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Überfahrten

Eigentlich war die Revolte von 1946, die zum Sturz des Präsidenten Lescot führte, eine literarische Revolution. Im Anschluss an einen Vortrag des französischen Surrealisten André Breton in Port-au-Prince veröffentlichte die Zeitschrift La Ruche einen Band über den Schriftsteller und den Surrealismus. Der Band wurde beschlagnahmt, die Zeitschrift verboten und die Redakteure, allen voran die späteren literarischen Berühmtheiten René Depestre und Jacques Stéphen Alexis, ins Gefängnis geworfen. Der daraufhin von den StudentInnen organisierte Generalstreik war es, der letztendlich den diktatorisch regierenden Präsidenten stürzte.
Diese Revolte ist nur ein Beispiel in einer langen Reihe von Umstürzen und Revolutionen, die die Geschichte Haitis von Anfang an begleitet und geprägt haben. Eines haben dabei alle ihre Parolen gemein: sie verweisen auf die mythenstiftende Kraft der Revolution der schwarzen Sklaven, die 1804 ihre Unabhängigkeit von der kolonialen Unterdrückung erkämpften. Für Aimé Césaire, einen Lyriker der Antilleninsel Martinique, der einst als Kulturbotschafter in Haiti lebte, ist Haiti sogar dasjenige Land, in dem zum ersten Mal überhaupt Schwarze mit der erklärten Absicht aufgestanden sind, eine neue Welt, eine Welt der Freiheit zu schaffen.

Die mythenstiftende Kraft der Revolution

Doch die politische Unabhängigkeit genügte nicht, um der neuen Republik einen sicheren Start in die Zukunft zu sichern. Zu schwer wog die Hypothek, die Frankreich, das erst 1825 nach langen Verhandlungen Haiti seine Unabhängigkeit zugestand, dem Land aufbürdete. Die Abspaltung des Ostteils der Insel (der späteren Dominikanischen Republik) 1844, die US-amerikanische Besatzung Haitis von 1915–1934 sowie die verschiedenen neokolonialistischen Bestrebungen der Großmächte Frankreich und USA begleiten seit etwa zwei Jahrhunderten den dornenreichen Weg Haitis aus Abhängigkeiten unterschiedlicher Ausprägungen.
Die Probleme, mit denen sich die HaitianerInnen auf kulturellem Gebiet auseinander zu setzen haben, hängen mit dieser geschichtlich begründeten Spannung zwischen revolutionär-stolzer Selbstbehauptung und andauernder faktischer Abhängigkeit eng zusammen. Soll die französische Sprache vorherrschen, die Sprache der Kolonialmacht und der haitianischen Elite, die Voraussetzung für höhere Bildung und internationale Kontakte ist – oder das Kreol, jene traditionsreiche, aber erst 1979 amtlich anerkannte Sprache aus französischen, spanischen und afrikanischen Einflüssen, gesprochen von etwa 90 Prozent der Bevölkerung? Woran soll sich eine kulturelle haitianische Identität orientieren – an Frankreich, an Afrika? Was ist das kulturell Besondere, Originäre an Haiti? Und wie ist die ethnische Spannung auszugleichen, die sich vor allem an Abstufungen der Hautfarbe festmacht – der Spannung zwischen der schwarzen politischen Elite und der sogenannten „Mulattenbourgeoisie“, die auf wirtschaftlichem Gebiet die Fäden in der Hand hält?
Zu diesen Konfliktfeldern Sprache, Identität und Hautfarbe kommen weitere hinzu, so im Religiösen der Zwist zwischen christlicher Amtskirche und Vaudou-Volksreligion. Schließlich wirft die massive Auswanderung seit den fünfziger Jahren Fragen über die Stellung der haitianischen Diaspora in der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Realität Haitis auf.
Wie fast alle Kolonialliteraturen war auch die haitianische Literatur in ihren Anfängen ein Nachhall der europäischen Strömungen, natürlich in erster Linie derer Frankreichs. Doch mit Beginn des 20. Jahrhunderts unternahmen es einige Schriftsteller, die Brücken zu dem französischen Vorbild abzubrechen. Aber erst die US-amerikanische Besatzungszeit und die Verbreitung marxistischen Gedankenguts führten zu einem tiefgreifenden Bewusstseinswandel.

„Haiti“ – was ist das?

