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Terrorismus in Südchile ?

Eine Situation wie 1971 und ’72, als unter dem sozialistischen Präsidenten Allende Ländereien von Großgrundbesitzern besetzt wurden…“ Mit diesem Vergleich beginnt Hermógenes Pérez de Arce in der chilenischen Tageszeitung El Mercurio einen Artikel, in dem er massive Kritik an der seiner Ansicht nach laschen Haltung der Regierung gegenüber den Landbesetzungen durch die Mapuche übt.
Der Konflikt schwelt vor allem in der achten und neunten Region im Süden Chiles. Im Alto Biobío kämpft die indigene Bevölkerung seit Jahren gegen den Bau des Staudammes Ralco durch den multinationalen Energiekonzern ENDESA, der für sie den Verlust ihrer Ländereien mit sich bringt. Ralcovist der Zweite von insgesamt sechs Dämmen, der Erste Pangue wurde bereits 1997 in Betrieb genommen. Hervorgetan haben sich in diesem Kampf vor allem die Schwestern Quintreman, die den Konflikt auch über die Grenzen Chiles hinaus bekannt machten (s. LN 319). Die weiteren Landbesetzungen richten sich vor allem gegen die großen Forstwirtschaftsunternehmen, die einen Großteil des Landes, das einst den Mapuche gehörte, besitzen und wirtschaftlich ausbeuten. Organisationen wie der Rat aller Länder (Consejo de Todas las Tierras) und die Koordination Arauco-Malleco fordern einen Rückzug dieser Firmen zu Gunsten der indigenen Bevölkerung (s. LN 325/26).
Die Polizei geht immer wieder scharf gegen die Besetzer vor. Zugleich kauft die Regierung Ländereien, um sie an die Mapuche abzugeben und somit auf ihre Forderungen einzugehen. Diese Strategie wird allerdings von links wie von rechts als unzureichend angesehen, da die Unterstützung sich in der Vergabe der Länder erschöpft: Oft fehlen sowohl Kenntnisse als auch Geräte, um das Land richtig zu bebauen. Zudem empfinden die Mapuche diese Maßnahmen als heuchlerisch und unzureichend, da sie kein Konzept der politischen und kulturellen Autonomie ihres Volkes beinhalten.

Subversive Einflüsse?

Nun haben konservative Unternehmer und die chilenischen Medien, angeführt von der Tageszeitung El Mercurio, die Entführung des brasilianischen Unternehmers Olivetto durch Angehörige der linken chilenischen Organisationen Movimiento de Izquierda Revolucionario (MIR) und Frente Patriótico Manuel Rodriguez (FPMR) zum Anlass genommen, die Regierung massiv zu kritisieren und den Konflikt auf eine neue Ebene zu bringen. So sollen laut Mercurio, der sich auf „akademische Quellen der Universidad de Chile“ bezieht, einige Mitglieder der FPMR bei „paramilitärischen“ Aktionen der Indígenas dabei gewesen sein. Zudem interessiere sich die Organisation für den Konflikt, um sich politisch neu zu organisieren. Am 10. März veröffentlichte der Mercurio gemeinsam mit einer Hand voll Unternehmer, die an Investitionen in den beiden südlichen Regionen beteiligt sind, eine Anzeige, in der beklagt wurde, dass sich „der Terrorismus in den ländlichen Teilen der Neunten Region verbreitet“.
Die Vorwürfe sind nicht neu: Das neoliberale chilenische Forschungsinstitut Libertad y Desarrollo („Freiheit und Entwicklung“) hat bereits im Juli 2001 einen 36 Seiten starken Essay herausgegeben, der die Verbindungen der Mapuche sowohl zu MIR und „Rodriguisten“ als auch zu den Zapatisten, der MST und den baskischen ETA-Kämpfern beweisen will. Gemeinsam sei all diesen Organisationen, die ablehnende Haltung dem Neoliberalismus gegenüber und der Wille, das bestehende Staatssystem zu zerstören.
Auf ideologischer Ebene wird auch von Seiten der Mapuche bisweilen der Vergleich mit dem autonomen Baskenland oder palästinensischen Befreiungskämpfern gezogen. Das macht sie jedoch nicht, wie Libertad y Desarrollo es darstellt, zu Handlangern ausländischer Organisationen. Die Selbstdarstellung der Mapuche-Organisation Coordinadora Arauco-Malleco, die in dem Essay immer wieder als Beispiel herangezogen wird, bestätigt dies: Sie distanziert sich von jeglicher Vereinnahmung durch linke Organisationen und Parteien und wirft ihnen Rassismus und Ethnozentrismus vor. Im Allgemeinen legen die Mapuche-Organisationen großen Wert darauf, dass ihr Kampf ein unabhängiger ist, der allein zur Wiedererlangung der Rechte ihres Volkes dient.

