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Von Freunden, Helfern und Schlägern

Lange Zeit zeichneten in Lateinamerika vor allem militärische Organisationen für Menschenrechtsverletzungen und gewaltsame Unterdrückung der Bevölkerung verantwortlich. Doch seit dem Ende der Militärdiktaturen und dem Übergang fast aller Staaten zu formalen Demokratien haben sich die Koordinaten verschoben. Gewalt und Verletzungen von Menschen- und Bürgerrechten durch den Staat sind in vielen lateinamerikanischen Ländern immer noch an der Tagesordnung. Heute ist jedoch neben dem Militär in zunehmendem Maße auch die Polizei deren ausführendes Organ. Deswegen ist diese nun in den Fokus wissenschaftlicher Studien gerückt. Carola Schmidt hat in ihrer jetzt veröffentlichten Habilitationsschrift Polizeiorganisationen in Deutschland, Chile, Bolivien und Venezuela verglichen.
Das Herzstück der Studie sind Befragungen aus den drei südamerikanischen Staaten. Ihr Reiz besteht darin, dass nicht wie sonst üblich die Opfer polizeilicher Gewalt, sondern die Täter zu Wort kommen. In Fragebögen, offenen Interviews und (in Venezuela) auch Gesprächen, die während der Begleitung bei Einsätzen entstanden, wurden von Forscherteams Auskünfte über Werte, Einstellungen und Erfahrungen der PolizistInnen eingeholt. Davon ausgehend konnten Rückschlüsse auf Ursachen und Auswirkungen des polizeilichen Gewalt- und Korruptionsniveaus gezogen werden. Die deutsche Polizei diente dabei als Vergleichsmaßstab.
Dabei förderten die offenen Interviews meist aussagekräftigere Hinweise über die Verhältnisse zu Tage als die quantitative Auswertung der Fragebögen. Wenn die PolizistInnen der chilenischen Carabineros ihren Stolz auf die militärische Tradition ihrer Organisation kundtun, wenn die BolivianerInnen sich über veraltete Diensttelefone beschweren (und dabei an Computer noch gar nicht zu denken wagen), wenn die Policía Municipal aus Caracas ohne Skrupel und sogar mit einem gewissen Stolz über von ihnen ausgeführte Tötungen und Hinrichtungen im Dienst berichten, sagt das mehr über den Geist ihrer Organisationen aus, als jede Statistik. Wobei die einzelnen Polizeiverbände von Land zu Land große Unterschiede aufweisen.

Plaudern über Gewaltexzesse

Laut der Studie sind die chilenischen Carabineros trotz ihrer Tradition der Verfolgung und Folterung politischer Oppositioneller während Pinochets Militärdiktatur heute eine verhältnismäßig angesehene und rechtsstaatliche Organisation. Anders ist die Lage in Bolivien und Venezuela. Ob Korruption, Amtsmissbrauch, der bedenkenlose Einsatz exzessiver Gewalt, Missachtung von Vorgesetzten und polizeilichen Leitlinien: Vor allem die venezolanischen PolizistInnen hatten offenbar kein Problem damit, in den Gesprächen mit den ForscherInnen darüber aus dem Nähkästchen zu plaudern. Selbst der polizeispezifische Verschwiegenheitskodex bei Regelbrüchen der Kollegen verhinderte dies nicht. Das lässt vermuten, dass legale und illegale Polizeigewalt zumindest in Caracas so normal ist, dass von den PolizistInnen dort noch in erheblich brutalerer und gedankenloserer Weise gegen Gesetze verstoßen wird als aus deren Erzählungen hervorgeht.
Was man von dem Buch nicht erwarten sollte, ist ein Aufschluss über den Ist-Zustand der Polizei in den vier Ländern. Das liegt daran, dass das Datenmaterial, vor allem was die Situation der lateinamerikanischen Länder betrifft, keinen hohen Aktualitätsgrad besitzt. Carola Schmidt reichte ihre Habilitationsarbeit bereits 2004 ein und die verwendeten Daten gehen nicht über das Jahr 2001 hinaus. Wer sich daran nicht stört, erhält mit „Korruption, Gewalt und die Welt der Polizisten“ aber ein informatives Bild von den Rollenverständnissen dreier lateinamerikanischer Polizeiorganisationen, deren Bandbreite von verantwortungsvoller Dienstauffassung über militärischen Korpsgeist bis hin zu rambohafter Selbstjustiz reicht.

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