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Wenn Männer morden und Frauen darüber schreiben

Eine Verbrecher-, eine Horrorgeschichte, wie die Erzählerin, Auxilio Lacouture, gleich zu Anfang des Romans in ihrer übertreibenden und selbstverräterischen Art ankündigt, ist „Amuleto“ nicht. Vielmehr ist es die Geschichte eines unwahrscheinlichen und ein Leben lang fragwürdig bleibenden Überlebens. Unwahrscheinlich deshalb, weil hunderte ihrer KommilitonInnen sterben, die sich zum selben Zeitpunkt wie sie in der Universidad Nacional Autónoma de México (UNAM) in Mexiko-Stadt befinden, sterben. Fragwürdig, weil Auxilio dadurch ein Trauma fürs Leben bekommen soll. So viel zum Verbrechen, dem realen Horror des Herbstes 1968, in dem Sicherheitskräfte den Streik der Studierenden brutal niederschlugen.
Aber der Reihe nach: Lacouture, die sich selbst als die „Mutter der mexikanischen Poesie“ bezeichnet, ist vor allem eins: eine große Leserin. Sie liest alles, was ihr in die Finger kommt, besucht nächtliche Dichtertreffen, freundet sich mit den aufstrebenden, wie den hoffnungslos vor sich hin dümpelnden Jungdichtern an, schleicht durch die Gänge der Universität und geht bei den spanischen Exildichtern ein und aus. Dabei wird sie zu einer versierten Kennerin der mexikanischen Literatur und einer zu Ausschweifungen neigenden Kritikerin, die nicht nur Inhalt und Stil der Elaborate ihrer Zöglinge begutachtet, sondern ihnen auch fruchtbare Anregungen gibt. Nur eins wird sie bis fast zuletzt nicht: eine Autorin.
Auxilio ist überall dabei. Nicht, weil sie mitgenommen wurde, sondern weil sich die jungen Dichter um sie scharen. Doch es bleibt eine Distanz. Sie ist der literarischen Szene unnahbar nah, aus der Generation der Älteren, ohne etabliert zu sein, dazu Ausländerin aus Uruguay und Frau. Diese dreifache Außenseiterposition gibt ihr das Gefühl, nie völlig angekommen zu sein. Und dabei gefällt es ihr, einen rastlosen Lebensstil zu kultivieren. Nie verbringt sie mehr als ein paar Wochen an einem Ort, wohnt aus Geldmangel bei Freunden. Wenn diese ihr zu verstehen geben, dass sie lange genug bei ihnen geblieben sei, zieht sie weiter. Nicht immer das einfachste Unterfangen, ganz offensichtlich benötigt Auxilio manchmal ein paar Hinweise mehr als Andere.

Urmännliche Stereotype und Vatermord

Als sei dieses Nomadentum nicht Bild genug für den unsicheren Ort der Frau in der mexikanischen Literatur, stößt sie bei ihren Dichterfreunden auf „urmännliche“ Stereotype: Sie brechen mit den großen Autoren, nicht weil diese ihnen nichts mehr zu sagen hätten, sondern weil es das Gesetz des Vatermords verlangt. So beginnt Auxilio, die literarischen Scheingefechte ihrer Freunde mit Pacheco und Paz mit beißendem Spott zu kommentieren. Frauen kommen in der literarischen Genealogie Mexikos nicht vor. Den Platz, den man Auxilio einräumt, und den sie anfangs selbst willig besetzt, ist der einer Mutter. Die Frauen sind so auch bei den jungen Dichtern nur schmückendes Beiwerk oder Ersatzmütter. Zu beidem kann Auxilio auf Dauer nicht dienen. Sie ist nicht hübsch und ihr fehlen die Schneidezähne. Schützen und helfen kann sie auch nur, soweit ihre eigene prekäre Lage es zulässt.
Der Ort, an dem sie sich am meisten wohl fühlt, ist die Lektüre. Sie liest, statt zu schreiben. Und statt Sex mit den Dichtern zu haben, schläft sie eher über deren Büchern als in deren Betten ein. Ihre Schlafkrankheit ist ein Ausdruck des 1968 erlittenen Traumas. Tagelang saß sie auf der Frauentoilette im vierten Stock der Universität und wagte keinen Schritt vor die Tür. In den Korridoren wüteten Soldaten, drinnen zitterte Auxilio um ihr Leben, auf der Kloschüssel sitzend, ein Gedichtband von Pedro Garfías auf den Knien, den sie immer wieder von vorne bis hinten durchlas. Als sie sich endlich wieder nach draußen traute, war sie die einzige Überlebende und ein anderer Mensch.
Der chilenische Autor Roberto Bolaño hat diese Geschichte schon einmal skizzenhaft erzählt, in seinem 1997 veröffentlichten Buch „Los detectives salvajes“ (Deutsch: „Die wilden Detektive“, 2002).

