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Tanz! Es geht um dein Leben

Auf einer Straße im historischen Viertel von Guatemala-Stadt bildet sich eine Menschentraube. Cheez, ein Jugendlicher mit Kapuzenshirt, klebt Pappkartons als Unterlage zusammen. Es läuft Hip Hop und die Poker Crew beginnt zu breakdancen. Ihre Bewegungen sind schnell und akrobatisch. Nach einem Flickflack landet Gato mit einem Salto vor den Zuschauer*innen. Die Menge jubelt.
Der Dokumentarfilm BBoy for Life des US-amerikanischen Filmemachers Coury Deeb eröffnet den Zuschauer*innen die täglichen Wege und Gedanken der B-boys Gato und Cheez. Für sie ist Tanzen eine Möglichkeit, sich auszudrücken und dem Alltag zwischen Drogen, Ermordungen und Bandenkriegen in ihrem Viertel zu entfliehen.
Daneben lässt der Film die Akteur*innen der alltäglichen Gewalt, aktive oder ehemalige Gangmitglieder, zu Wort kommen. In Interviews berichten mareros, die wegen Vergewaltigung, Femizid und Mord im Gefängnis sitzen. Einer von ihnen gesteht: „Das Schlimmste, was ich gemacht habe? Eine Frau in Stücke gehackt, sie zerstört.“ Dabei umspielt ein unsicheres Lächeln seine Lippen, als könnte er das Ausmaß der Gewalt in seiner Aussage selbst nicht begreifen. Es sind kurze, aber einprägsame Szenen, die die Menschen hinter den unmenschlichen Gräueltaten porträtieren.
Leidy ist die dritte Protagonistin des Films. Als ehemaliges Gangmitglied saß sie über drei Jahre wegen Erpressung im Gefängnis. Jetzt steht sie vor einer radikalen Veränderung. „Wer aus einer Gang aussteigt, verlässt sie im Sarg“, erzählt sie über ihre Angst, von den anderen Gangmitgliedern gefunden zu werden. Sie hofft auf eine bessere Zukunft für ihren Sohn Gerald, der von Cheez Tanzunterricht bekommt. Indem die B-boys anderen Jugendlichen breakdancen beibringen, bieten sie ihnen Kreativität statt Gewalt. So versuchen sie den Kreislauf aus Perspektivlosigkeit, Bandenzugehörigkeit und Kriminalität in den Ghettos der Stadt zu durchbrechen. Das macht sie zu einem Feindbild der maras, die insbesondere Jugendliche in marginalisierten Vierteln rekrutieren. „Hier in Guatemala gehst du ein Risiko ein, wenn du tanzt. Wenn die Gangster mich in meiner Nachbarschaft tanzen sehen, drohen sie mir mit dem Tod“, erzählt Gato. Sein Bruder wurde getötet, weil er sich geweigert hatte, die Identität von Gato und anderer B-boys zu verraten. Auch die äußeren Umstände des Films spiegeln die komplizierte Situation im Land wider: Aufgrund der Risiken für die Protagonist*innen konnte der Film bisher nicht in Guatemala gezeigt werden. Zu sehen ist er nun am 28. und 30. April beim Filmfestival Muestra de Cine Internacional Memoria Verdad Justicia (Erinnerung, Wahrheit, Gerechtigkeit) in Berlin.
Eindrucksvoll gelingt es in BBoys for Life eine Geschichte von Hoffnung, Kampf und künstlerischem Ausdruck zu erzählen. Dabei wird einerseits die tägliche Gefahr, die viele Guatemaltek*innen erleben deutlich, aber auch die Möglichkeit, andere Wege einzuschlagen. Im Vordergrund steht für den Dokumentarfilmer Deeb, den jugendlichen B-boys eine Stimme zu geben und ihnen zuzuhören. „Tanzen ist ein Lebensstil“, erklärt Cheez, während er sich von Leidy „BBoy for Life“ auf die Wirbelsäule tätowieren lässt.

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