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Vom Sexappeal der Freiheit

Nach dem ersten Satz war klar: Es würde schwierig werden, etwas zu Papier zu bringen, was über Gemeinplätze hinausgeht. Denn Marianell erwiderte mir auf meine Bitte hin, ihr Leben als artesana zu charakterisieren: „Ich denke, wir sind Reisende, im ständigen Wechsel begriffen, deswegen kann man uns in keine Schublade stecken, auch nicht in die mit der Aufschrift artesanos/as.“

Unliebsame Notwendigkeit

Dabei war es ja gerade das, worauf wir abzielten: das Verbindende jenes lateinamerikanischen Phänomens der quer durch den Kontinent ziehenden artesanos/as zu finden. Kaum einem/-er Lateinamerikareisenden werden diese meist in bunte Leinenstoffe gehüllten Langhaarigen entgangen sein, die an Stränden, auf Märkten und in Fußgängerzonen handgefertigte Produkte aller Art feilbieten. Ringe, Armbänder, Haarreifen oder Ketten, beizeiten auch Lederwaren, selbst gemalte Bilder, Aschenbecher. Kurz: alles, was sich aus erschwinglichen Materialien mit einigem Geschick selbst herstellen lässt. Allerdings wäre es ein Trugschluss anzunehmen, artesano/a sei, wer seinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Kleinkunst bestreite. Denn die wenigsten der artesanos/as würden auf die absurde Idee kommen, den Gelderwerb zu mehr als einer unliebsamen Notwendigkeit zu stilisieren – worauf es schließlich ankommt, ist nicht wovon, sondern wie gelebt wird. Was zählt ist der spirit.
„So sehr wir uns auch gegen das System stellen“, meint Marianell, „irgendwie müssen wir uns engagieren, schließlich leben wir nicht von der Luft. Ich habe meinen Lebensunterhalt mit beinahe allem verdient – vor allem mit Kunstgegenständen und Poy, also Jonglieren mit Feuer. Ich habe auch schon Zöpfe an Ecuadors Stränden geflochten, mich als DJ verdingt, für Essen in Restaurants und für ein Zimmer in Hotels gearbeitet. Für eine Unterkunft und Verpflegung habe ich sogar einmal Pferde gehütet. Auf diese Weise habe ich Bolivien, Peru, Ecuador, Kolumbien, Chile und Brasilien kennen gelernt – ansonsten wäre ich nie aus La Paz raus gekommen.“
Nicht zu der bekanntermaßen sehr kleinen upper class Lateinamerikas zu zählen bedeutet zwar einerseits, nicht seit dem zehnten Lebensjahr an einen Bausparvertrag gefesselt zu sein. Andererseits und vor allem aber darf, wer arm ist, wohl kaum auf ein einigermaßen selbst bestimmtes Dasein hoffen. Die wilde Art des Lebens als artesano/a stellt damit einen der wenigen noch möglichen Gegenentwürfe zu der von Zwängen durchsetzten Gesellschaft dar.
Ist man der Neugierde und der sträflichen Träumerei von einer denkbaren Freiheit erst einmal anheim gefallen, bleibt vielleicht bloß noch die individuelle Kettensprengung, um den Bannkreis zu überschreiten, in den Mensch sich in der herrschenden Ordnung verwiesen sieht.

Lebensplanung: Lustprinzip

Doch Verweigerung ist das Letzte, was diese Gesellschaft zu tolerieren gewillt ist. Dem Fluchtversuch vor „dem, was die Menschen Sicherheit oder Stabilität nennen, dem, was uns jeden Tag ein bisschen mehr sterben lässt“, wie Marianell sagt, wird von verschiedenen Seiten mit Abwehrmechanismen begegnet. Dass Repressionen aller Art durch die staatliche Ordnungsmacht an der Tagesordnung sind, muss ob deren Aufgabe, das Andersartige zu disziplinieren, wahrscheinlich kaum erwähnt werden. Aber auch viele der DurchschnittsbürgerInnen sehen es ungern, wenn die ehernen Werte der kapitalistischen Gesellschaft durch Menschen in Frage gestellt werden, die ihr Leben offen und fernab bürgerlicher Moralvorstellungen nach dem Lustprinzip ausrichten.
„Die schauen uns von der anderen Straßenseite aus an und erklären uns für verrückt“, meint Patricio, der vor fünf Jahren sein Geburtsland Chile verließ, um als artesano die Welt zu entdecken. „Identifizieren kann ich mich mit dieser Gesellschaft nicht – ich ziehe es vor, mich an ihren Rändern zu bewegen, nicht in ihr.“
„Aber wir ignorieren die Gesellschaft ja nicht“, ergänzt Julio aus Peru, der vor sechs Jahren, mit 23, seinen Rucksack schulterte. „Ich interessiere mich für das, was vorgeht – aber mir gefällt nicht, wie die Menschen leben, so will ich einfach nicht sein. Meine Ideen würde ich eher kommunistisch nennen.“

(K)eine Bewegung

Die Schwierigkeit der Charakterisierung dieser Bewegung, die keine sein will, entspringt folglich aus ihrem Anspruch: größtmögliche Individualität. Das scheint eines der wenigen Attribute dieser Gruppe zu sein, auf die man sich einigen könnte – und wohl auch unausweichliche Konsequenz des Vagabundenlebens. Die artesanos/as sind an keinem Ort lang genug um Organisationen zu gründen oder auch nur mehr oder weniger feste Freundeskreise zu etablieren. Die Struktur dieser auf den zweiten Blick äußerst heterogenen Gruppe ist allein dem Zufall unterworfen. Oder, wie nicht wenige der artesanos/as zu wissen meinen, dem espíritu, dem leitenden Geist, der manchmal auch Gott oder Pachamama geheißen wird. Wer oder was auch immer die Verantwortung dafür trägt: An einem konkreten Ort kommt man zusammen, sei es, ganz prosaisch, an für den Verkauf strategisch günstigen Plätzen, sei es zur gemeinschaftlichen Bewusstseinserweiterung und zum Musizieren – zumeist aber in glücklicher Verbindung all dessen.
„Dank der Energie, die wir in uns fühlen, finden wir immer wieder zusammen“, meint Patricio, „deswegen habe ich auf meiner Reise viele gute Menschen getroffen, von denen ich viel gelernt habe.“ Und um zu lernen sei man schließlich ausgezogen, „um mein Denken zu erweitern, meinen Geist. Ich reise nicht bloß um neue Orte kennen zu lernen, sondern auch verschiedene Arten, die Welt zu betrachten“, erklärt Felipe, den man wohl nur mit einer gewissen Ignoranz noch als Argentinier bezeichnen kann. Seinen Lebensunterhalt verdient er mit Percussion-Performances auf der Straße und wie all jene, die man unter dem schwammigen Oberbegriff artesano/a zu verallgemeinern sucht, will auch er vor allem eines nicht: sich festlegen.
„Dies hier ist der Planet der Gewissheiten, nicht?“, fragt er, und schließt damit den Kreis, den wir zu beschreiben versuchten: es bleibt stets das Ungreifbare, was den Sexappeal der Freiheit ausmacht. Eine gewisse Ungewissheit eben.

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