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Subcomandante Marcos, Ritter von der traurigen Gestalt

Wer sich die Postskripten der Kommuniqués des Subcomandante vornimmt, stellt fest, daß Marcos den am Beginn des 17. Jahrhunderts entstandenen spanischen Klassiker der Weltliteratur, Don Quijote, von Miguel de Cervantes, der übrigens dieses Jahr seinen 450. Geburtstag feiert, sehr genau gelesen hat. So erschien zuletzt am 24. Januar in der Tageszeitung La Jornada ein langer Text mit dem Titel “Sieben Fragen an die Betreffenden”, in dem Marcos den Ist-Zustand der mexikanischen Gesellschaft und Politik beschreibt. Jeder einzelnen der sieben Fragen und dem Text selbst ist ein längeres Zitat aus Cervantes’ Don Quijote vorangestellt.
Aber der ehemalige Philosophiestudent der Nationaluniversität Mexikos (UNAM) zitiert Cervantes nicht nur, um damit seinen Texten den gewissen Touch von Bildung zu verleihen. Peu a peu hat Marcos in Gestalt des ebenfalls pfeiferauchenden Käfers Durito, den Protagonisten aus Cervantes’ “wirkungsmächtigstem Werk seit der Bibel” (Kindlers Literaturlexikon), sozusagen als sein alter ego wieder auferstehen lassen und erneut in einen “Kampf gegen Windmühlen” geschickt. Denn so wie Don Quijote, der Ritter von der traurigen Gestalt, ist Durito fahrender Ritter und hat in Marcos einen ihm – wenn auch nicht immer ganz so treu – ergebenen Schildknappen. Außerdem hat auch Durito eine ferne Geliebte, redet barockes Spanisch und schreckt vor keiner Gefahr zurück. Er begibt sich sogar auf den Marsch der Gewerkschaften zum 1. Mai nach Mexiko-Stadt, für einen Käfer kein ungefährliches Unterfangen, denkt man an die vielen bedrohlich trampelnden Füße.
In ihren zahlreichen Dialogen unterhalten sich Durito und Marcos über Politik und Neoliberalismus wie einst Don Quijote und Sancho Panza über das eiserne und das goldene Zeitalter.

Don Quijote als politischer Kampfbegriff

Sicherlich, das Sprichwort vom “Kampf gegen Windmühlen” ist überstrapaziert. Besonders in der Politik. Die großen Helden, die beharrlich für hehre Ziele kämpfen und sich weigern, die objektiven Bedingungen anzuerkennen! So wird die tragische Unausweichlichkeit vor dem Scheitern zum ästhetischen Genuß, die Inhalte der Ziele bleiben auf diese Art und Weise angenehm im Schatten des Sprich-wortes stehen. In Lateinamerika wurden die verschiedensten Geschichtsgrößen, von Cortés über Pizarro bis Bolívar, zum Quijote erhoben. Das Hantieren mit diesem literarischen Symbol, um eine öffentliche Figur vor den Wirbelstürmen von Geschichte und Politik zu bewahren und positiv zu besetzen, ist in Lateinamerika demnach zumindest eine erfolgversprechende Strategie. Denn schließlich verkörpert diese Figur, dieser unverbesserliche Idealist, den “spanischen Helden schlechthin” (Carlos Fuentes), und bildet damit den Gegensatz zum Helden angelsächsischer Prägung, der die ihn umgebende Welt akzeptiert und von dort aus in Robinson Crusoe-Manier versucht, pragmatisch vorzugehen und das beste aus seiner Situation zu machen.
Ist es also lediglich eine medienwirksame Strategie, wenn sich der Subcomandante aus dem mexikanischen Südosten mit Don Quijote vergleicht? Meiner Meinung nach nein. Cervantes ist neben Neruda, Cortázar oder Miguel Hernández einer der wenigen Autoren, die Marcos in den Urwald begleitet haben und von denen er sich beim Schreiben seiner Kommuniqués inspirieren läßt. Wie auch Don Quijote, der die Welt mit den ihm aus den Ritterbüchern bekannten Zeichen liest, und der Windmühlen für Giganten, Schafherden für feindliche Armeen hält, liest Marcos sich und die Welt literarisch. In seinen Texten wird er zum Bestandteil seiner eigenen Fiktion und so wie Cervantes seine Helden den Druck des Buches überwachen läßt, das von ihren ruhmreichen Taten berichtet, thematisieren auch Durito und Marcos die Probleme ihrer eigenen Publikation: “Es wäre besser, wenn du langsam zum Ende kommen würdest, wir haben ja schon mehrere Seiten geschrieben und das veröffentlicht uns keine Zeitung. Sie sagen ja bereits, daß ich die Kommuniqués nur als Vorwand benütze, um ihnen zu schreiben, was mir so einfällt…”.
Während Marcos von Carlos Fuentes sozusagen als erster postmoderner (Guerilla-)Held charakterisiert wurde, steht Don Quijote literaturgeschichtlich am Beginn der Moderne.

