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Wem der Lauschangriff nützt

Denn allem Anfang wohnt ein Zauber inne, dachte sich die LN-Redaktion angesichts der Bundesratsentscheidung, endlich dieses vermaledeite Grundrecht abzuschaffen. Von wegen „Unverletztlichkeit“, ach was. So ein Gejammer, das tut doch gar nicht weh.
Eigentlich haben wir uns den Lauschangriff ja schon immer gewünscht. Unsere redaktionellen Probleme wären endlich gelöst, aber nicht nur die: vor allem die politischen. Unser Kampf für eine bessere Zukunft hätte Erfolg, und das ganz ohne Anstrengung. Denn jetzt gelingt tagtäglich, was bislang nur zu Sternstunden möglich war: Unser Wort in Kinkels Gehörgang! Neben ein paar tausend Leserinnen und Lesern werden wir nun auch ein paar Hörerinnen und Hörer haben – wenige, aber entscheidende. Zugang zu den Zentralen der Macht! Die Caudillos interessieren sich für uns! Phantastisch.
Dann fiel es uns aber wie Schuppen von den Augen. Einem alten Hasen, erfahren in Strategie und Taktik der Stadtguerilla, kam zu vorgerückter Stunde der Gedanke, daß dieses Angebot von höchster Ebene auch seine problematischen Seiten hätte. Denn wer weiß, ob die Lauscherinnen und Lauscher an den Stellen auch tatsächlich weghören, die sie besser nicht hören sollten? Ja, die für sie gar nicht gut wären, ganz und gar nicht?
Zum Beispiel, wenn wir mit Balaguer telefonieren, dem tauben Übervater der DomRep. Das sind bekanntlich jedesmal anstrengende Gespräche; so sehr wir auch in die Muschel schreien, er redet doch dasselbe wie vor dreißig Jahren. Erfahrene Horch- & Gucker wissen natürlich, daß da nichts zu holen ist, aber was tun, wenn da mal ein Neuer in der Leitung sitzt? Der Balaguers Ankündigung, Diktator Trujillo werde die Truppen aufmarschieren lassen, für bare Münze nimmt? Und Kinkel glaubt’s, denn die LN hat immer recht? Na, dann ist Feierabend.
Oder, wie kürzlich geschehen: Eine Zürcher Abonnentin ruft an und beklagt sich, daß der Mossad nun nachweislich die Frühstücksgespräche mit ihrem kubanischen Lover mitgehört hat. Ob das denn in Berlin besser sei und sie nicht hierher umziehen solle. Ja, was sollen wir denn da sagen? Lügen etwa, den Mitlauscher verleugnen, unseren Freund und Helfer? Oder sie in den Klauen des zweiterfolgreichsten Geheimdienstes der Welt lassen? Eine grausame Entscheidung.
Ach, und dann gibt es ja noch die Privatsphäre. Die ist zwar nicht so wichtig, dafür aber heilig. Wenn im Büro geflucht wird, weil Energie Cottbus verloren hat, dann braucht das keiner zu wissen. Und Flötereien mit der Liebsten gehen auch keinen was an, das wäre ja noch schöner. Abgesehen davon, daß Vulgaritäten genauso wie Erotika für jungfräuliche Neuhörerohren nicht gut sein können, das verdirbt den Charakter. Kurz: Wir wollen denen helfen, die uns helfen.
Mit dieser Überlegung tritt der, einen Zauber innewohnen ha-bende Anfang, in seine zweite, entscheidende Phase. Wie wäre das Vertrauensverhältnis zwischen der Obrigkeit und uns, den Informanten, wirkungsvoll zu schützen?
Hier kamen diejenigen zum Zuge, die die Firma Horch & Guck noch in DDR-Originalverpackung kannten. Da wurden alte, aber hunderttausendfach bewährte Re-zepte hervorgekramt. Als erstes versuchen wir es stets auf die höfliche Art und Weise: Den Mithörer bei jedem Gespräch freundlich zu begrüßen (erstaunlich: nach und nach stellt sich Familiarität ein…) und ihn im entscheidenden Moment darauf hinzuweisen, daß er jetzt bitte leise drehen soll. Auf ein vereinbartes Stichwort hin, zum Beispiel „Schweinebucht“, darf er dann wieder lautstellen. Zugegeben, eine Möglichkeit, die gegen Mißverständnisse und sogar Mißbrauch nicht ganz gefeit ist, aber im Namen der Menschlichkeit jedenfalls unschlagbar. Eine andere Methode, nicht weniger gebräuchlich: nebenbei Musik laufen zu lassen. Die aber ist problematischer, denn nach dem fünften Mal „Gracias a la vida“ am Tag mag man das Lied zwar immer noch am liebsten, aber man kennt es halt schon sehr genau. Den feinsinnigen Ohren derer, deren wichtigstes Arbeitsgerät sie sind, ist das keinesfalls zuzumuten.
Nun, wir sind noch am Anfang – und für Vorschläge jederzeit offen. Ein Angebot hat uns jedoch restlos begeistert. Eine Gehörlosenschule in einer vorpommer-schen Kleinstadt (Name ist der Redaktion bekannt) hat uns auf Anfrage Kurse in Gebärdensprache offeriert, zum Sonderpreis. Wir üben uns seit ein paar Wochen, indem wir so wichtige Sachen wie die Editorial-Diskussion stumm führen, mit ganz achtbaren Ergebnissen. Am witzigsten ist jedenfalls, auf stumm zu fluchen, denn dabei muß man die Luft anhalten.
Bleibt nur zu hoffen, daß die Gesetzgeber dabei bleiben und der journalistischen Zunft nicht doch noch in letzter Minute den Zugang zu neuen Kommunikationskanälen sperren. Dann wäre alles für die Katz gewesen.

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