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„Solidarität funktioniert nicht nach Schema F“

Joaquín Piñero, hat die MST eine Politik der internationalen Solidarität formuliert?
Solidarität bedeutet für uns als MST, dass die Gesamtheit der Landarbeiter auf der Welt in irgendeiner Form im selben Boot sitzt und wir uns gegenseitig helfen sollten. Wir können das miteinander teilen, was wir am besten können: unsere Fähigkeiten und Erfahrungen. Und auch Materielles. Seit der Gründung der MST, schon in den allerersten Dokumenten, haben wir festgehalten, wie wichtig es ist, internationale Beziehungen mit anderen Organisationen aufzubauen. Vor allem deshalb, weil wir eine Bewegung sind, die aus der internationalen Solidarität heraus entstanden ist. Solidarität zwischen den Völkern ist für uns ein zentrales Prinzip.

Wie hat sich die Solidarität im Laufe der Geschichte des MST entwickelt?
Wir haben in der ersten Phase der Landlosenbewegung enorm viel solidarische Hilfe erhalten, in unterschiedlicher Form. In der zweiten Phase haben wir begonnen, uns mit anderen Organisationen stärker auszutauschen, weltweit an Foren und Debatten teilzunehmen, um ihre Erfahrungen und politische Praxis kennenzulernen, ihr Wissen und die Geschichte ihrer Kämpfe. Heute sind wir in der dritten Phase, in der wir unsere Aktivisten als internationale Brigaden in andere Länder schicken können, um Austauschprozesse zu initiieren. Natürlich nur, wenn diese das möchten.

Auf der Konferenz Internacionalismo21 im Oktober 2015 in Berlin haben Sie die Notwendigkeit der Solidarität mit Haiti und Palästina betont. Das hat mich überrascht, weil Haiti eher nicht auf der Agenda der deutschen Solidaritätsbewegung steht, da dort ein fortschrittliches gesellschaftliches Projekt zu fehlen scheint.
Unsere Solidarität mit Haiti steht in Zusammenhang mit der Geschichte der MST. Haiti war 1804 die erste Nation Lateinamerikas, die sich befreit hat, die erste Revolution von Sklaven. Deshalb hat Haiti für uns eine enorme symbolische Bedeutung. Haiti hat unter anderem in den Zeiten Simón Bolívars die Befreiung Venezuelas unterstützt, hat Soldaten und Waffen geschickt. Dieser Kampf löste einen Prozess der Befreiung vom Kolonialismus in vielen Ländern Lateinamerikas aus. Tatsächlich wurde Haiti diese Rebellion von den Großmächten niemals verziehen. Es wurde immer weiter bestraft und nacheinander von Frankreich, Spanien und den USA kolonisiert. Heute ist es eines der ärmsten Länder der Region, obwohl dort eine kämpferische, starke Bevölkerung lebt. Dazu kommen noch die Naturkatastrophen. Haiti hat sich immer noch nicht von dem Erdbeben 2010 erholt. Deshalb halten wir es für notwendig, uns dort zu engagieren.

Mit wem arbeitet die MST in Haiti zusammen? Viele internationale Organisationen klagen über fehlende geeignete Kooperationspartner*innen dort.
Wir arbeiten mit Organisationen aus dem ländlichen Raum zusammen, die eine Geschichte in Haiti haben, gewachsene Strukturen, untereinander vernetzt sind und miteinander sprechen. Zum Beispiel mit der NGO Tet Kole oder kleinbäuerlichen Bewegungen wie MPNKP oder Mouvman Peyizan Papay. Das ist eine konsistentere und effizientere Solidaritätsarbeit als die der internationalen Entwicklungshilfe. Für uns ist es sehr wichtig, die solidarische Unterstützung in Haiti fortzusetzen und auszuweiten. Schon vor dem Erdbeben hatten wir eine ständige Brigade in Haiti, das waren bis zu 30 Aktivisten, heute sind es ein paar weniger.

Leistet die MST auch praktische Solidaritätsarbeit in Palästina?
Dort ist es ein bisschen komplizierter, auch weil sich die Landarbeiterorganisationen in jüngster Zeit Via Campesina angeschlossen haben, das heißt, es gibt dort ein anderes, breiteres Forum, um sich zu vernetzen. Und Palästina ist ein Kriegsgebiet. Vor allem durch die Mauer, die der israelische Staat gebaut hat, ist sehr schwierig, dort hinzukommen und praktische Arbeit zu leisten. Dann gibt es die sprachliche Barriere. In Haiti haben alle Aktivisten Kreolisch sprechen gelernt, Arabisch ist schwieriger, man braucht mehr Zeit, es zu lernen und so dieselbe Form von Beziehungen aufbauen zu können. Aber wir entsenden einmal im Jahr Brigaden nach Palästina, helfen bei der Olivenernte, lernen die Lebensbedingungen im Land besser kennen. Und wir machen Kampagnen, denunzieren Menschenrechtsverletzungen. Wir bauen also eine andere Form von Solidarität in Palästina auf, es gibt keine ständige Brigaden des MST.

