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Woran ich so glaube

Carlos Fuentes, der mexikanische Romanautor, ist auch ein produktiver Essayist. In Woran ich glaube. Alphabet des Lebens hat er eine Reihe seiner Texte, die über den tagesaktuellen Bezug hinaus bedeutend sein könnten, zusammengestellt; sie reichen von A wie Amistad/Freundschaft über G wie Globalisierung und Q wie Quijote bis Z wie Zürich. Dass der Band einen unbefriedigenden Eindruck hinterlässt, liegt an seiner halbherzigen Konzeption. Am peinlichsten wirken Fuentes’ Auslassungen über politische und soziale Fragen. Dass er an die Globalisierung glaubt, dass sie aber kein Allheilmittel sei und human gestaltet werden müsse, ist vor allem banal. Auch an die Bildung glaubt Fuentes, und dass lateinamerikanische Lehrer besser bezahlt und ausgebildet werden müssen. Die Zivilgesellschaft müsse gestärkt und den Menschen mehr Macht gegeben werden. Warum stehen derartige Allgemeinplätze in einem „Alphabet des Lebens“, in dem doch eher Bilanzen und Quintessenzen zu erwarten wären?
Interessanter sind die Abschnitte über Balzac, Faulkner, Shakespeare oder Don Quijote, den er jedes Jahr liest. Hier ist Fuentes zwar nicht grundlegend neu, aber jedenfalls anregend. Wenn er über Faulkner sagt, dessen „tragisches Thema“ sei „die Wiederherstellung der geteilten Gemeinschaft“ gewesen, dann verrät er einiges über sich selbst und seine groß angelegte Romanfolge zur Geschichte und Gegenwart Mexikos. Wirklich berührt haben mich einzig die Stellen, an denen Fuentes über seine Familie spricht, über den 1999 verstorbenen Sohn, über die Tochter Natasha, zu der er kein nahes Verhältnis bewahren konnte, und über seine Frauen.
Im November 2004 hat Fuentes auf dem III. Kongress der Spanischen Sprache als „Repräsentant Lateinamerikas“ fungiert. Das mag seinem Ideal vom Kommunikator und Integrator entsprechen. Dass er dort ausgerechnet für Woran ich glaube den Preis der Real Academia Española erhielt, ist angesichts der Untiefen dieses Bandes aber zuviel der Gefälligkeit.

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