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Teilen und Herrschen in Chiapas

Seit Beginn des Aufstandes der Nationalen Zapatistischen Befreiungsarmee (EZLN) vor acht Jahren leben die zapatistischen Gemeinden im erklärten Widerstand gegen den Staat. In den zahlreichen selbstverwalteten Landkreisen wollen sie beweisen, dass absolute Unabhängigkeit möglich ist. In der Praxis heißt das: Alles, was von der Regierung oder den Oppositionsparteien finanziert wird, ist für die Zapatisten tabu. Egal ob Schulen, Krankenhäuser oder subventionierte Lebensmittel – Selbstverwaltung bedeutet radikale Eigenversorgung.
Die 46-jährige, hochschwangere Rosa muss deshalb mit ihren Töchtern einen einstündigen Fußmarsch in das Nachbardorf zurücklegen, um einen unabhängigen Arzt aufzusuchen. Außerdem bezahlt sie umgerechnet 13 Euro für Arzneien – den Gegenwert von drei Tageslöhnen oder einem Zentner Mais in dieser Region. In der staatlichen Gesundheitsstation, nur 100 Meter von ihrem Haus entfernt, bekäme sie Behandlung und Medikamente kostenlos. „Aber nur, nachdem sie unsere Namen aufgeschrieben haben“, erklärt Rosa ohne eine Spur von Bedauern. „Und das kommt für uns nicht in Frage.“ Ebensowenig wie der Einkauf in einem der drei Geschäfte im Dorf, die günstige, von der Regierung subventionierte Produkte anbieten. Denn damit würde sie sich auf die Seite der „rajones“ begeben: So heißen die Deserteure, die die Zapatisten meist in der Hoffnung auf materielle Vorteile verlassen.

Interne Konflikte

So bildet sich eine unsichtbare aber allgegenwärtige Grenze in den Dörfern, die zwischen der Minderheit der Zapatisten und der Mehrheit regierungstreuer oder parteigebunderner Gruppen verläuft.
Genaue Zahlen, wie viele Anhänger die Rebellen in den vergangenen Jahren verloren haben, gibt es nicht. Fest steht aber: Die Strategie der mexikanischen Regierung, die aufständischen Indígenas durch Geldgeschenke und die Verbesserung staatlicher Schulen und Krankenhäuser zu ködern und damit zu spalten, scheint aufzugehen. Beispielsweise bietet die Regierung allen Bauern Subventionen zum Kauf von Saatgut an – vorausgesetzt, sie können eigenen Landbesitz nachweisen. Einige Überläufer versuchen deshalb, sich ihren Teil von dem gemeinschaftlich genutzten Land zu sichern, das sie vor Jahren mit Hilfe der Zapatisten reichen Großgrundbesitzern abgenommen hatten. In den autonomen Gebieten aber gilt eine klare Regel: Wer die Bewegung verlässt, verliert auch sein Land.
Über diese internen Konflikte berichten vor allem internationale Beobachter, die seit Jahren in Chiapas leben. Die Einheimischen selbst reden kaum oder nur äußerst ungern darüber. „Es ist wahr, viele sind müde geworden“, sagt Rosa zögernd. „Vielleicht, weil der Widerstand viel Arbeit kostet.“ Und was bedeutet das für das Zusammenleben im Dorf und in den Familien? „Es gibt keine Probleme“, versichert sie. „Man redet miteinander.“
Mit diesen Worten beschleunigt sie ihre Schritte, um rechtzeitig zur Mittagszeit wieder zu Hause zu sein und die traditionelle Posole, eine Art kalte Maissuppe zuzubereiten. Seit zwei Monaten sitzen vier zusätzliche Esser an dem großen Holztisch in ihrer Küche. Zwei Männer und zwei Lehrlinge, die versuchen, für die autonome Gemeinde ein Tischlerei-Kollektiv auf die Beine zu stellen. Sie arbeiten täglich zehn Stunden in einem stickigen, kleinen Schuppen – mit minimalem Fachwissen, stumpfen Werkzeugen und der Hoffnung, in einigen Monaten alle zapatistischen Familien in ihrem Landkreis mit Möbeln aus dem Kollektiv zu versorgen.

