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Wasser, den inneren Brand zu löschen

Auch wenn Astrid H. Roemer in Deutschland noch nahezu unbekannt ist – in den Niederlanden hat sie sich mit ihren Romanen, Theaterstücken, Hörspielen und Gedichten längst einen Namen gemacht und zählt zu den „Großen der niederländischen aber auch karibischen Literatur“ (Vrij Nederland). Könnte Liebe sein ist beileibe kein Erstlingswerk, sondern nur ihr erster ins Deutsche übersetzte Roman.
Astrid H. Roemer, 1947 in der surinamischen Hauptstadt Paramaribo geboren, lebt und veröffentlicht seit 1966 größtenteils in den Niederlanden. Sie schreibt auf Niederländisch, flicht jedoch Worte aus dem Sranan Tongo, der in Surinam neben dem Niederländischen meistgebrauchten Sprache, in ihre Sätze ein. Sie erläutert diese Ausdrücke dem Leser nicht. Das verunsichert, ruft alle Sinne wach, ähnlich wie die Ankunft in einem fremden Land. In der deutschen Ausgabe hilft die Übersetzerin Christiane Kuby mit Fußnoten, ohne daß die beunruhigende Wirkung ganz verloren ginge. Ergebnis ist ein Sich-Fremd-Fühlen, wo man der Protagonistin Cora Sewa doch gerne nahe sein möchte. Denn die 65-jährige Cora gehört zu diesen seltenen Menschen, die eine tiefe Ruhe und Liebe ausstrahlen, die anderen mit Respekt begegnen, ohne vorschnelle Urteile.

Reise in die Vergangenheit

Als Haushälterin und Kindermädchen in reichen Familien hat Cora in ihrem Leben viel gesehen und gehört, doch lernte sie früh, darüber zu schweigen. Auch nach dem Mord an An Andijk, in den sie indirekt verwickelt ist, und dem Tod ihres Schwagers Onno stellt sie keine Fragen, nicht einmal ihrem Mann, obwohl er doch einiges zu wissen scheint. Rasch verdrängt sie das Erlebte und rührt auch die Geldsumme nicht an, die sie für ihr Schweigen bekommen hat. Erst nach 25 Jahren, als Onnos Blutsbruder dessen angeblich natürliche Todesursache öffentlich anzweifelt, beginnt sie, nach der Vergangenheit zu fragen und macht sich auf die Suche nach den Mördern. Wer war An Andijk? Hängt ihr Tod mit dem ihres Schwagers zusammen? Warum wurden sie ermordet? Und was hat das alles mit ihr und ihrem Mann Herman zu tun?
Mit dem Schweigegeld reist Cora nach London, Rotterdam und Miami. Dort versucht sie, mehr über die Ermordeten und die Hintergründe des Verbrechens zu erfahren. Unterwegs begegnet sie nicht nur diversen Menschen, sondern auch sich selbst. Das Stochern in der Geschichte der Toten wird zu einer Reise in die eigene Vergangenheit, und das heißt für Cora: ins Innere. Denn bislang ist sie nicht aus den engsten Familienkreisen herausgekommen, ihre Welt beschränkte sich auf ihren Geburtsort Nickerie, die Häuser ihrer Arbeitgeber und die Plantage Jericho, wo sie inzwischen mit ihrem Mann ein Restaurant betreibt. Über ihr Leben hatte sie sich zuvor keine großen Gedanken gemacht. Auch nicht über die Arbeit von Herman als Naturheiler. Doch in der Ferne muß sie erkennen, daß ihr einfaches Leben mit politischen Verbrechen verknüpft ist. Und daß sie sich dem dunklen Geheimnis ihres Mannes stellen muß. So kehrt sie nach langer Reise und einem schmerzhaften Reifeprozeß nach Hause zurück, wo sich nur wenig und doch für sie alles geändert hat:
„Auf der Plantage Jericho duften Morgentau und Abendluft schon seit Jahrhunderten nach Humus. Doch wenn sie zum Tageshimmel aufzuschauen wagt, ist sie vollständig erfüllt von der Frage, ob ihr und Herman wirklich die Zeit vergönnt sein wird, einander neu lieben zu lernen. Und manchmal umschließt sie der Passat mit seinen schauerlichen Böen vom Ozean. Dann fleht sie weder Gott noch einen Menschen, sondern den Wind um Gnade an.“

