanern abgeschaut hat, sondern auch beim wirtschaftlichen Niedergang, mit dem die Karibikinsel seit der Auflösung des Rats für Gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) und der Sowjetunion zu kämpfen hat. Es muß gespart werden – auch beim so prestigeträchtigen Sport.

Zerfallende Strukturen

Anlagen wie die Provinzakademie Mulgabo, wo sich unter anderem die Boxequipe von Havanna auf die nationalen Meisterschaften vorbereitet, sind auf den Hund gekommen. Die Wände der Halle, in der trainiert wird, haben schon lange keine Farbe mehr gesehen. Der Putz bröckelt und läßt den nackten Stein zum Vorschein kommen, und eine Mauer, die das Trainingsareal bislang unterteilte, wird von den kommenden und aktuellen Weltmeistern eigenhändig per Vorschlaghammer pulverisiert, um Platz zu schaffen. „Um die materielle Basis unseres Sports steht es nicht zum besten, aber wir geben uns Mühe, ein gutes Training zu machen. Genau das ist unser Job – wir bauen neue Champions auf. Natürlich stimmt es, daß wir nicht für alle einen passenden Kopfschutz haben, daß es immer mal wieder an Boxhandschuhen oder Bandagen fehlt und daß viele der jungen Boxer keine Turnschuhe, keine Sportbekleidung besitzen. Aber das wesentliche ist, daß sie hier etwas lernen können, ihre Technik verbessern und sich mit besseren oder ähnlich guten Boxern messen können“, erläutert beinahe trotzig der 42jährige Alberto Brea, selbst vierfacher kubanischer Meister, die Situation. Ganze vier Paar Boxhandschuhe stehen dem Trainerteam um Brea zu Verfügung, neben Sandsäcken baumeln alte Reifen von der Decke und die Turnschuhe der Boxer werden durch Leukoplast zusammengehalten.
Trotz der schwierigen Bedingungen liefert Brea gute Arbeit ab. Zu seinem Kader gehört Juan Carlos Quesada (24), ein ehemaliger Juniorenweltmeister im Superschwergewicht, sowie der 19jährige Yurkis Strelin, der als amtierender Vizeweltmeister der Junioren im Schwergewicht ebenfalls über internationale Erfahrung verfügt. Derzeit sind es laut Brea neun Boxer aus Havanna, die im A-Kader der Nationalmannschaft boxen. Unter ihnen der aktuelle Olympiasieger im Fliegengewicht, Maikro Romero, der als einiger der wenigen die in ihn gesetzten Erwartungen erfüllte und den WM-Titel gewann. Mit Trainer wie Brea oder dem überaus erfolgreichen Coach der Junioren, Pedro Roque, wird sich Sagarra zusammensetzen, um die Weichen neu zu stellen. Roque, der bei der Junioren-WM vom letzten Jahr acht Titelträger und zwei Vizemeister präsentieren konnte, gilt in Kuba als potentieller Kandidat für die Nachfolge Sagarras. Dem 40jährigen wird ein flexibles Händchen bei der Arbeit mit dem Nachwuchs attestiert und auch im Ausland hat er schon erfolgreich gearbeitet. 1994 und 1995 coachte er die französischen Amateurboxer zu einer Goldenen und einer Bronzenen Medaille bei der WM in Berlin – ein Novum in den französischen Boxannalen. Roque arbeitet dabei mit weniger strikten Trainingskonzepten als die graue Eminenz Sagarra, bei dem die Disziplin über allem steht:: Auf der streng abgeschirmten Finca Orvein Quesada hat der Altmeister seine 40 besten Boxer den Großteil des Jahres um sich geschart. In seinen Händen laufen alle Fäden zusammen. Alles wird minutiös vorbereitet, jeder Interviewwunsch geht über seinen Schreibtisch, und auch über den Lebenswandel seiner Schützlinge ist Sagarra genauestens informiert. Doch was jahrzehntelang wie am Schnürchen funktionierte, zeigt die ersten tiefen Risse: Einige Weltklasseboxer haben sich ins Ausland abgesetzt, wie Juan Carlos Gómez, der beim Hamburger Promoter Klaus-Peter Kohl unter Vertrag steht, oder Diosvelis Hurtado und Jorge Luis, die in den USA als Profis boxen. Andere scheinen mit Motivationsproblemen zu kämpfen, denn anders läßt sich die Vorstellung von Alexis Rubalcaba kaum erklären. Brea will zwar nicht bestätigen, daß es an den durch die Legalisierung des US-Dollars stark veränderten Verhältnissen liegt, aber auch er hat Schwierigkeiten, mit seinem Pesogehalt über die Runden zu kommen.

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