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Von der blühenden Bühne zum verblühten Mythos

Strahlend weißer Sand, eine glitzernde Bucht, umgeben von saftigen, grünbewachsenen Hügeln. Darüber emporragend die Christusstatue – das wahrscheinlich bekannteste Postkartenmotiv der Welt und Inbegriff der Sehnsucht. Die Copacabana im brasilianischen Rio de Janeiro hat nicht nur einen klangvollen Namen, sondern löst auch allerlei Assoziationen aus: traumhafte Sünde, nackte Körper, Stringtanga und Bossa Nova. Kaum zu glauben daher, dass die ersten Brasilien-Reisenden im 17./18. Jahrhundert die verzaubernde Schönheit dieser Bucht nicht einmal vernahmen. Erst zu dem Zeitpunkt als das Baden im Meer um 1850 salonfähig wurde, wurde das Fundament für die Anerkennung der Copacabana-Bucht als paradiesischem Ort gelegt.
Copacabana – Biografie eines Sehnsuchtsortes ist ein historischer Abriss über den berühmtesten Strand Lateinamerikas und wie er zu dem geworden ist, was er ist. Dawid Danilo Bartelt, Historiker und Leiter des Regionalbüros der Heinrich-Böll-Stiftung in Brasilien, beleuchtet die bewegte Geschichte des gleichnamigen Stadtteils: Von der frühen Eroberung durch die Portugiesen über die Architektur der brasilianischen Moderne, vom brasilianischen Körperkult, der Entstehung des Bossa Nova bis hin zur Entwicklung der Bademoden wird alles differenziert, gut recherchiert und detailgetreu dargestellt.
So beginnt die Geschichte der Copacabana Ende des 19. Jahrhunderts: 1892 wird der Ortsteil, der außerhalb vom Stadtzentrum Rios lag, verkehrstechnisch erschlossen. Anstoß hierfür gab ein wagemutiger Tunnelneubau, der den Weg durch die Hügel auf die andere Seite bahnte. Das Plätzchen wandelte sich erst zum Ausflugsort, dann zu einer beliebten Sommerresidenz und entwickelt sich zum Musterbeispiel des brasilianischen Aufbruchs in die Moderne: Die Strandpromenade erhält ihr Wellenpflaster, unzählige Apartmenthäuser entstehen und das Hotel Copacabana-Palace, Treffpunkt der Schönen und Reichen, wird erbaut. Wo anfangs noch die Kühe grasten, wandelt sich der freundliche kleine Badeort mit Villen im Grünen zu einer reinsten „Wolkenkratzer-Verwirrung“. Die heutige Wahrnehmung der Copacabana war geboren – und damit auch ein neues Kapitel in der Geschichte: Sie wird zu einem Ort der Mittelschicht – und mit ihr die Bossa Nova.
Die Bossa Nova wird als Musik der Mittelschicht für die weiße Mittelschicht direkt an der Copacabana geboren – und nicht, wie mit dem weltbekannten Lied „Girl from Ipanema“ zu vermuten, am Nachbarstrand. Mit der Entstehung der Bossa Nova erfindet sich auch die Copacabana neu: Sie zeichnet sich von nun an durch eine ungekannte Dichte an Clubs aus. Die bis dahin übliche räumliche Trennung von Wohnen, körperlicher Erholung und geistigem Kulturgenuss hob sich auf. Das Fundament für die „Bühne“ Rios wird gelegt: Körperkulturen spielen von hier an eine große Rolle und der Typ des Flaneurs entsteht.
Copacabana beschäftigt sich aber nicht nur mit dem Strand, sondern stellt gleichzeitig einen Streifzug durch die brasilianische Geschichte dar. Auch ist das Buch ein Muss für Historiker_innen sowie Architektur- und Kunstliebhaber_innen. Wer bereits vor Ort war, wird das Buch lieben. Ist dem nicht so, ist ihm an der einen oder anderen Stelle schwierig zu folgen. Dafür gibt es nur eine Lösung: Sich von der Schönheit Rios, der cidade maravilhosa, und dem Mythos Copacabana nach dem Lesen direkt vor Ort einfangen zu lassen.

Dawid Danilo Bartelt // Copacabana – Biografie eines Sehnsuchtsortes // Verlag Klaus Wagenbach // Berlin 2013 // 221 Seiten // 10,90 Euro // www.wagenbach.de/

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