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„Weißensee war für mich eine Befreiung“

Wenn im Rückblick auf das Leben in der DDR geschaut wird, fallen nicht selten die Begriffe von Enge und eingeschränkten Freiheiten. Sie lebten als Studentin aus Kuba von 1984 bis kurz vor dem Mauerfall in Ostberlin und kamen zu dem Fazit: „Weißensee war für mich eine Befreiung.“ Inwiefern?

Sánchez: Ganz einfach: Der Lehrplan an der Kunstakademie in San Alejandro in Havanna, der zweitältesten Akademie Lateinamerikas überhaupt, war sehr eng und sehr traditionell. Die Kunsthochschule Weißensee war dagegen offen. Weißensee war für mich eine Befreiung, weil ich da mit dem Expressionismus und dem Bauhaus-Design konfrontiert wurde. Das war für mich etwas ganz Neues und im Sinne von künstlerischem Schaffen viel freier, als was ich bis dahin kannte. In Kuba waren wir sehr weit entfernt von den Kunsttheorien, die in der restlichen Welt gelehrt wurden.

Betraf die Befreiung nur die Kunst oder haben Sie diese auch in Bezug auf die Gesellschaft der DDR im Vergleich zu Kuba empfunden?

Sánchez: Ich hatte ein Freiheitsgefühl. Viele verstehen das heute nicht so richtig, weil die DDR im Rückblick oft auf mangelnde Freiheiten reduziert wird. Für mich als Kubanerin war das anders. Ich kam von einer Insel, die ziemlich vom Rest der Welt abgeschnitten war. Ich hatte überhaupt keine konkrete Vorstellung von der Welt. Die DDR nahm ich als eine ganz fremde Welt wahr, in der ich einen Reichtum an Kultur antraf, den ich mir nicht hätte vorstellen können. Und auch die Freiheit, sich innerhalb der DDR und im Rahmen der sozialistischen Bruderländer frei bewegen zu können, war für mich eine Befreiung. Mein Horizont hat sich enorm erweitert.

Sie sind nur wenige Wochen vor dem 9. November 1989 nach Kuba zurückgekehrt. War für Sie der Mauerfall absehbar?

Sánchez: Man hat schon etwas wie Endzeitstimmung empfunden. An der Kunsthochschule gab es schon jahrelang Diskussionen über die Mängel des Systems.

Freie Diskussionen?

Sánchez: Unter den Studenten gab es freie Diskussionen, die waren nicht von der Hochschule organisiert. Es wurde viel über die Zukunft spekuliert und viele Vorstellungen entwickelt. Aber niemand hat sich vorstellen können, dass die Einheit kommt. Es bestand eine große Unzufriedenheit mit dem, was war.

War die Unzufriedenheit vor allem materiell festzumachen oder an mangelnden Freiheiten?

Sánchez: Das war unterschiedlich. Viele waren unzufrieden mit der Mangelwirtschaft. Für mich als Kubanerin war das nicht so nachvollziehbar. In Kuba war der Mangel weit offensichtlicher. An der Kunsthochschule ging es eher um die Frage nach Freiheit, vor allem Meinungsfreiheit, um eine offene Diskussion über die Zukunft der DDR, wie sich die Gesellschaft verändern ließe, indem die Bürger mehr Eigenverantwortung übernähmen.

Einen Reformprozess durchläuft derzeit auch Kuba. Beim sechsten Parteitag im April wurden die Weichen für einen tief greifenden Umbau der Staatswirtschaft gestellt. Überwiegt bei den Kubanern eher der Optimismus oder die Angst vor den Veränderungen?

Sánchez: Das ist von Mensch zu Mensch anders. Werktätige, die in der Produktion tätig sind und jetzt plötzlich ihre Arbeit verlieren, werden sicher auch Angst haben. Ich denke, dass Veränderungen nötig sind. Allerdings sehe ich nicht, dass die Maßnahmen, die jetzt geplant sind, eine grundlegende Transformation bewirken und die Probleme lösen können.

Lourdes, Sie sind von Haus aus Ökonomin, haben in Karlshorst Kybernetik studiert. Wie sehen Sie den wirtschaftlichen Umbau in Kuba?

Serra: Ich bin nicht so pessimistisch wie Teresa. Die kubanische Regierung hat sich die Aufgabe gestellt, die Probleme anzugehen. In einem Grundlagenpapier wurden vor dem Parteitag die „Leitlinien der Wirtschafts- und Sozialpolitik der Partei und der Revolution“ festgehalten, die so genannten lineamientos. Seit November 2010 wurden die lineamientos in Kuba diskutiert, in Betrieben und von Massenorganisationen. Ich war in einigen Versammlungen mit Studenten dabei. Dort wurde akribisch erläutert, mit welchen Maßnahmen die Wirtschaft auf Vordermann gebracht werden soll, und die Studenten machten ihrerseits Verbesserungsvorschläge. Auch wir als Professoren haben uns zusammengesetzt und überlegt, wie der Reformprozess aussehen soll und welchen Beitrag wir leisten können. Die Regierung hat zugesagt, die Verbesserungsvorschläge aufzunehmen und in die Leitlinien einfließen zu lassen.

