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„Von alltäglichen Geschichten erzählen“

Herr Fuguet, was war zuerst da, Ihre Liebe zur Literatur oder Ihre Liebe zum Film?
Ich glaube, die zum Film. Der Film gehörte immer – zumindest da, wo ich aufgewachsen bin – zum Umfeld. Es war der Bereich, in dem die Leute aus der Nachbarschaft arbeiteten. Deshalb habe ich mich immer mit dem Kino verbunden gefühlt. Die Filme meines Lebens ist zwar nicht ganz autobiographisch, aber der Teil in Kalifornien hat eine reale Grundlage.
Später in Chile bin ich dann viel mehr ins Kino gegangen, als dass ich gelesen habe. Das hatte auch mit der Sprache zu tun. Die Filme wurden auf Englisch gezeigt, das half mir, meine Sprache nicht zu verlieren. Es gab noch kein Kabelfernsehen, das Fernsehen war nicht in Englisch. Es gab auch keine Zeitschriften oder Ähnliches, Internet auch noch nicht. Das Kino war mein einziger Zugang zum Englischen.

Mit dem Medium Film können Sie vermutlich mehr Menschen erreichen als mit der Literatur. Interessiert Sie das Kino deshalb?
Dass ich heute Kino mache, liegt nicht nur daran, dass es mehr Menschen sehen können, sondern auch daran, dass es gewissermaßen die Kunst für alle Gesellschaftsschichten ist: Menschen aus allen Altersgruppen und jeder sozialen Herkunft haben Zugang zum Kino. Meinem Gefühl nach hat das Buch etwas Elitäres. Die Leute gehen nicht in die Buchhandlung, wie sie in DVD- oder Musikläden gehen – zumindest nicht in Lateinamerika. Vielleicht ist das in Europa anders. Aber auch das ändert sich gerade mit Warenhäusern wie FNAC oder Barnes & Noble. In Chile herrscht jedoch noch immer die Ansicht, die Buchhandlung sei eine Art Tempel. Dadurch gehen Leser verloren. Ich bin überzeugt, dass die Künste zwar unterschiedlich sind, aber letztendlich doch alle beim Publikum Gefühle hervorrufen wollen. Wenn ein Teenager mit dem Walkman oder dem iPod Musik hören kann, dann könnte er auch mit einem Buch herumlaufen.

Sie sind genau in der Zeit der Militärdiktatur von Pinochet nach Chile zurückgekehrt. Der Blick des kindlichen Erzählers ist gewissermaßen Ihr autobiographischer Blick. Mit seiner Unschuld und Offenheit beobachtet er, was um ihn herum geschieht, ohne wie ein Erwachsener politisch zu urteilen. Beruhen diese Beschreibungen auf Ihren eigenen Erinnerungen?