Ausländische Unterstützung

In einer vom Mercurio zitierten Broschüre kritisiert Libertad y Desarrollo unter anderem die Unterstützung der Mapuche durch ausländische Nichtregierungsorganisationen. Nach Meinung des Instituts rechtfertigen diese Gewalt als legitimes Mittel und missachten das Recht auf Eigentum, indem sie die Indígenas beim „Raub“ von Land unterstützen.
Neben zahlreichen Organisationen aus der ganzen Welt wird das Institut für Theologie und Politik in Münster genannt. Laut Olaf Kaltmeyer, einem Mitarbeiter dieses Institutes, basiert die Studie von Libertad y Desarrollo nicht auf solider Information. Die einzige Quelle für die Verbindung zwischen dem Institut für Theologie und Politik und Mapuche-Organisationen sei eine Internetseite gewesen, die über die Deutschland-Rundreise des Mapuche-Dirigenten und derzeitigen Bürgermeisters von Tirúa in der achten Region, Adolfo Millabur, informierte. Die konkreten Vorwürfe von Libertad y Desarrollo weist er zurück mit dem Hinweis, dass schon der Begriff des Rechtes auf Eigentum fragwürdig ist. Es handele sich um Eigentum, dass die Forstwirtschaftsunternehmen während der Zeit der Diktatur durch von Pinochet erlassene Gesetze erworben hatten. Diese Gesetzgebung hatte zum Ziel, das den Mapuche gehörende Land zu parzellieren und der Forstwirtschaft zugänglich zu machen.

Die Regierung im Zugzwang

Die chilenische Regierung mag sich den Vorwürfen des Terrorismus bis jetzt noch nicht anschließen. Präsident Lagos wies die Terrorismus-Anschuldigungen gegen die Mapuche als ungerechtfertigt zurück und Innenminister Insulza beschwerte sich über die verzerrte Darstellung des Konfliktes in den Medien. Sein Groll richtete sich vor allem gegen den Fernsehsender TVN, der behauptet habe, Insulza habe eine Verstärkung der Polizeikräfte in der Region gefordert. Dies habe er so nie gesagt, so der Minister, die Äußerung sei ohne Zusammenhang dargestellt worden. Außerdem waren in dem Bericht Bilder von kämpfenden Indígenas gezeigt worden, die schon Wochen alt waren und nicht die aktuelle Situation wiedergaben.
Von Seiten der Mapuche wird der Vorwurf des Terrorismus nicht nur zurückgewiesen, sondern auch zurückgegeben: Diejenigen, die die Mapuche seit Jahrhunderten unterdrücken und gewaltsam ihren Widerstand brechen wollen, seien Terroristen. Und für die Schwestern sind die Terroristen jene, die den Konflikt zwischen Mapuche, Wirtschaft und Staat in diesen Kontext stellen. Auf der Internet-Nachrichtenseite Mapuexpress.net findet man unter der Überschrift „Das ist Terrorismus!“ Bilder von gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Mapuche und Polizei, von Verletzten im Krankenhaus und von schwer bewaffneten Uniformierten, die den Staudammbau am Alto Biobío verteidigen.

Regierung droht “mit harter Hand”

Die Kritik der Mapuche richtet sich nicht nur gegen die Meinungsmacher im Mercurio, sondern auch gegen die Regierung Lagos. Die Ankündigung des Präsidenten im Zusammenhang mit dem Ralco-Konflikt, in der Region den Rechtsstaat „mit harter Hand“ zu verteidigen, bezeichnen sie als offensichtliche Drohung gegen das Volk der Mapuche. Auch Innenminister Insulza bekam das zu spüren. Er wurde bei seiner Eröffnungsrede des Semesters an der Universität Valdivia von DemonstrantInnen unterbrochen, die ein Plakat mit der Aufschrift „No a Ralco“ trugen.
Ende März betonte Insulza auf einem Treffen mit Mitgliedern der Produktions- und Handelskonföderation, dass die Regierung keine von Mapuche besetzten Ländereien kaufen und hart gegen die Gewalttäter vorgehen werde. Auf dem Treffen versammelten sich genau die Unternehmer, die am 10. März die Anzeige im Mercurio veröffentlicht hatten.
Ihnen kommt die seit dem 11. September verbreitete Angst vor dem Terrorismus sehr zu Gute. Die Entführung Olivettis diente für sie als Beweis dafür, dass auch in Chile die Sicherheit in Gefahr sei. Die Mapuche, die auch zuvor schon häufiger als Terroristen bezeichnet wurden, geben die perfekte Zielscheibe für eine populistische Angstkampagne ab. Durch die so geschürten Ängste steigen Ablehnung und Rassismus, was die Bereitschaft zum Kampf auf Seiten der Mapuche erhöht. Und darin sehen die Unternehmen wiederum einen Grund, von der Regierung harte Reaktionen zu fordern. Diese ist zunehmend im Zugzwang, da die Angst die WählerInnen eher in die Arme derer treiben wird, die „Null Toleranz“ gegenüber den „Terroristen“ versprechen.

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