Der kubanische Schriftsteller Leonardo Padura schrieb im April, dass die ersten Maßnahmen der sogenannten „Aktualisierung des Kubanischen Wirtschaftsmodells“ Havannas Alltag sichtbar veränderten. Teilen Sie diese Einschätzung?

Serra: Ja. An vielen Ecken sind Cafés und Verkaufsstände für Lebensmittel entstanden. Die Kubaner profitieren von dem größeren Angebot, können für kubanische Pesos mehr kaufen als bisher und sind nicht immer auf den konvertiblen Peso (CUC) angewiesen. Viele Kubaner, die entweder woanders gearbeitet haben oder gar nicht, finden in den 178 zur Selbstständigkeit freigegebenen Berufen und Tätigkeiten ein Auskommen. Seit Oktober 2010 haben mehr als 200.000 Kubaner und Kubanerinnen eine Lizenz in diesem Bereich beantragt.

Zur Disposition steht auch die libreta, das Bezugsheft für Grundnahrungsmittel und Güter des täglichen Bedarfs für alle Bürger. Wie sehen Sie das?

Serra: Das sehen viele mit Besorgnis. Bei den Universitätsdiskussionen, an denen ich teilgenommen habe, haben die Leute gesagt, dass mit dem Abbau der libreta sehr vorsichtig umgegangen werden muss, weil es viele Menschen gibt, die auf diese zugeteilten Güter angewiesen sind und sie sich nicht einfach kaufen könnten. Außerdem werden Preissteigerungen befürchtet, wenn diese Güter nur noch auf dem Markt verfügbar sind.

Gibt es ein Vorbild für den kubanischen Reformprozess, etwa Chinas Liberalisierung?

Serra: Nein. Kuba hat ein eigenes Profil und muss seinen eigenen Weg gehen, der sich an den auf dem Parteitag überarbeiteten Leitlinien orientiert.

Die Transitionserfahrungen der DDR dürften Kuba auch nicht zur Nachahmung animieren. Persönlich dürfte das anders sein. Was nahmen Sie aus Ihrem Leben in der DDR mit?

Serra: Es waren die besten Jahre meines Lebens. Ich erlebte von 1974 bis 1981 dort den Boom des Sozialismus und fand viele Freunde. Als ich 1981 die DDR wieder verließ, hatten die Menschen dort einen hohen Lebensstandard. Am Berliner Ostbahnhof gab es ein neues Warenhaus, in dem man Levis Jeans kaufen konnte. Ich besorgte mir auch eine. Was mir damals auffiel: Wenn meine Freundinnen von ihren Wochenenden zurückkamen, zeigten sie immer, was ihnen die »Tanten von drüben« mitgebracht hatten. Meistens waren es gebrauchte Sachen, und wahrscheinlich hätte man Ähnliches in besserem Zustand in den DDR-Läden bekommen können.

Wie kamen Sie mit den sogenannten deutschen Tugenden Ordnung und Pünktlichkeit klar?

Serra: Gut. Da ich immer ein relativ disziplinierter Mensch war, gewöhnte ich mich schnell an die strikte Ordnung und die Pünktlichkeit in Deutschland. Von meinen Kommilitonen und von meinen Lehrern habe ich sehr viel gelernt. Sie vermittelten mir strukturiertes Denken. Auch für meinen späteren Beruf als Universitätsprofessorin konnte ich einiges mitnehmen – wie man Unterricht gestalten kann. Das Buch Abenteuer DDR kam zuvor auf Spanisch unter dem Titel Regresé siendo otra persona (Ich kam als anderer Mensch zurück) heraus. Das trifft es auf den Punkt. Die DDR war für uns ein Abenteuer, das uns verändert hat. Wir haben nicht nur sehr viel Wissenswertes über unsere Berufe gelernt, wir haben auch andere Lebensweisen kennengelernt.

War der Zeitabstand zum Ende der DDR für das Buch wichtig?

Serra: Ich denke schon. Jetzt, nach 20 bis 30 Jahren, können wir objektiver diese Zeit betrachten. Und das Wichtigste ist, dass dieser Teil von der Geschichte festgehalten wird. Das ist auch für die jüngeren Deutschen wichtig, die keine Erinnerung mehr an diese Zeit haben. Das Buch deckt ein breites Feld ab und beschönigt nichts. Beispielsweise werden auch die Probleme geschildert, die die kubanischen Vertragsarbeiter und -arbeiterinnen teilweise hatten, aber auch selbst verursachten. Manchen fehlte es an Disziplin, andere lernten die Sprache nicht. Sie kamen teilweise ohne vernünftige Vorbereitung an. Das sorgte für Probleme und auch für Vorbehalte gegenüber Kubanern, die ich in der Zeit von 1974 bis 1978, bevor die ersten Vertragsarbeiter kamen, nicht erlebt hatte. An meinem positiven Fazit über das Abenteuer DDR, das mein Leben verändert hat, ändert das freilich nichts.

KASTEN:
Teresa Sánchez und Lourdes Serra gehören auch zu den ProtagonistInnen in dem Buch Abenteuer DDR. Kubaner und Kubanerinnen im deutschen Sozialismus von Wolf-Dieter Vogel und Verona Wunderlich, Karl Dietz Verlag, 184 Seiten, 16,90 Euro.

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