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Wer bewegt den Anker?

Wann fließt endlich wieder das Öl in Venezuela? Julio García, der bolivarianische Abgeordnete, ging im venezolanischen Staatsfernsehen auf die Frage ein, warum die Wiederinbetriebnahme der „bestreikten“ Ölschiffe so schwierig sei: „Auf der Straße werden wir immer wieder angehauen: ‘Warum könnt ihr diesen Anker nicht einfach heben?’ Nun, diesen Anker kann man weder von Hand noch maschinell heben. Das alles läuft digital und manchmal ist der 5. Stock [der nominell staatlichen Ölgesellschaft] PDVSA per Satellit mit dem Schiff verbunden. Resultat: Diese ganze Technologie, die die Nation während Jahren in unser Prunkstück PDVSA investiert hat, ist jetzt in den Händen einer Gruppe von Terroristen, welche die Leute über die Verknappung der Güter zum Verzweifeln bringen will“. Den Terminus „Terroristen“ begründet García mit einem Mitschnitt eines Telefonats des ehemaligen Vizeadmirals i.R. Huizi Clavier. Dieser unterhielt sich mit seinem Gesprächspartner über die Absicht, eine gigantische Umweltkatastrophe zu provozieren. Das Öl des „bestreikten“ Schiffes León Pilín sollte in den Macaraibo-See ausgelassen und die Schuld dafür der Regierung in die Schuhe geschoben werden.

Das ÖL-Joint Venture

Ohne Erdöl läuft nichts in Venezuela. 80 Prozent der Exporterlöse und die Hälfte der Staatseinnahmen beruhen auf dem schwarzen Gold. Eine lukrative Einkommensquelle, an der der Staat großes Interesse hat. 1976 wurde das Erdöl nationalisiert, um die jahrzehntelange Auseinandersetzung zwischen dem Staat und den Ölgesellschaften um die Gewinnaufteilung zugunsten des Staates zu beenden. Aber die Kader der PDVSA wurden von den im Land operierenden Ölmultis gestellt. Das hatte Auswirkungen. 1976 gingen noch 80 Prozent der PDVSA-Einnahmen an den Staat, 2001 nur noch 20 Prozent. Das Großunternehmen schien sich im einschlägigen internationalen Vergleich zur unrentablen Lotterbude entwickelt zu haben. Doch der Schein trügt: Tatsächlich transferierte das „staatliche“ Unternehmen während der letzten beiden Dekaden mindestens fünf Milliarden Dollar pro Jahr ins Ausland. Zum Beispiel Citgo, die PDVSA-Tochter in den USA: Sie subventionierte Autofahrer in den USA mit einem im Vergleich zur Konkurrenz zwei bis vier Dollar niedrigeren Verkaufspreis pro Fass. Während PDVSA die eigenen hochwertigen Ölraffinerien verkommen lässt, investierte sie zehn Milliarden Dollar in den Kauf von 19 unrentablen, für venezola-nisches Öl zudem ungeeignete Raffinerien in den USA und Europa — die Verkäufer freut’s. An ein Joint Venture mit SAIC (Science Applications International Corporation) namens Intesa gehen zum Beispiel fünf Milliarden Dollar für das Outsourcing von Informatik und die Erfassung von Öl- und Gasvorkommen in Venezuela. Intesa brüstet sich, Lateinamerikas führender Technologiekonzern zu sein. Das Joint Venture funktioniert auf feine Weise: PDVSA zahlt und die SAIC bestimmt. SAIC hat’s in sich. Nach eigenen Angaben 1969 vom Los Alamos-Atomforscher J.R. Beyster gegründet, verfügt sie über 41000 Angestellte. Die wissenschaftlichen Mitglieder sind praktisch Eigentum des Konzerns.