Eine literarische Perle

Diese erste Seite wird erst im Laufe der Geschichte verständlich. Sie entsteht aus Coras Briefen an Herman und ihren Reiseaufzeichnungen, in denen sie sich an die Zeit der beiden Morde erinnert, aber auch an ihre Kindheit und die politischen Ereignisse der letzten 45 Jahre. In ihrer Heimat soll gerade ein Sondertribunal die Dezember-Morde von 1982 aufarbeiten, die wahrscheinlich von der damaligen Militärjunta begangenen wurden. Schon werden Vorwürfe laut, die Söhne der damaligen Mörder säßen auf den Richterstühlen. Surinam, erst seit 1974 unabhängig, will als demokratisches Land ins nächste Jahrtausend gehen, und man schreibt schon den Dezember 1999.
Auf der Suche nach dem Mörder wird deutlich, daß Coras persönliche Geschichte eng mit der ihres Landes verwoben ist, und auch die Verbindungen zwischen den einzelnen Figuren des Romans werden immer dichter. Cora versucht, die Frageknoten, die die Aufklärung der Morde verhindern, aufzuknüpfen. Nicht alle Knoten lösen sich, manches bleibt wirr, wie im Leben. Astrid H. Roemer liefert dem europäischen Leser längst nicht alle Informationen, die er bräuchte, um das Muster auf einen Blick zu erkennen, er weiß immer ein bißchen weniger als die Protagonistin. Das macht den Roman nicht nur aufregend und spannend, es erzwingt auch eine Veränderung des Blicks. Denn dadurch, daß man vieles nur verschwommen sieht, wird deutlich, wie unzulänglich die eigene Perspektive ist. Erst wenn der Leser zum Beispiel mitdenkt, daß Cora eine Farbige ist, versteht er, warum sie, die Tochter einer relativ wohlhabenden Familie, als Angestellte in meist ausländischen Haushalten arbeiten muß. Auf die dunkle Hautfarbe ihrer Protagonistin wird im Roman übrigens kein einziges Mal hingewiesen, da sie selbstverständlich ist. Auch das Zusammenleben der verschiedenen Religionsgemeinschaften gehört in Surinam zum Alltag und wird nicht weiter erläutert. Es scheint, als sei der Roman für ein surinamisches Publikum geschrieben, das keiner Erläuterung der eigenen Kultur bedarf.
Die Autorin übersetzt Surinam nicht für die europäischen LeserInnen, nimmt sie nicht an die Hand. Doch dabei wirkt der Roman nie abweisend: Durch die Intimität des Erzählstils, mit dem sich Cora an ihren Mann wendet, baut sie eine Nähe auf, die über alle kulturellen Unterschiede hinwegreicht. Es ist der liebende Umgang mit dem Fremden, den auch Cora praktiziert. In den Zeilen an Herman schwingt soviel Vertrautheit und Liebe mit, daß man sich nach solchen nahen Briefen aus der Ferne sehnt. Nach einem Menschen, der einem süßes Wasser reicht, um „den inneren Brand, den das Leben verursacht, fühlen, schüren und am Ende ertragen zu können“. Astrid H. Roemers Schreibstil strahlt eine unvergleichliche Ruhe und Klarheit aus. Ihre mal lakonischen, mal innigen, klaren und einfachen Sätze machen geradezu süchtig. Es ist deshalb sehr zu hoffen, daß in den nächsten Jahren auch ihre vorhergehenden Publikationen für das deutschsprachige Publikum zugänglich gemacht werden.
Welchen Schatz der Berlin Verlag mit dem Roman geborgen hat, ist auch der Initiative LiBeraturpreis des ökumenischen Zentrums Christuskirche in Frankfurt am Main aufgefallen. Der Preis ehrt nicht nur die Autorin, sondern freut auch die Leserschaft, denn mit ihm ist eine Einladung zur Frankfurter Buchmesse und eine Lesung verbunden. Ein Besuch wird dringend empfohlen, denn, wie der Juror Jeremy Games schreibt: „Selten entstieg ein alternder Mensch so zärtlich und doch so witzig den Seiten eines Romans. Die Lektüre ist auf allen Ebenen zutiefst befriedigend.“

Astrid H. Roemer: Könnte Liebe sein. Roman. Aus dem Niederländischen von Christiane Kuby. Berlin Verlag, Berlin 1998, 304 S., 39,80 DM
Außerdem liegt auf Deutsch eine Erzählung vor: „Lola oder das Lied des Frühlings“, in: Der blauäugige Oktopus. Erzählungen aus Surinam. Herausgegeben und übersetzt von Rainer Kersten. Dipa Verlag, Frankfurt a.M. 1996, 207S., 45,-DM (ca. 28 Euro).

Die Preisverleihung findet am 10. Oktober um 16.00 Uhr im ökumenischen Zentrum Christuskirche auf dem Beethoven-Platz, und die Lesung am 12. Oktober um 20.00 Uhr im Literaturhaus, Bockenheimer Landstr.102 in Frankfurt statt.

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