Zwischen Wirklichkeit, Traum und Wahnsinn

Aus der dort zehnseitigen realistischen Episode wird in „Amuleto“ eine 150-seitige Erzählung, die zwischen Wirklichkeit, Traum und Wahnsinn hin und her pendelt. Die Erzählerin wird somit als Charakter glaubhafter, auch wenn das, was sie erzählt, durch die surrealen Elemente und die unwahrscheinliche Chronologie an Glaubwürdigkeit verliert. So kommt eine andere Wahrheit zum Ausdruck. Die Wahrheit des Schreckens, womit sich der Kreis schließt. Es ist auf eine gewisse Weise doch eine Verbrecher-, eine Horrorgeschichte, eine Geschichte des Geschlechterterrors: Die Autoren des Verbrechens sind wie die Autoren der Bücher in „Amuleto“ männlich. Die Frau überlebt nur durch das Lesen und Wiederlesen deren Bücher, also durch die Aneignung der männlichen Stimme, und durch die Erinnerung an deren Verbrechen. Wenn ihr die Lektüre zum Überleben verhilft, ihre Situation aber traumatisch bleibt, bekommt ihr Schreiben als weibliches Schreiben therapeutische Wirkung.
Und siehe da: Auxilio fängt nun doch an, die Geschichte des Schreckens zu erzählen. In einem Ton, der so klingt, wie der um archetypische Bilder kreisende Redefluss einer Psychoanalysepatientin aus Träumen, Sehnsüchten und Visionen. Eine Geschichte voller Ankündigungen und Verweisen, Ausblicken, Rückblenden und Anekdoten, welche die Lesererwartung permanent unterlaufen. Dieser Erosionsprozess macht auch vor der Erzählerfigur nicht Halt. Immer wieder schimmert durch, dass man auch den Worten Auxilios nicht vorbehaltlos trauen darf. Doch das ist eine der Strategien, um den selbstherrlichen männlichen Diskurs zu unterhöhlen. Weil Auxilio nicht mit der Autorität ihrer Dichterfreunde schreiben kann, tut sie dies mit einer selbstwidersprüchlichen Stimme, die aus dem Stigma der Weiblichkeit eine Waffe macht. Weil in diesen offen gelegten Brüchen ihre Version des Genozids an einer ganzen Generation von LateinamerikanerInnen am glaubhaftesten klingt. Weil sich ihre Erzählung in ein „Amuleto“, in ein Lied verwandelt, wie sie am Ende des Buchs schreibt: „Dieses Lied, es ist das Zeichen unserer Erinnerung, unser Amulett.“
Lesen sei Denken mit fremden Gehirnen, hat Borges einmal gesagt, Schreiben wäre demnach vielleicht, einem fremden Gehirn zum Ausdruck zu verhelfen. Und das ist manchmal, wie im Fall Auxilio Lacoutures, bitter nötig. Denn sonst bliebe sie, wie damals auf der Toilette im vierten Stock der Autónoma, auf ihrer Geschichte einfach sitzen. Und das wäre sehr schade. Nicht nur für die LeserInnen, auch für die wirklichen Toten des Herbst 1968. Die Erinnerung an das Massaker hat erst in den letzten Jahren seinen Platz in der offiziellen Geschichte gefunden. Die Literatur war mal wieder schneller.

Roberto Bolaño: Amuleto. Kunstmann. München 2002. 150 Seiten. 16,90 Euro.

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