Agenten im Netz

In den Leitungsgremien der SAIC tummelten sich in den letzten Jahren neben hunderten von hohen Offizieren i.R. die US-Kriegsminister Melvin Laird und William Perry, die CIA-Chefs Robert Gates und John Deutch, der Direktor der National Security Agency Bobby Ray Inman, der Koordinator des National Security Council Jasper Welch, der Chef für Forschung und Entwicklung im Pentagon, Donald Hicks, der Chef der US Special Forces, Wayne A. Downing, alle in der Eigenschaft „ehemalig“. Downing leitete nach dem 11. September den militärischen Teil von George W. Bushs neuem zivilmilitärischen Ministerium, das Heimatschutzministeriums Homeland Security.
SAIC ist in der Informatikbranche tätig, genauer in deren Auslagerung aus staatlichen Agenturen. Angeblich aus Spar- und Effizienzgründen lagern die US-Regierungsstellen bedeutende Teile ihrer Informatik- und Verwaltungsaufgaben an Privatanbieter aus. Dieses Outsourcing führt zu bedrohlichen Situationen. Als die kritische Gruppe Harvard Watch (Lehrende und Studierende aus der Eliteuni) letztes Jahr die Zusammenhänge zwischen den Bilanzfälschungen beim Konzernriesen Enron und dem Harvard-Management zu recherchieren begann, stieß sie auf eine verblüffende Frage: Ob nämlich die Börsenaufsicht SEC und das FBI, entsprechender Wille vorausgesetzt, überhaupt in der Lage wären, die Untersuchungen zu führen. Beide Regierungsagenturen hatten ihre relevanten, hoch sensiblen Datenbanken an Unternehmen wie den Rüstungsgiganten Lockheed und an die eng mit ihm zusammenarbeitende DynCorp ausgelagert – ein häufiger Projektpartner der SAIC.

Im Dienste der Regierung…

Die ebenfalls aus Pentagon- und Geheimdienstleuten zusammengesetzte DynCorp arbeitet mit firmeneigener Software und stellt für viele Regierungsapparate auch gleich noch das technische Personal. DynCorp-Exponenten saßen aber auch in entscheidenden Posten sowohl beim Harvard-Management wie bei Enron. Mit anderen Worten: ein motivierter FBI-Agent kann auf „seine“ Datenunterlagen nicht zugreifen, ohne dass dies über DynCorp und andere Privatanbieter liefe.
SAIC arbeitet auf einem ähnlichen Feld häufig mit DynCorp zusammen. Ein SAIC-Team bekam vor zwei Jahren von der US-Army den Auftrag, ein Planungs-, Monitoring- und Kontrollsystem für Kampfoperationen zu entwickeln. Im Vorfeld des Irakkrieges wird dieses Programm massiv ausgeweitet. Außerdem holte sich SAIC den 2. Teil des hochgeheimen FBI-Trilogy-Programms an Land. Das Programm integriert weltweit die Datenbanken und IT-Kommunikationen des FBI in ein einziges System. Die erste Phase wird von DynCorp abgedeckt. Das 457 Millionen Dollar-Programm kommt aber nicht recht vom Fleck: Der Generalinspektor des Justizministerium kritisierte das FBI für Missmanagement und unnötige Millionenverluste.
Auf der Website von SAIC und in ihren Jahresberichtwerbungen ist dennoch nachzulesen, wie sehr sich der Konzern für die Homeland Security verdient macht, wie unerlässlich ihre Dienste nach dem 11. September waren, wie brillant ihr antiterroristisches Training, wie durchschlagend ihre Kriminalitätsbekämpfung etwa in der Verbindung der Verbrecher-ID-Dateien der einzelnen US-Staaten oder in der Verwaltung der Haftbefehle in New York sind. SAIC ist speziell eng mit dem Pentagon liiert. Ob technischer Support für die Luftwaffenbasis X oder Entwicklung eines neuen monströsen Fliegertyps mit Lockheed, die Zeitungsberichte sind sich in der jetzigen Phase vor dem Irakkrieg einig, dass SAIC zu den großen Nutznießern des explodierenden US-Militärbudgets gehört. Ein Indiz sei noch genannt: am 7. Februar gab das Pentagon bekannt, dass sich sein Defense Science Board (Beratung für Akquisitionen, Technologie und Logistik) die nächsten Monate am Hauptsitz der SAIC versammeln wird.