Die indigenistische Schule, die sich insbesondere in der 1927 gegründeten Zeitschrift La Revue indigène, später in Les Griots zu Wort meldete, stellte jedwedes importierte literarische Modell in Frage und erklärte den Ausspruch «Être soi-même, le plus possible» zu ihrer Devise. Soweit wie möglich man selbst zu sein, sich selbst zu verwirklichen, das bedeutete, sowohl das afrikanische Erbe wie auch die karibische Realität anzuerkennen und anzunehmen – den Vaudou, die kreolische Sprache und die auf Kreol tradierte mündliche Volkskultur. Insbesondere der Roman Gouverneurs de la rosée (1944) von Jacques Roumain hat zum internationalen Renommee der haitianischen Literatur entscheidend beigetragen.
Der Indigenismus stand – wie in vielen lateinamerikanischen Ländern – auch in seiner spezifisch haitianischen Form politischen Interessen durchaus nahe. Indem indigenistische Autoren danach suchten, woher die Landeskultur kam und wie sie sich ausgeformt hat, gelangten sie nach und nach zu einer Definition nationaler Identität, die von den Mächtigen im Lande schließlich benutzt werden konnte, um die eigene Machtposition zu legitimieren. So ist es kein purer Zufall, dass ausgerechnet der spätere Diktator François Duvalier (“Papa Doc“) der Gruppe um Les Griots angehörte.
Ebenso konträr verlief die Diskussion um den Vaudou. In früheren Zeiten von den frankreichorientierten Schriftstellern als zu volksnah angesehen, betrachtete ihn der Indigenismus als charakteristische Ausprägung der Haitianität: Er versinnbildliche sowohl den Widerstand gegen fremde Einflüsse wie auch den Widerstand gegen die katholische Kirche. Viele Romane greifen auf diese Thematik zurück, so auch René Depestres Hadriana dans tous mes rêves (1988, dt. 1990/97: Hadriana in all meinen Träumen). Allerdings wird der Vaudou seit geraumer Zeit auch als Element des Obskurantismus gegenüber den Kräften des Fortschritts angeprangert, wie dies beispielsweise Gérard Étienne in seinen Romanen Le Nègre crucifié (1974) und Un Ambassadeur macoute à Montréal (1979) vorführt.
Seit den fünfziger Jahren ist die haitianische Literatur nach und nach fast komplett zu einer Exilliteratur geworden. Die Abwanderungsbewegung wurde dabei stets von einem verlegerischen „Exil“ begleitet, ja sogar vorweggenommen. Widrige Umstände haben haitianische Schriftsteller dauerhaft veranlasst, sich auf der Suche nach Publikationsmöglichkeiten ins Ausland zu begeben. Dass das Verlagswesen in Haiti selbst lange Zeit durchaus lebendig war, steht dazu nicht im Widerspruch, denn diese Publikationen beschränkten sich weitgehend auf Zeitschriften und Magazine. Hier konnte Lyrik gut gedruckt werden, für Romane hingegen waren die Kapazitäten zu gering: es dominierten Selbstverlage der Autoren und niedrige Auflagen ohne Nachauflagen. Ein Mangel an Bibliotheken und – aufgrund der hohen Analphabetenrate – schlicht an Publikum taten und tun ihr Übriges. Die politischen Verhältnisse, die die Mehrzahl der Schriftsteller ins Exil zwangen, haben die Tendenz nachhaltig verstärkt, so dass in den letzten Jahren mindestens die Hälfte der haitianischen Gegenwartsliteratur in der Diaspora entstand und verlegt worden ist. Neben der senegalesischen Hauptstadt Dakar und verschiedenen US-amerikanischen Städten haben sich vor allem Montreal und Paris dabei als wichtige Zentren der haitianischen Exilliteratur herauskristallisiert.
Beginnend in den sechziger Jahren sind zum Beispiel in Montreal innerhalb kurzer Zeit mehrere Kulturzeitschriften gegründet worden, darunter Nouvelle Optique, Collectif Paroles, Chemins critiques und Dérives. Verlagsgründungen schlossen sich an, so etwa Nouvelle Optique, der zwischen 1976 und 1980 mehr als 20 Titel haitianischer Autoren verlegte. In den achtziger Jahren wurde das CIDIHCA gegründet, das Centre International de Documentation et d’Information Haïtienne, Caraïbéenne et Afro-Canadienne, das als Informationsbörse, als Archiv und Bibliothek, als Dokumentationszentrum, als Veranstaltungsort und, last but not least, auch als Verlag fungiert. Unter anderem initiiert er heute Ko-Editionen mit Verlagen in Port-au-Prince.
Von besonderer Bedeutung für die Literaturproduktion und -rezeption sind Themenhefte in Literatur- und Kulturzeitschriften. Die kurzlebige Montrealer Zeitschrift Mot pour Mot widmete im Jahre 1983 unter der Federführung des exilhaitianischen Autors und Literaturwissenschaftlers Jean Jonassaint mehrere Ausgaben der haitianischen Literatur. Lettres québécoises weist ständig auf Neuerscheinungen aus diesem Bereich hin. Im Sommer 1995 erschien in der Zeitschrift Les Saisons littéraires eine Arbeit des Exilhaitianers Saint-John Kauss mit dem Titel Portraits d’écrivains haïtiens, die einen Überblick über die bedeutendsten zeitgenössischen haitianischen LyrikerInnen bietet, wobei der Autor nicht zwischen HaitianerInnen, ExilhaitianerInnen oder Québec-HaitianerInnen unterscheidet.
Québec-haitianische AutorInnen sind in das aktuelle Literaturgeschehen Québecs mittlerweile derart integriert, dass einige von ihnen – so Émile Ollivier, Anthony Phelps und der Lyriker Serge Legagneur – Aufnahme in Anthologien frankokanadischer Literatur gefunden haben.