Der moderne Held

Zum ersten Mal treten hier Autor und Held autonom in Erscheinung und emanzipieren sich von einander. Im Gegensatz zu seinem Helden hat der moderne Autor begriffen, daß die ewigen Inhalte und Haltungen, seit der kopernikanischen Wende ihren Sinn verloren haben und die Welt immer mehr im Inneren der sie konstituierenden Subjekte versinkt. Gleichzeitig aber mag er sich nicht ausschließlich in sich selbst zurückziehen und so die “prosaische Niedertracht des äußeren Lebens” (Lukács) unwidersprochen hinnehmen. Hat er doch schließlich den Anspruch, objektiv etwas über die Welt sagen zu können. So wurde der Autor der Moderne zu einem Grenzgänger, einem Vermittler zwischen Subjekt- und Objektwelten.
Wie der moderne Autor mit seinem Held, identifiziert sich Marcos mit dem Quijote, gleichzeitig aber auch nicht. Zum einen ängstigt ihn die Idee, auch er könne, wie einst Alonso Quijano (Don Quijotes bürgerlicher Name) am Ende seines Ritterlebens erkennen, daß all seine Taten die eines Wahnsinnigen waren. “Die Niederlage der Verrücktheit, der Sieg der Reife und Vorsicht, sind das Schmerzhafteste an diesem Buch”, sagt Marcos in einem Interview. Zum anderen weiß er jedoch auch, daß die Wirklichkeit zu ernst ist, als daß man sich einfach über sie hinwegsetzen könnte: “Die Windmühlen waren die Helikopter der Bundesarmee, obwohl sie genaugesehen keine Windmühlen sind. Ebensowenig sind die Pilatos-Flugzeuge, die die “neutrale” schweizer Regierung der mexikanischen Regierung zum Töten von Indígenas verkauft, genaugenommen Fiktion.” Marcos ist in erster Linie Politiker und als solcher muß er konkrete Lösungsvorschläge zu politischen Problemen anbieten.
Dieses Spannungsverhältnis zwischen Utopie und Pragmatismus, Literatur und Politik, Fiktion und Realität, zieht sich in Form des fahrenden Ritters durch Marcos’ Diskurs. Um von diesen Gegensätzen nicht zerrissen zu werden und ein gewisses Maß an Objektivität und Autorität zu behalten, muß Marcos sie aufheben, oder wie die Literaturwissenschaft sagt, dekonstruieren. Das Moderne an Marcos’ literarischem Vorbild ist, daß Cervantes solche dekonstruktivistischen Verfahren als erster in der Literatur konsequent durchexerziert hat. Er bediente sich dabei dessen, was Michail Bachtin das “Prinzip des Karnevals” nennt. “Das Karnevaleske dominiert Texte, die einer komisch-parodistischen Schreibweise verpflichtet sind. Strukturell ist es dadurch gekennzeichnet, daß Stile, Gattungen und Schreibweisen gemischt, Hohes und Niederes zusammengebunden werden. Funktional ist es darauf gerichtet, die eine offizielle Wahrheit, die überkommene festgefügte Ordnung aufzubrechen.” Cervantes gelang es mit seinem Buch, die Macht der damals so beliebten Ritterromane zu brechen. Die Literaturkritik wurde dadurch selbst Bestandteil seiner Literatur.

