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Totenruhe der Verschwundenen Uruguays

Er lässt nicht locker. Der argentinische Dichter Juan Gelman sucht noch immer nach seiner Schwiegertochter María Claudia García Irureta Goyena de Gelman, der Mutter seiner im Frühjahr 2000 in Montevideo aufgefundenen Enkeltochter. Die neunzehnjährige, hochschwangere Schwiegertochter von Juan Gelman war am 24. August 1976 gemeinsam mit ihrem zwanzigjährigen Ehemann Marcelo Ariel Gelman, dem Sohn des Dichters, in Buenos Aires entführt und von uruguayischen Militärs im Oktober jenes Jahres nach Montevideo verschleppt worden. Ihr Kind wurde wenige Wochen nach der Geburt Anfang November 1976 geraubt und an ein kinderloses Ehepaar der uruguayischen Polizei übergegeben. Das Ehepaar gab das Kind widerrechtlich als eigenen Nachwuchs aus. María Claudia wurde vor der Übergabe von Ricardo Medina Blanco, einem anderen uruguayischen Polizisten, kaltblütig ermordet. Da diese Verbrechen nicht verjähren, stellte Juan Gelman im Juli 2002 Strafanzeige bei der uruguayischen Justiz, die sie Monate lang hin und her schob. Zudem fordert Juan Gelman die Herausgabe der sterblichen Überreste der verschwundenen und ermordeten María Claudia, um sie menschenwürdig zu beerdigen.
Sechshundert prominente Intellektuelle und Künstler aus 105 Ländern der fünf Kontinente haben im November einen offenen Brief an den Präsidenten Uruguays, Jorge Batlle, geschrieben, um das Schicksal von María Claudia García Irureta Goyena de Gelman aufzuklären: ”Jeder Verschwundene irrt in der Leere umher und sucht seinen Ort, um in Frieden zu ruhen.” Der weltweite Aufruf wird in Zusammenarbeit mit Fernando Rendón, dem Leiter des Internationalen Poesiefestivals in Medellín, Kolumbien, organisiert. Die Unterzeichner, zu denen unter anderen die fünf Nobelpreisträger für Literatur Imre Kertész, Gabriel García Márquez, Günter Grass, Wole Soyinka und José Saramago gehören, erinnern den Präsidenten Uruguays an sein Versprechen von vor zweieinhalb Jahren, beim Auffinden der Enkeltochter von Juan Gelman zu helfen, das Problem der Verschwundenen in Uruguay zu lösen und auch die Mutter der Enkeltochter zu finden. Als Präsident sei er ”befähigt und befugt, unverzügliche Nachforschungen darüber anzustellen, was einige Militärs und Polizisten in ihrem Land seit nun schon mehr als einem Vierteljahrhundert eifrigst verheimlichen”.

Online-Petition an Präsident Batlle

Im September 2002 hat der deutsche Gelman-Übersetzer und Dichterkollege Tobias Burghardt eine mehrsprachige Internetseite eingerichtet, auf der inzwischen mehr als 8.500 Bürgerinnen und Bürger aus mehr als 65 Ländern weltweit, angeführt von Günter Grass, Mario Benedetti, Mempo Giardinelli, Ariel Dorfman und Zé do Rock eine weitere Petition im Fall Gelman an den uruguayischen Präsidenten online geschickt haben, um dem Menschenrecht jedes Einzelnen auf ein Grab und einen Grabstein internationalen Nachdruck zu verleihen.
Fünfzehn Parlamentarier aller Mitgliedsstaaten der Europäischen Union haben parteienübergreifend die Patenschaft für alle Verschwundenen in Uruguay übernommen. Der Schwedische Reichstag, der US-amerikanische Senator Edward M. Kennedy, der spanische Kinostar Antonio Banderas und sein internationales Filmteam ”Imaging Argentina” von Buenos Aires, der chilenische Schriftsteller Ariel Dorfman und der argentinische Rockmusiker Fito Páez appellierten in den vergangenen Wochen an den Präsidenten Uruguays Batlle, die sterblichen Überreste der argentinischen Staatsbürgerin María Claudia García Irureta Goyena de Gelman an die Familie herauszugeben. Die Suche nach der Schwiegertochter Juan Gelmans ist auch die Suche nach allen Verschwundenen Uruguays. Dafür braucht es viele UnterstützerInnen: Alle Dokumente mit den vollständigen Unterzeichnerlisten in mehreren Sprachen und weitere Informationen befinden sich auf der Internetseite www.JuanGelman.org

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