Hacker bei SAIC

Soviel also zum Hintergrund jener Kräfte, die in den Medienberichten als mutige Erdölarbeiter gefeiert werden, welche unter dem Jubel der venezolanischen (numerisch enorm aufgeblasenen) Massen (aus den Ober- und Mittelstandsvierteln) dem kubano-kommunistischen Diktator Hugo Chávez die Stirn zeigten und – streikten. (A propos: Der bewunderte Gewerkschaftsführer Carlos Ortega, Liebkind beim Internationalen Bund Freier Gewerkschaften, ist im PDVSA-Jahresbericht von 1997 als Personalchef ausgewiesen). Intesa, nominell die Joint Venture von SAIC und PDVSA, zählt zu ihren Kunden auch wenig erstaunlich die direkte Konkurrenz von PDVSA in Venezuela: BP, Shell, Total. Das Bild wird klarer: Intesa und PDVSA-Kader (also die „Demokraten“) sind integriert in ein internationales, von den US-Multis und Diensten gesteuertes Netz zur Kontrolle der Ölvorkommen. Der vorerst gescheiterte „Streik“ von Dezember/Januar sollte diese Kontrolle auch für die Zukunft garantieren, gegen das Vorhaben derr Regierung, die nationalen Reichtümer in den Dienst der Bevölkerungsmehrheit zu stellen. Was Wunder, bedurfte die Regierung des Hugo Chávez der Hilfe engagierter Hacker, welche die SAIC-Software knacken und so die Anker wieder heben konnten. Die internationale Aufmerksamkeit wurde in der Zwischenzeit mit atemberaubender Dramaturgie aufs Nebengleis einer angeblich demokratischen Volksbewegung gelockt. Allerdings ging die Rechnung nicht auf: So katastrophal die wirtschaftlichen Folge der langen Sabotage sind, im Resultat ist die PDVSA jetzt von den Kräften des Ancien Régime befreit.

KASTEN:

Quellen zum Weiterlesen:

www.aporrea.org, 19.12.02, Transcripción de la conversación donde vicealmirante Huizi Clavier autoriza contaminar lago
“Vgl. dazu die Artikelserie „El golpe de Estado fue petrolero“ auf www.soberania.info.
vgl. www.saic.com
Sunday Herald, 29.9.02, Darran Gardner, „Secret weapons aims for Europe“
Washington Technology, 7.2.00, Cindy O’Hara, „Firms Reel In Talent Through Acquisitions“
vgl. Covert Action Quarterly # 59, Winter 1996/1997, John Dillon, „Networking with Spooks“
www.harvardwatch.org, 31.1.02, “Trading Truth: A Report on Harvard’s Enron Entanglements“ und folgende Berichte. Ein Überblick dazu und zur Verwicklung von DynCorp in die „neuen Söldnerkriege“ etwa in Kolumbien, in den Frauenhandel in Bosnien oder in die sozialrassistische „Säuberung“ der Innenstädte der USA findet sich in Correos 131, September 2002, Dieter Drüssel, „Marktplatz der Macht“
U.S. Environmental Protection Agency, Federal Register Environmental Documents, 27.8.1997: „Science Application International Corporation and DynCorp Inc.; Transfer of Data“
SAIC, 21.11.1998, „SAIC Wins EPA’S MOSES Contract“. „Auf der internationalen Geisterbahn des WEF“ in der Mobilisierungszeitung des Oltner Bündnis, Januar 03
NetworkWorldFusion, 24.5.01, Carolyn Duffy Marsan, „SAIC snares Army’s massive net management system“
Washington Technology, 13.6.01, Gail Repsher Emery, „SAIC wins Part of FBI Trilogy Project“
Washington Post, 31.1.03, „FBI activates Trilogy network“
Federal Information & News Dispatch, Department of Defense, 7.2.03, „Defense Science Board“

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