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Unfruchtbare Geografie

In der maßgeblichen dreibändigen Neruda-Ausgabe im Luchterhand-Verlag, die mit dem Titel Das lyrische Werk immerhin suggeriert, eine Gesamtausgabe zu sein, fehlt ein Band, der jetzt eigenständig erstmals übersetzt wurde: Unfruchtbare Geografie. Es ist ein Spätwerk, das einen gereiften Dichter im Vollbesitz seines Könnens zeigt – und einen Menschen, der sich selbst zum Rätsel geworden ist, der seine öffentlichen Rollen zugleich spielt und in Zweifel zieht. Vielleicht ist das ein Grund, warum bisher eher wenig Interesse an diesen 33 Gedichten bestanden hat.
Als sich Neruda in den Jahren 1971 und 1972 an den Abschluss von Unfruchtbare Geografie machte, hatte sich sein Leben gerade markant geändert. Mit Spanien im Herzen, Canto General und Elementare Oden war er seit den dreißiger Jahren zu einer Art Staatsdichter der internationalen Linken geworden, der eifrig für die Sache des Kommunismus trommelte. Noch 1969 stand er für die chilenische KP als Präsidentschaftskandidat im Wahlkampf, aus dem er sich dann zugunsten von Salvador Allende zurückzog. Im Dienste der Allende-Regierung wurde Neruda 1970 Botschafter in Paris.
Aber auch wer ihn politisch weniger schätzte, kam nicht leicht an ihm vorbei. Denn Nerudas Leben und Schreiben umfasste immer auch andere Dimensionen – ironische, private, zurückhaltende, zweifelnde. Und noch heute erschließt sich ganz unmittelbar bei jeder Neruda-Lektüre, dass er ein beeindruckend wortmächtiger Lyriker war, dem die Möglichkeiten der spanischen Metrik und lyrischer Klangwelten wie selbstverständlich zur Verfügung standen.
Der Repräsentationsgestus auf der einen Seite, auf der anderen die Konzentration auf das Private, auf Natur, Tages- und Jahreszeiten und elementare Gefühle, all das findet sich in Unfruchtbare Geografie. Bereits im ersten Gedicht wird der große Bogen geschlagen: „Ich bin ein Lichtmensch“, behauptet er da. „Vor Zeiten, dort in der Ferne, / setzte ich den Fuß in ein Land so klar, / dass es bis in die Nacht erglühte“: Dieses Land in der Ferne dürfte Spanien gewesen sein, das ihn im Bürgerkrieg zu dem politischen Menschen hat werden lassen, der er war.
Im Prolog zu den Elementaren Oden hatte Neruda schon 1954 geschrieben: „Alles verlangt von mir, / dass ich rede, / alles verlangt von mir, / dass ich singe und in einem fort singe“. Der Künstler ganz im Dienste der Sache, also der Menschheit: Das klingt nun auch 1972 wieder durch, wenn er von den „täglichen Verpflichtungen“ schreibt: „Ich muss neue Fenster übergeben und öffnen, / die unbesiegte Klarheit errichten“ – auch in Peru oder Patagonien, wo das „Licht“ noch nicht aufgegangen sei.
Aber dann kommt mittendrin ein neuer Ton hinzu: „Vitrinenpropaganda“ sei das, was er da treibe. Und warum hat gerade er diesen Beruf im Scheinwerferlicht? „Ich weiß nicht, warum es einen ursprünglich / Trauer Tragenden trifft“. Einen, der mit Schmerzen zu kämpfen hat, von denen er im Gedicht „Schmerzenssonate“ erzählt (Neruda litt seit 1971 an Krebs). Einen, den die Identitätsfragen der Moderne heftig umtrieben, so im Gedicht „Unbeendetes Selbstgespräch“. Und einen, der anfängt, mit sich selbst über die eigenen Gedichte zu diskutieren. „Die Zeit wartet unbeweglich / … es ändert sich nichts“, heißt es in „Immer dasselbe“ – und dann trägt das nächste Gedicht den Titel „Aber vielleicht“ und endet in grundsätzlichen Fragen, die bei einem „Lichtmenschen“ eigentlich verwundern: „Und warum? Für was? Aber warum?“
Das Gedicht „Der Glockenturm von Authenay“ kann als Höhepunkt dieser Selbstbefragung gelten. Im Kontrast zum unerschütterlichen, „geradlinigen“ Kirchturm seines nordfranzösischen Domizils steht er selbst mit „leeren Händen“ da: „Ach, was ich auf die Erde brachte, / löste sich auf ohne Fundament, / ich erbaute nur Wolken / und ging allein mit dem Rauch“. Ein Kontrast, für den Neruda auch formal eine meisterliche Lösung gefunden hat, indem er klassische Versformen, den episch klingenden Elfsilber und den konzentrierter wirkenden Neunsilber, mit freien Versen mischt und dem Langgedicht damit einen fließenden Rhythmus gibt, streng und offen zugleich.
Zwar ist die Übersetzung nicht über alle Zweifel erhaben und wird Nerudas metrischen Ordnungen längst nicht immer gerecht. Aber sie ist doch in vieler Hinsicht so gut, dass sich seine Wortgebäude nachempfinden lassen und der Weg geebnet ist zur Lektüre eines ungewöhnlich zurückhaltenden Pablo Neruda, der einen wieder und wieder überrascht und fasziniert.

Pablo Neruda // Geografía infructuosa // Unfruchtbare Geographie // Gedichte zweisprachig // Aus dem Spanischen von Hans-Jürgen Schmitt // teamart Verlag // Zürich 2011 // 107 Seiten // 17,50 Euro

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