Nun, über Pinochet ist sehr viel geschrieben worden, und für meinen Geschmack viel Schrott. Häufig habe ich das Gefühl, es ist geschrieben worden, um Stipendien zu gewinnen, um im Ausland einen guten Eindruck zu machen, um zu sagen: „Ich bin gegen Pinochet, also bin ich ein guter Mensch.“ Das hat nichts damit zu tun, ein guter Schriftsteller zu sein, es ist das, was politically correct ist.
Dann habe ich überlegt, was während der Pinochet-Zeit geschrieben worden ist, und das war fast nichts. Nur sehr wenige Bücher, zum Beispiel eines, das in Chile fast schon ein Klassiker ist, Morir en Berlín von Carlos Cerda [„Santiago – Berlin einfach“, dt. von Petra Strien, Luchterhand Verlag, A.d.R.], das von chilenischen Exilanten in Ostdeutschland handelt. Oder die Bücher von Antonio Skármeta. Das Phänomen Pinochet wird von Deutschland aus erlebt. Und ich dachte mir: Viele Leute sind hiergeblieben, besser gesagt, 98 Prozent der Bevölkerung sind hiergeblieben, es blieb ihnen nichts anderes übrig, also muss es auch hier Geschichten geben. Das war der erste Gedanke, ich wollte eine Geschichte schreiben über das Leben hier und meine Saga fortführen, denn mein voriger Roman Mala Onda spielt auch in der Pinochet-Zeit. Nicht Pinochet als Figur, sondern als „Zeitgeist“, als Hintergrund, und wie sich das an Kleinigkeiten bemerkbar macht. Ich wollte mich nicht auf jemanden konzentrieren, der von Pinochet verfolgt wird, sondern von alltäglichen Geschichten erzählen.
Es hat viel Alltag stattgefunden, Paare haben geheiratet, Kinder wurden geboren. Viele haben einfach weggeguckt oder sie hatten andere Dinge im Kopf. Da gibt es eine große Grauzone und die wollte ich erforschen. Später bin ich darauf gekommen, dass ich, wenn ich über diese Zeit schreiben wollte, kurioserweise meine eigenen Erfahrungen nutzen und über meine eigene Reise schreiben konnte. Es war fast eine Ironie, in dem Moment, in dem die meisten gingen, kam ich zurück.

Eine Reise gegen den Strom.

-Genau. Und da kam dann zusätzlich die nordamerikanische Literatur ins Spiel, denn ich merkte, dass ich auch ein Buch über die USA schrieb. Dort war schon viel über die Immigranten geschrieben worden und meinem Geschmack nach ebenfalls viel Schrott: die typische amerikanische Story über einen Mexikaner, der über die Grenze kommt und in den USA ausgebeutet wird. Ich wollte die Gelegenheit nutzen und über eine andere Art Einwanderer schreiben. Mir war immer klar, dass dies ein sehr „amerikanisches“ Buch werden würde. In den USA hat es für viel Aufsehen gesorgt, dass ich ein Buch über das San Fernando Valley geschrieben habe und eine andere Art von Einwanderern. Es ist die Geschichte, wie ein Amerikaner zum Einwanderer in einem anderen Land wird, die umgekehrte Geschichte. So habe ich beides zusammengebracht, und das Buch ist außergewöhnlich, sowohl für die USA als auch für Chile.

In Ihren Büchern betrachten Sie das Leben der ChilenInnen noch immer sehr genau. Meinem Eindruck nach liegt das daran, dass Sie, als Sie nach Chile kamen, noch so sehr in den USA verwurzelt waren. War es Ihr kritisch beobachtender Blick mit dem Sie sich in Ihre neue Lebensrealität eingefunden haben?

Kürzlich wurde ich gefragt, ob ich mich auch in unserer heutigen Zeit immer noch als Chilene fühle und Spanisch als meine Sprache empfinde. Ich glaube, dass ich vermutlich nie auf Englisch schreiben werde. Ich kann nicht bestreiten, dass ich in meiner Kindheit das Trauma erlebt habe, meine Sprache verloren zu haben. Und ich arbeite das gewissermaßen immer noch auf. Aber ich bin davon überzeugt, dass jeder Schriftsteller irgendwie komisch ist – und meine Art ist zum Glück nicht allzu merkwürdig. Damit kann ich ganz gut leben. Es ist nicht so, wie heroinsüchtig zu sein oder von seinen Eltern missbraucht worden zu sein.
Mich hat es getroffen, eine Sprache zu verlieren und ein Land, und das war etwas, was mich „anders“ werden ließ. Damals war es eine recht gewaltsame Erfahrung für mich. Ich hatte keine künstlerische Sensibilität, das gab es in meiner Familie nicht, und ich glaube, dass ich mich damals sehr verändert habe. Meine Reaktion war, zu beobachten, genau zuzuhören und zuzusehen und das habe ich mir bis heute bewahrt. Ich achte immer noch ganz genau darauf, wie die Leute sprechen, ich habe immer noch den Blick des Einwanderers.

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