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Wi srefi musu fu du en – Wir müssen es selbst anpacken

Erst vor kurzem feierte Surinam seinen 30. Unabhängigkeitstag – wenig beachtet von der übrigen Welt. Wahr ist: Der Staat an der nordöstlichen Schulter Südamerikas zählt zu den einsamsten und isoliertesten Ländern überhaupt. Viermal so groß wie die Niederlande, ist das ehemalige Holländisch-Guayana Heimat von aktuell kaum 500.000 Menschen. Wer Paramaribo, die 300.000 EinwohnerInnen zählende Hauptstadt, verlässt, findet sich bald wieder auf einer schmalen Landstraße (der einzigen), die über Stunden durch menschenleere Dschungel-, Sumpf- oder Savannengebiete führt. Wer Surinam nicht kennt, wartet darauf, dass irgendwo in der Einöde endlich Häuser auftauchen – fast umsonst.

Gelebte Globalisierung

„Paramaribo ist Surinam und Surinam Paramaribo”, sagen viele HauptstädterInnen achselzuckend. Ihre Stadt ist gelebte Globalisierung, ein Mikrokosmos, der die ganze Welt bündelt: In der schummerigen Markthalle treffen alle aufeinander: Hindustanis, deren Vorfahren aus dem heutigen Pakistan stammten, SchwarzafrikanerInnen, JavanerInnen, ChinesInnen, Indigene, BrasilianerInnen und eine Handvoll HolländerInnen. Ihre Sprachen sind so vielfältig wie ihre Herkunft, und doch verstehen sie sich: Sranan Tongo (oder Taki Taki) heißt ihre Alltagssprache – obwohl in den Schulen das Niederländisch der alten Kolonialmacht gelehrt wird.
In Paramaribos Zentrum stehen holländische Holzkirchen mit geschnörkelten Ziegeltreppchen neben Synagogen, märchenhaften Moscheen, swastikageschmückten Hindutempeln, chinesischen Supermärkten mit roten Lampions, glitzernden Kasinos. Am Onafhankelijksplein finden Singvögelwettbewerbe statt: Wessen Vogel am lautesten zwitschert, gewinnt. Man kann unter Holzbalkonen von Frauen in buntem Sarong Pfannkuchen mit Marmeladenfüllung kaufen oder Salzfisch oder Parbo-Bier in Literflaschen, und dann damit über frisch und akribisch geharkte Wege im Schatten blühender Bougainvilleen laufen. „Auf Reinlichkeit legen wir äußersten Wert”, sagt Shanu Seyaram, eine Hindu, die jeden Morgen ihr Haus mit einem Besen aus Kokospalmfasern fegt. „In einem sauberen Haus wohnt eine saubere Seele.”

Ein schlechter Tausch

Wie mit dem Lineal gezogen wirken die Deiche und Entwässerungskanäle in den Polderland–schaften des Küstenstreifens um Nickerie, dem Herz der Reisproduktion. Kaum ein Mensch ist je zu sehen, dafür aber modernste landwirtschaftliche Maschinen, die Spur auf Spur ziehen. Doch schon einige Kilometer landeinwärts beginnt das Gewirr des üppigen Regenwaldes, Heimat der UreinwohnerInnen sowie der Maroon-Stämme, den Nachkommen entflohener SklavInnen.
Die holländischen KolonistInnen, denen Surinam 1667 im Austausch gegen Neu-Amsterdam (dem heutigen New York City) zufiel, hatten es von Anfang an schwer. Hitze, Langeweile, Einsamkeit, Infektionskrankheiten und Spannungen mit der Urbevölkerung verleiteten sie zu unmäßigem Alkoholgenuss: „Noch heute finden wir mundgeblasene Flaschen sowie Tonkrüge aus jener Zeit in den Sümpfen”, erzählt Shanu. „Die bringen bei den amerikanischen AntiquitätenjägerInnen gutes Geld. Mein Mann taucht jeden Tag nach Flaschen. Es ist sein Beruf und wir leben davon.” Sie fährt fort: „Es heißt, in manchen der Flaschen würden Dschinns wohnen: die Baccoos. Wenn du sie befreist und mit süßer Bananenmilch fütterst, helfen sie dir, reich zu werden. Aber mit jedem Tag, der vergeht, werden sie auch frecher und anspruchsvoller – ein Teufelskreis!”

Flucht aus der Sklaverei

Während die HolländerInnen Alkohol tranken oder Meerschaumpfeifen rauchten, mühten sich auf ihren Zuckerrohr-, Kaffee-, Baumwoll- und Kakaopflanzungen afrikanische SklavInnen. Viele von diesen flohen in den Dschungel, um den Grausamkeiten ihrer HerrInnen zu entgehen, gründeten neue Stämme und lebten fortan ähnlich, wie sie in Westafrika vor ihrer Verschleppung gelebt hatten. Sehr bald wurden sie – die sogenannten Bosnegers oder Maroons – zum Albtraum der PlantagenbesitzerInnen: Sie kommunizierten über weite Distanzen mit Trommeln, überfielen nachts die Herrenhäuser und töteten jeden Weißen, den sie vorfanden. – Kein Wunder darum, dass die NiederländerInnen Surinam stark vernachlässigten.
Nach Abschaffung der Sklaverei versuchten die KolonistInnen, den entstandenen Mangel an Arbeitskräften auszugleichen durch Import von KontraktarbeiterInnen aus Indien, Java und China. Doch mit steigenden Lohnkosten war das Schicksal der Plantagenwirtschaft besiegelt. Heute hat längst der Dschungel die meisten der ehemaligen Pflanzungen zurückerobert.