Die Grenzen beginnen zu verschwimmen

Noch in der ersten Hälfte der neunziger Jahre wurden die insgesamt etwa 80 Prosawerke von HaitianerInnen zum größten Teil in Montreal und Paris verlegt. Erst in allerjüngster Zeit scheint sich ein bescheidener Umschwung zu Gunsten Haitis als Produktionsort anzubahnen, ausgelöst von verlegerischen Aktivitäten mancher RückkehrerInnen – so gründete der Romancier und Lyriker Anthony Phelps in Haiti den Verlag Productions Caliban – und von gemeinsamen Editionen zwischen Haiti, Montreal und/oder Paris. Andererseits zeigt die Fortdauer des Exils, wie problematisch es sein kann, einen Autor oder einen Text weiterhin als haitianisch einzuordnen. Ein Schriftsteller, der als Kind nach Paris oder Montreal gekommen und dort aufgewachsen ist – wie beispielsweise der Lyriker Joël Des Rosiers, der nur einige kurze Reisen in das Land unternommen hat, in dem er geboren wurde –, kann er noch in gleichem Maße als Haitianer bezeichnet werden wie jemand, der in Haiti geblieben ist? Zahlreiche emigrierte ForscherInnen und DozentInnen, die in nordamerikanischen Universitäten unterrichten, publizieren auf Englisch. Manche AutorInnen fangen an, desgleichen zu tun, darunter vor allem drei Romanschriftstellerinnen: Yolande Degand, die 1959 in die USA kam, ohne Englisch zu können, hat 1990 ihre romanähnliche Autobiographie veröffentlicht (Always comes the Morning), desgleichen Edwige Danticat, die seit 1980 in Brooklyn lebt und in den neunziger Jahren Breath, Eyes, Memory und The Farming of Bones (dt. 1999: Die süße Saat der Tränen) herausgebracht hat, Romane, die die Kritik begeistert feierte. Es ist bezeichnend für den Wandel, den die Haitianität in den letzten Jahren durchgemacht hat, dass nun Edwige Danticats Erzählungsband Krik?Krak! von 1995, ursprünglich auf Englisch veröffentlicht, in Port-au-Prince ins Kreol übersetzt wird.
Nach wie vor schreiben die SchriftstellerInnen der Diaspora in der Regel über das Land ihrer Herkunft und seine BewohnerInnen. Im Detail jedoch, in der Stoffauswahl und seiner Behandlung, sind gravierende Unterschiede erkennbar. Häufig ist das im Exil erinnerte Haiti ein Schauplatz tropischer Sinnlichkeit und überbordernder Erotik, wie beispielsweise in den schönen Prosatexten und der Lyrik René Depestres. Er ist übrigens einer der wenigen Autoren, bei denen das Haiti der Diktatur, etwa mit seinen Schrecken verbreitenden, mordenden Sonderkommandos, den Tonton Macoute, fast vollständig ausgeblendet ist.

