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Wende einer Dienstreise

Zum ersten Mal in der deutschen Geschichte wurde Anfang 1996 ein Botschafter wegen rassistischer und sexistischer Äußerungen seines Postens enthoben. Einer vierköpfigen Delegation des Bundestagsausschusses für wirtschaftliche Zusammenarbeit hatte Dahlhoff erklärt, daß Haiti “überbevölkert” sei, weil “die haitianische Frau immer will und der haitianische Mann immer kann”. Die Delegation war empört, schwieg jedoch und mußte während ihres zweitägigen Aufenthalts in Haiti im November 1995 noch eine Reihe weiterer Dummheiten und skandalöser Äußerungen des Botschafters über sich ergehen lassen.
Immerhin verfaßte Winfried Wolf nach seiner Rückkehr einen Reisebericht, der unter anderem in der Zeitschrift KONKRET abgedruckt wurde. Noch bevor der Artikel erschien, griffen auch bürgerliche Medien wie die Badische Zeitung und der Stern seine Kritik – die von den anderen Delegationsmitgliedern bestätigt wurde – auf. Das Auswärtige Amt mußte reagieren und trennte sich von Dahlhoff. So weit, so gut.
Doch aus dem “Fall Dahlhoff” wurde schnell der “Fall Wolf”. Wie es dazu kam, zeichnet Winfried Wolf in seinem gerade erschienen Buch “Haiti – Arroganz im Armenhaus. Bonner Diplomatie, Rassismus und Armutsentwicklung” nach. So erhielt Winfried Wolf eine Rüge vom Ältestenrat des Bundestags, weil er die angeblich vertraulichen Äußerungen des Botschafters öffentlich machte und somit “dem Parlament Schaden zugefügt” hat. Nach Abberufung des Botschafters versicherte Klaus Kinkel während einer Sitzung des Auswärtigen Ausschusses, Dahlhoff wäre noch im Amt, wenn Wolf nicht an die Öffentlichkeit gegangen wäre. Kinkel offenbarte, wie mit Nestbeschmutzern umzugehen sei: “Ich werde Sie zukünftig genau beobachten, ob Ihnen in Ihrem Leben nicht das eine oder andere noch passiert.”
Winfried Wolfs Kritik an Dahlhoff beschränkte sich von Beginn an nicht auf den Sexismus und Rassismus des deutschen Botschafters. Die Arroganz der deutschen Diplomatie in Haiti zeigt sich für Wolf besonders deutlich im Druck auf die haitianische Regierung, die wenigen profitablen Staatsbetriebe des Landes zu privatisieren. Als die Bundestagsdelegation im November 1995 Haiti besuchte, waren noch die PrivatisierungsgegnerInnen um Präsident Aristide und Ministerpräsidentin Claudette Werleigh an der Regierung. Die Bundesregierung machte ihre Unterstützung von der Akzeptanz des von der Weltbank ausgearbeiteten Anpassungsprogramms abhängig, das vor allem die Privatisierung der staatlichen Telefongesellschaft und der Elektrizitätswerke vorsieht. Obwohl Haiti sich nach der dreijährigen Cedras-Diktatur in einer schweren wirtschaftlichen und sozialen Krise befand und nach der Rückkehr von Präsident Aristide dringend internationale Unterstützung benötigte, kam im Jahr 1995 aus Deutschland kaum Hilfe, bilaterale Entwicklungsarbeit “im eigentlichen Sinn” fand nach offiziellen Bonner Angaben nicht statt.
Wolfs Buch gibt einen guten Einblick in die Arroganz deutscher Diplomatie in einem armen Land wie Haiti. Pflichtlektüre sollte es für alle Abgeordneten sein, die sich auf eine Dienstreise ins Ausland begeben. Vielleicht sind danach noch andere Abgeordnete bereit, “den Interessen Deutschlands im Ausland schweren Schaden” zuzufügen.

Winfried Wolf: Haiti – Arroganz im Armenhaus. Bonner Diplomatie, Rassismus und Armutsentwicklung, Neuer ISP-Verlag, Köln 1996, 167 Seiten, 19,80 DM (10 Euro).

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