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Streik gegen soziale Grausamkeit

Im Morgengrauen zogen Tausende vor die imposanten VW-Werkshallen in São Bernando do Campo. Auf dem Parkplatz sammelten sich die Arbeiter zur wichtigsten Vollversammlung der letzten Wochen. Fahnen und Transparente wurden entrollt, doch die Stimmung unter den 16.000 war gedämpft. Mitte November hatte die örtliche Firmenleitung ihre Drohung wahrgemacht und 3.000 Kündigungsschreiben verschickt.
Die Industriestadt südöstlich von São Paulo galt lange Zeit als die Hochburg der brasilianischen Autoindustrie. Allein bei VW arbeiteten in den Siebzigerjahren bis zu 40.000 Menschen. Sie bildeten auch den Kern der damals erstarkenden brasilianischen Gewerkschaftsbewegung. Seither ist die Belegschaft im Zuge der technischen Modernisierung kontinuierlich geschrumpft. Doch zugleich entwickelte sich nach dem Vorbild des Mutterhauses eine Verhandlungskultur zwischen Unternehmensleitung und Metallern, die für Lateinamerika beispielhaft ist. Seit 1987, als zu Beginn einer zeitweiligen Fusion mit Ford auf einen Schlag 5.000 Stellen gestrichen wurden, gab es keine Massenentlassungen mehr.
In den Krisenjahren 1997/98 einigte man sich auf einen 15-prozentige Arbeitszeitverkürzung ohne vollen Lohnausgleich. Zugleich erreichte die Gewerkschaft, dass São Bernardo den Zuschlag für die Produktionsanlagen des neuen Polo erhielt. Damit waren auf Dauer 6.000 Arbeitsplätze gesichert. Doch das reichte nicht. Im Gegensatz zu anderen VW-Werken in Brasilien hat São Bernardo zwar auch mit der derzeitigen Wirtschaftsflaute zu kämpfen, die die Lagerbestände in Rekordhöhen treibt. Aber „die Produkte sind überaltert,“ schimpfte Gewerkschaftsboss Luiz Marinho auf der Vollversammlung, „den VW-Bus bauen wir seit 1959, den Golf seit 1980, den Santana seit 1984.“ Die umjubelte Schlussfolgerung: „Das ist inkompetentes Management.“
„Wir sind bereit, über weitere Einkommenseinbußen zu verhandeln,“ sagte Marinho, der die Arbeiter „mit dem Rücken zur Wand“ sieht. „Doch diese Massenentlassungen sind grausam, unsozial und inakzeptabel.“

Firma fordert mehr Flexibilität

Firmenchef Herbert Demel forderte hingegen eine „neue Mentalität“ und „höhere Flexibilität“. In São Bernardo läge der Durchschnittslohn von umgerechnet 1500 Mark drei Mal so hoch wie im neuen VW-Werk von Curitiba im Bundesstaat Paraná. Der personelle Überhang lasse sich nur durch eine 15-prozentige Arbeitszeit- und Lohnkürzung auffangen. Bestenfalls könne man sich vorstellen, die Hälfte der Entlassungen rückgängig zu machen. Zudem sollten jährlich sechs Prozent der Belegschaft „herausrotieren“ – bei einem um 30 Prozent reduzierten Einstiegslohn für die Neuen.

Hoffen auf das Mutterhaus

Einig sind sich die Kontrahenten über die Krise, in der VW steckt. In Brasilien hat die Firma ihre traditionelle Spitzenposition unter den Autoherstellern eingebüßt. Bei den PKW-Verkaufszahlen liegen General Motors und Fiat gleichauf. Im Oktober setzte Volkswagen knapp 24.000 Autos ab, 15 Prozent weniger als im gleichen Monat des Vorjahres. Insgesamt beschäftigt VW do Brasil 28.000 Mitarbeiter.
Um einen „Ausweg aus der Sackgasse“ zu finden, fuhr Marinho nach Wolfsburg, um direkt mit Personalvorstand Peter Hartz zu verhandeln. Nach seinem Besuch in Wolfsburg waren die Massenentlassungen erstmal vom Tisch und es gab Hoffnung auf Neuinvestitionen, 1.500 Arbeiter werden wieder eingestellt. Ebenso viele erhalten bis Ende Januar 2002 bezahlten Sonderurlaub. Allerdings sollen 700 von ihnen bis dahin durch eine Abfindung dazu bewegt werden, die Firma „freiwillig“ zu verlassen.

Modelle aus dem letzten Jahrhundert

Damit hält die Firmenleitung an ihrem Flexibilisierungkurs fest. Generell werden Arbeitszeit und Lohn um 15 Prozent gekürzt – was für die meisten auf eine Vier-Tage-Woche hinausläuft. Bei Neueinstellungen sinkt der Anfangslohn um 25 Prozent auf rund 600 Mark monatlich. Hinzu kommt die Auslagerung von Teilen des Produktionsablaufs an Drittfirmen. Das Abkommen soll für die nächsten fünf Jahre gelten. Positiv an der Kompromisslösung ist für Luiz Marinho, dass VW nun darauf verzichtet, jährlich 1000 Arbeitsplätze abzubauen. Auch werde sich das Lohngefüge weniger drastisch verschlechtern als befürchtet.
Mittelfristig müsse VW jedoch weitere Neuinvestitionen in São Bernardo do Campo vornehmen. Die Produktion des neuen Polo, die im kommenden Jahr anlaufen soll, müsse durch zwei weitere Projekte ergänzt werden – den Polo Sedan und eine deutsch-brasilianische Neuentwicklung namens Tupi.“Wir können unsere Führungsposition auf dem hiesigen Markt nur zurückgewinnen, wenn wir ähnlich wie die Konkurrenz versuchen, neue Marktnischen zu erschließen,“ so Marinho. Auch wenn die dafür erforderlichen Investitionen von rund einer Milliarde DM noch nicht beschlossen worden seien, habe er nach der Gesprächen in Wolfsburg neue Hoffnung geschöpft.
Vor den Werkhallen verteilten Gewerkschaftsmitglieder eine Zeitung mit dem Angebot der Firma. „Die Arbeiter brauchen zwei Tage Zeit, um sich über die komplizierten Details klar zu werden“, sagte Marinho. Ein Teil der Belegschaft lehnte das Abkommen ab. Betriebsrat-Mitglied Marcos Melão, Wortführer der Dissidenten, kritisierte die „klare Verschlechterung der Arbeitsbedingungen“. Er plädierte für einen „langen Arbeitskampf“, räumte jedoch ein, dass dafür ein „großer Rückhalt aus der Gesellschaft“ erforderlich sei.
Dagegen wusste der Pragmatiker Marinho die deutliche Mehrheit der Arbeiter hinter sich. Nach einer Woche Streik folgten sie, wie geplant, seinem Vorschlag, an die Produktionsstrecken zurückzukehren.

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