Wie gestalten sich die Beziehungen des MST zu Venezuela?
In Venezuela haben wir die ersten Erfahrungen mit der Entsendung von ständigen Brigaden gesammelt. Und ausgehend davon haben wir Brigaden in andere Länder entsandt, wenn wir dazu eingeladen wurden. Ich selbst war der erste MST-Aktivist in Venezuela, das ging auf einen Besuch von Hugo Chávez beim Weltsozialforum 2005 in Porto Alegre zurück. Er fand unsere Erfahrungen mit der Produktion von ökologisch angebautem Reis wichtig. Deshalb hat er uns eingeladen, in Venezuela gemeinsam mit dortigen Organisationen die Produktion von lokalen Saatgutsorten zu stärken, also eine Zusammenarbeit in der ökologischen Landwirtschaft aufzubauen. Es gab eine Phase, in der 40 Companheiras und Companheiros der MST an verschiedenen Orten in Venezuela gearbeitet haben. Und 2015 können wir auf zehn Jahre Brigaden in Venezuela zurückblicken.

Wie beurteilen Sie heute die Bedeutung der internationalen Solidarität bei der Gründung der MST?
Man kann nicht sagen, dies oder das war am wichtigsten. Aber ganz sicher hat die Geste Kubas, die Bewegung aufzunehmen, uns sehr geprägt – auch die vier Companheiros, die heute die MST führen. Viele sind von der ANAP, der kubanischen Kleinbauern-Organisation, geschult worden. Und die kubanischen Kooperativen haben uns sehr dabei unterstützt, unsere Kooperativen in der Produktion aufzubauen. Aber auch die Teilhabe am revolutionären Prozess in Nicaragua und die Beteiligung von Brigaden an der Kaffee-Ernte waren wichtig. Auch der Prozess in El Salvador oder die Unterstützung durch eine Bauernorganisation in Peru, die es schon seit 50 Jahren gibt und die sehr viel Erfahrung besitzt. Wir hatten aber immer die klare Vorstellung, dass sich diese Modelle nicht rein schematisch auf Brasilien übertragen lassen, wir passen sie an unsere Realitäten, Kultur und Strukturen an. Auch das war etwas, das wir gelernt haben: Nach Schema F funktioniert es nicht. Wir haben natürlich auch aus den historischen Fehlern der anderen gelernt, zum Beispiel, dass es wichtig ist, eine horizontale Struktur zu haben, ein Führungskollektiv, und Aufgaben und Kompetenzen zu teilen.

Das heißt, zu Beginn der MST war die lateinamerikanische Solidarität entscheidend, nicht die Solidarität aus Europa?
Ja, als wir gerade erst anfingen, die MST aufzubauen, war die lateinamerikanische Unterstützung sehr wichtig. Später kam die europäische Solidarität dazu. Heute gibt es in ganz Europa und den USA Unterstützungsgruppen für den MST. Das ist von fundamentaler Bedeutung für unsere Arbeit, auch um diese in Europa zu vermitteln. Dazu kommt die praktische Solidarität: Dass sie uns beherbergen, wenn wir in Europa reisen. Uns Informationen über ihre Länder vermitteln, die wir dann an unsere Basis weitergeben.
Ein anderes Beispiel sind spezifische Konflikte mit Unternehmen, die in Brasilien aktiv sind, aber ihren Sitz in Europa haben. Im Fall von Syngenta ging es um illegale Praktiken beim Anbau von gentechnisch verändertem Saatgut. Die Paramilitärs, die Syngenta angeheuert hatte, ermordeten 2007 einen Companheiro. Wir haben zusammen mit einer schweizerischen Organisation eine Kampagne in der Schweiz gemacht. Und wir hatten Erfolg: Jetzt wird auf dem Versuchsfeld in der Nähe des Nationalparks Iguaçu lokales Saatgut angebaut.

Welchen Appell würden Sie an die europäische Solidaritätsbewegung richten?
Ich würde mir wünschen, dass die europäischen Arbeiter Flüchtlinge bei sich zu Hause aufnehmen. Niemand verlässt freiwillig sein Land. Und wir wissen, dass sie aus Ländern kommen, in denen große ökonomische Interessen im Spiel sind. Ich denke, dass Solidarität eine Geste ist, die zur menschlichen Natur gehört. Dass es zunehmend darum geht, dies deutlich zu machen, sich auszutauschen, zu teilen. Solidarität ist eine fundamentale Geste, um den Frieden zwischen den Völkern aufzubauen.

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