Ist der Ofen aus?

Für Rosa und ihre Töchter heißt das vor allem, mehr Tortillas zu backen als vorher. Denn GenossInnen, die für die Bewegung arbeiten und dabei kein Feld bestellen können, werden von der Gemeinschaft versorgt. Das gilt für die Guerilla-Soldaten ebenso wie für Handwerker oder Lehrer.
An diesem Nachmittag backt die 20-jährige Carmen die Tortillas, während ihre zehnjährige Schwester sich mit der Maismühle abmüht und Rosa die Bohnen zubereitet. Bis vor kurzem arbeitete Carmen in dem Bäckerei-Kollektiv der Zapatista-Frauen. In einem großen, traditionellen Lehmofen stellten sie süße Brötchen für den Verkauf im Dorf her. „Es macht Freude, im Kollektiv zu arbeiten“, sagt sie in einem Ton, der klingt wie aus einem kommunistischem Schulbuch gelernt. Trotz ihrer Freude war Ende letzten Jahres der Ofen aus. Aus welchem Grund? „Ich weiß nicht. Einige Frauen wurden krank, konnten die Hitze nicht mehr ertragen oder wurden einfach nur die Arbeit leid.“ Bis auf eine Frau aus dem Kollektiv, die einen eigenen Backofen in ihrem Hof bauen ließ und nun Brötchen aus dem Familienbetrieb auf eigene Rechnung verkauft.
Doch Carmen und Rosa klagen nicht – weder über gescheiterte Arbeitskollektive, die wachsende Zahl von fremden Essern an ihrem Tisch noch über die dürftige Schulbildung, die die Kleinen in der Familie genießen.

Mit leeren Händen

Zwar wurden im vergangenen Jahr überall in ihrem Landkreis autonome Schulen gebaut, oft in Form primitiver Holzhütten, die in starkem Kontrast zu den vergleichsweise großzügigen Steinhäusern der staatlichen Schulen stehen. Doch die jugendlichen Lehrer – die meisten sind zwischen 14 und 17 Jahre alt – stehen mit großen Idealen und leeren Händen vor ihren Schülern. Es gibt weder Lehrbücher noch Papier und Bleistifte für die Kinder. Die Lehrerausbildung besteht aus einer einmonatigen Schulung und der Arbeitslohn aus Bohnen und Tortillas am Tisch einer Compañera. An der Tafel der Schule, die Rosas Jüngste besuchen, sind Artikel aus der UNICEF-Deklaration über die „Rechte der Kinder“ in Spanisch aufgelistet, obwohl die Kleinen weder lesen können, noch Spanisch sprechen. Die Frage, was Thema des Unterrichts sei, beantworten die blutjungen Lehrer eher vage: „Wir sprechen über die universellen Rechte der Kinder, das Leben Zapatas und die Revolution in Chiapas.“

Hoffnung EZLN

An der Bildungsfrage war vor dem Bau der autonomen Schule der Widerstand vieler ehemaliger Zapatista-Mütter zerbrochen. „Was sollte ich tun?“, sagt eine der Überläuferinnen resigniert. „Meine Kinder hatten drei Jahre lang keinen Unterricht erhalten. Ich muss doch an ihre Zukunft denken.“ Wie die meisten Dorfbewohner weiß sie aber auch, dass sie den Eifer der Regierung, für eine bessere Infrastruktur zu sorgen, einzig den Zapatisten zu verdanken hat. „Eigentlich können wir nur hoffen, dass die EZLN durchhält“, kommentiert ihr Ehemann. Denn sobald die mexikanische Regierung die Bewegung als „erledigt“ ansehe, würden die Hilfsprogramme versiegen – darin sind sich die meisten Menschen in diesem Dorf einig. Diesseits und jenseits der unsichtbaren Grenze.

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