Umkämpfte Bodenschätze

Seit dem 20. Jahrhundert boomt ein anderer Wirtschaftszweig: der Bauxitabbau für die Aluminiumproduktion. Frühzeitig sicherte sich ein US-amerikanisches Unternehmen die Rechte am Großteil der Bauxitlagerstätten, und bereits während des 2. Weltkriegs kamen drei Viertel der US-Bauxitimporte aus Surinam. Ein Zeugnis dieser Epoche ist das deutsche Handelsschiff Goslar, welches vor der Waterkant von Paramaribo versenkt wurde: Bis heute ragt sein rostiger Rumpf wie ein Walrücken aus dem trägen milchkaffeebraunen Fluss.

Militärdiktatur und Dschungel-Kommando

Die Jahre nach der Unabhängigkeit Surinams 1975 waren turbulent. Der korrupten ersten Regierung bereitete ein Militärputsch unter Desi Bouterse ein Ende, einem 35-jährigen Surinamer, der einst als NATO-Soldat im niedersächsischen Seedorf stationiert gewesen war. Die folgenden Jahre herrschte das Militär, bemüht, jegliche Opposition im Keim zu ersticken: „Bereits in den frühen Nachmittagsstunden mussten alle Läden schließen”, erinnert sich Shanu. „Die Stadt wirkte dann einsam und verlassen. Und wer in einem öffentlichen Bus fuhr und nicht saß, sondern stand, musste damit rechnen, sofort verhaftet zu werden – das kann sogar noch jetzt passieren!”
Die Maroons, vom wirtschaftlichen Fortschritt weitgehend ausgeschlossen und seit Sklavenzeiten geübt im Guerillakrieg, wehrten sich ab 1986 aktiv gegen die neuen MachthaberInnen. Ihr „Jungle Commando” unter Führung des 24-jährigen ehemaligen Bouterse-Leibwächters Ronnie Brunswijk überfiel Militärfahrzeuge und verteilte die erbeuteten Güter an die arme Bevölkerung. Doch Tausende Maroon-Familien mussten nach Französisch-Guayana flüchten, um ihr nacktes Leben vor den Greueltaten der Militärs zu retten. Die Bürgerkriegsparteien finanzierten sich wahrscheinlich durch internationalen Drogenschmuggel, die Niederlande verurteilten sowohl Bouterse als auch Brunswijk in Abwesenheit wegen Kokainhandels zu Gefängnisstrafen. Beide sind aber bis heute in Surinam politisch engagiert und werden nicht ausgeliefert. Lediglich Bouterses Sohn wurde im letzten Jahr wegen Drogenhandels und Waffenschmuggels in Paramaribo verurteilt.

Neues Selbstbewusstsein

In den Neunzigern kehrte unter internationalem Druck der Frieden zurück und es gelang der demokratisch gewählten Regierung des Präsidenten Ronald Venetiaan, eines in Holland studierten Mathematikers und Physikers, die wirtschaftliche Situation zu verbessern.
Neue Projekte stehen an: So sollen die Erdölförderung der staatlichen Gesellschaft Staatsolie sowie der Ökotourismus entwickelt werden.
Obwohl in Surinam meist immer noch die eigene ethnische Zugehörigkeit über das Wahlverhalten entscheidet, gehen die Menschen generell sehr tolerant miteinander um. Und obwohl die Niederlande bis heute wirtschaftliche Hilfe leisten und viele SurinamerInnen von Geldsendungen ihrer nach Holland emigrierten Angehörigen abhängen, wächst das Selbstbewusstsein und die Erkenntnis: „Wi srefi musu fu du en“ – Wir selbst müssen es anpacken!

„Condoleezza” und „Sadam” am Kai

Das aktuelle Weltgeschehen wird vielfach kritisch betrachtet. Kleine Fischerboote führen ironisch Namen wie „Condoleezza”, „Taliban” oder „Sadam”. Der muslimische Shrimp-Fischer Abdoel Asis sagt: „Wenn ein Mensch getötet wird, ist es, als ob ein Magnet zerbricht – der Magnetismus bleibt. Genauso bleibt auch die Seele des Menschen bestehen, wenn sein Körper vergeht! Die Seele ist unauslöschbar. Und deshalb ist Töten immer sinnlos!”
Der alte Haudegen John Gabriel Stedman, der 1772-77 an Strafexpeditionen gegen die Maroons teilnahm, berichtet in seinem Tagebuch, wie ein Sklave öffentlich zu Tode gefoltert wurde. Nachdem seine Henker ihm jeden einzelnen Knochen im Körper gebrochen hatten und ihn trotz seines Flehens, ihm endlich den Gnadenstoß zu geben, einfach liegenließen und begafften, soll der Afrikaner bloß gelacht haben: „Er flirtete mit den Mädchen, beschimpfte die Richter, machte Witze, verlangte Geld zurück, das er einem der Umstehenden geborgt hatte”, schreibt Stedman anerkennend. Und dann, am Ende, soll er seinen Peinigern noch zugerufen haben: „Sterben – müsst ihr auch!”

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