Gegen die (Wind-)Mühlen der Politik

Marcos verfolgt das gleiche Ziel in der Politik. Um Kritik zu üben, greift er zuerst die Sprache an, die die Politik Konstruktion ihrer Diskurse verwendet. Bereits in seiner 1980 an der UNAM eingereichten Abschlußarbeit mit dem Titel “Philosophie und Erziehung – Diskursive und Ideologische Praktiken im mexikanischen Erziehungswesen” setzt er sich mit diesem Thema unter philosophischen Fragestellungen auseinander. Abschließend fordert er eine politische Position, die neue diskursive Strategien ermöglichen soll.
In quijotesker Manier hat er diese Forderungen in die Tat umgesetzt, und das Prinzip des Karnevals in den politischen Diskurs eingeführt: Sein Schreibstil ist ebenso parodistisch wie ironisch. Er ver-mischt poetische und erzählende Stile mit politischen Forderungen und Anklagen, löst die Trennung zwischen dem Autor und seinen Figuren auf und läßt so die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen.
Auf Octavio Paz’ Lob an der Erfindung Duritos antwortet Marcos in einem Interview: “Das ist ungerecht, protestiert Durito. Er meint, er sei keine Erfindung, sondern wirklich, und die Erfindung sei eigentlich ich.” Indem sich Marcos auf diese Art und Weise von selbst in Frage stellt und ironisch relativiert, gelingt es ihm, sich gegenüber ideologiebeladenen Kritikversuchen, sowohl aus der bürgerlich-liberalen, als auch der dogmatisch-marxistischen Ecke, erhaben zu machen. Der Literatur gelang dies bereits im Quijote. Sie hat ihre eigenen Unzulänglichkeiten bei der Vermittlung transzendentaler Werte längst erkannt, während die moderne Gesellschaft selbst diesen Anspruch aufrechterhielt.
Zwar setzte mit der Aufklärung ein Prozeß ein, der die “Entzauberung der Welt” anstrebte, dies gelang jedoch nur um den Preis einer Mythisierung der Aufklärung selbst. Die christlichen Religionen wurden durch politische Pseudoreligionen ersetzt. In der postmodernen Kritik der Moderne wird der endgültige Zusammenbruch dieser Pseudoreligionen oder “Meta-Erzählungen” wie Jean-Francois Lyotard sie nennt, proklamiert. Wenn Carlos Fuentes die EZLN aufgrund ihrer pluralistischen Ideen und deren Kritik an der politischen Sprache etwas vorschnell als “erste postmoderne Guerilla” charakterisiert, so müssen dem andere Postulate dieser philosophischen Richtung entgegengesetzt werden, die mit Marcos’ Denken in keinster Weise zu vereinbaren sind. Er begreift sowohl Tradition und Geschichte als auch handelnde Subjekte als Faktoren, die bei der Gestaltung von Gegenwart und Zukunft unbedingt in Betracht zu ziehen sind. Gerade diese beiden zutiefst modernen Kategorien, das Subjekt und die Geschichte, sind der Postmoderne jedoch abhanden gekommen.
Marcos dekonstruiert Politik, indem er Verfahren, die der literarischen Moderne verpflichtet sind, auf politische Diskurse anwendet. Er betreibt die Dekonstruktion jedoch nicht um ihrer selbst willen. Es ist nicht seine Art, sich nach getaner Arbeit von dem Scherbenhaufen dekonstruierter Ideologien angeekelt abzuwenden und diesen sich selbst zu überlassen. Vielmehr hat er ein klares Ziel vor Augen: Die Sicht auf die Realität freizulegen. Und die Realität ist für ihn Armut, Hunger, Unwissenheit, Krankheit, Unterdrückung, Tod; das heißt also die Verweigerung der elementarsten Menschenrechte für einen grossen Teil der Bevölkerung Mexikos. Die Veränderung dieser Realität ist sein Ziel. So gesehen steht Marcos, genau wie Don Quijote, ganz am Anfang der Moderne. Und nicht nur der Moderne. Denn wie der Literaturwissenschaftler Sebastian Neumeister zu verstehen gibt, ist Don Quijote in all seiner Tragikomik der Held der gescheiterten Utopien aller Zeiten, auch der Unseren. Wir sollten ihn ernstnehmen!

Literaturhinweis: Marcos. “Botschaften aus dem Lakandonischen Urwald.”, Hamburg 1996.

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