Der Blick auf die Insel

In Émile Olliviers Roman Passages (1991/94; dt. 1999: Seid gegrüßt ihr Winde, vgl. Rezension in diesen LN) stehen sich in zwei Erzähl- und Leidenssträngen die Geschichte der boat people und der ExilhaitianerInnen gegenüber. Dazu gesellen sich junge SchriftstellerInnen, die mit Haiti lediglich der Geburtsort, die Abstammung und die Hautfarbe verbindet. Das Haiti von Stanley Péan beispielsweise ist imaginärer Schauplatz von Auseinandersetzungen mit den Schrecken der Diktatur, Schrecken, die die Protagonisten selbst im sicheren Norden einholen. Seine zahlreichen Kurzerzählungen, beispielsweise sein erster Novellenband La plage des songes (1988) oder die Erzählungen Sombres allées (1992), und die Romane Le tumulte de mon sang (1991) und Zombi Blues (1996) tauchen den Leser in eine Welt der Alpträume und des alltäglichen Horrors, erlebt von den noch einmal Davongekommenen. Denn selbst im Exil wird der Emigrant noch von seinen Träumen geplagt und von den Schrecken der Folter und der Furcht vor Willkür und Tod verfolgt. Dies schildert vornehmlich Gérard Étienne in seinen bereits erwähnten Romanen Le Nègre crucifié (1974) und Un Ambassadeur macoute à Montréal (1979).
Eine ganze Reihe neuerer AutorInnen bleibt noch zu entdecken. Geschrieben wird in einem breiten Spektrum an Genres und Stoffen. Spielt der Roman Louis Vortex (1992) des in Paris lebenden Jean Métellus in der französischen Hauptstadt, so ist Une Haïtienne à New York (1991) von Roger Dorsinville in den USA angesiedelt. Das Genre der fiktiven Autobiographie wird von dem Québec-Haitianer Dany Laferrière genauso gepflegt wie von Émile Ollivier. Als besonders interessant stufte die Literaturkritik den Roman Aube tranquille (1990) von Jean-Claude Fignolé ein.
Auf dem Theater profilierten sich zuletzt Jean-Jacques Dessalines, Frankétienne und auch Jean Métellus mit Stücken, die entweder in der haitianischen Geschichte angesiedelt sind oder, wie Frankétiennes Kalibofobo (1997 in Kanada uraufgeführt), eine neue Perspektive für politisches Engagement aufzuzeigen versuchen. Die haitianische Lyrik schließlich beweist mit René Depestre, Gérard Étienne und Roland Morisseau ungebrochene Vitalität. Lyonel Trouillot, dessen La Petite Fille au regard d’île 1994 in Port-au-Prince erschien, wurde von der Kritik in den höchsten Tönen gelobt.
Seit Frühjahr 1999 hat Haiti einen neuen Kulturminister, den Filmemacher Raoul Peck, der seine Ausbildung in Berlin absolvierte und dessen Filme auf diversen internationalen Festivals zahlreiche Preise erhielten. Dank seiner kulturellen Verbindungen nach Europa könnten sich neue Impulse für die künstlerischen und literarischen Aktivitäten zwischen Haiti und der haitianischen Diaspora ergeben. Vielleicht gibt dies ja auch der fast inexistenten Übersetzung haitianischer Literatur ins Deutsche neuen Auftrieb.
Die in den letzten Jahren gewachsenen Kulturbeziehungen zwischen Haiti und der haitianischen Diaspora sind Brücken zwischen zwei Ufern, die bislang aus politischen oder auch materiellen Gründen weit voneinander getrennt waren. Was den kulturellen und literarischen Austausch anbelangt, spielen Zeitschriften und Verlagskooperationen dabei eine herausragende Rolle.
Allerdings sollte nicht unterschlagen werden, dass für viele AutorInnen aus einem vorläufigen Exil eine definitive Emigration geworden ist. Anstatt sich in das kulturelle Leben in Haiti zu reintegrieren, gestalten viele längst nachhaltig die Literaturproduktion ihrer Exilorte und -länder mit. Was ist normaler für eine Emigrantenliteratur, wenn die Romanprotagonisten dieser Romane die Akkulturationsgeschichten ihrer AutorInnen nacherleben – und wenn Haiti schließlich bei manchen nur noch als Reservoir für Erinnerungen dient, die von Tag zu Tag mehr verblassen?

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