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Zum Tod von Jorge Amado

Lebende Tote, Orixás, Schutzheilige und Gottheiten des brasilianischen Candomblé bevölken seine Romane seit Gabriela cravo e canela (1958, dt. Gabriela wie Zimt und Nelken) dem Buch, das Anfang der 60er Jahre zum Bestseller wurde. Gabriela entstand nach dem XX Parteitag der KPD-SU (1956) und der Besetzung Ungarns. In deren Folge übte der „eiserne Stalinist“, wie sich Amado selbst im Rückblick bezeichnete, öffentlich Kritik. Sein Schreiben veränderte sich, weg vom dokumentarisch-biographischen, marxistisch eingefärbten und dem sozialistischen Realismus verpflichteten Stil, der seine erste Schaffensphase seit Cacau (1933) dominiert hatte.
Es gehört zu den Gemeinplätzen der Kritik, Jorge Amado als „politischen Autor“, als „Vertreter des proletarischen Romans“, einer nach Authentizität und Realitätsnähe strebenden Schreibweise einzuordnen. Auch als Regionalist, als nationaler, moderner oder universeller Erzähler, als Biograph Bahias oder Autor exotischer Liebesromane ist er beschrieben worden. All diese Einordnungen greifen aus heutiger Perspektive zu kurz.
Bemerkenswert hingegen ist, dass Albert Camus, sein Freund und Kollege, schon 1939 anlässlich der Veröffentlichung von Bahia de todos os santos (dt. Die Bucht aller Heiligen) die folhetinesken Themen und die Fokussierung auf die Alltagskultur hervorhob. Ferreira Gullar brachte es 1977 auf den Punkt, als er Jorge Amado als „voz da feira“ (Stimme auf dem Markt) charakterisierte. Denn diese Stimme tönt nicht universell, es ist nicht die eines Chronisten oder Biographen, sondern die eines Wir-Erzählers.
Auf der kulturellen Landkarte Brasiliens, wo sich verschiedener Diskurse verflechten, kommt der Stimme Jorge Amados eine Schlüsselrolle zu. Nicht nur die Kultur der Stadt Salvador Bahia, dem Wohnort des Autors, oder von Ilhéus, seinem Geburtsort, sondern die heterogenen Kultur des gesamten Nordostens, des Sertão, der afro-brasilianischen Kulte und des Karnevals hat durch Amado Bedeutsamkeit und Aufmerksamkeit erhalten. Besonders sein 1972 publizierter Super-Folheto-Roman, Tereza Batista cansada de guerra (dt. Viva Teresa), zeigt in seiner oralen Erzähltradition beispielhaft Jorge Amados ganz bewussten Einsatz der Volkskultur. In einer Art oraler Performance wird das Mündliche schriftlich festgehalten und so als kollektiver Alltagsdiskurs und Festagsritual gefeiert. Viva Teresa ist eine Hommage an das populäre Genre des Folheto, der Volksdichtung aus dem Nordosten. Erzählt werden die Geschichten der Gemeinschaft, der Region, des Wunderbaren und der kolonialen Vergangenheit. Das Folheto ist verwandt mit dem Genre der radionovelas, der chanchadas von Theater und Film, und mit der Telenovela. Kein Zufall also, dass sich Amados Texte so gut für Telenovelas eignen.

Kein Nobelpreis für den Bestsellerautor

Große Teile der Literaturkritik haben die Erneuerung von Amados literarischem Projekt Anfang der 70er Jahre außer acht gelassen. Er avancierte weltweit zum Bestsellerautor. Doch für viele Literaturkritiker ist ein Bestseller automatisch trivial. Wahrscheinlich liegt darin der Grund, warum Amado nie den Nobelpreis bekam. Amados politische Interventionen während der Militärregierung (1968-1979) wurden von der Kritik ignoriert, ebenso sein Engagement in ökologischen Fragen in den 70er und 80er Jahren, das sich in Tieta do agreste (1977) und Tocaia grande (1984) manifestiert.
Jorge Amados orale Performance wurde als ausladend, trivial, folkloristisch, als literarisch nicht gelungen angesehen. Diese Haltung verkennt aber ein wesentliches Merkmal des Textes: die Verankerung im kulturellen Raum, Amados Beziehung zur oralen Erzähltradition. Jorge Amado schrieb Viva Teresa Anfang der 70er Jahre aus einem nostalgischen und melancholischen Impuls heraus.

Sprachrohr des Nordostens

Seine Hommage an die Welt der Stimme und des Körpers, an Folheto, Capoeira, Candomblé, Karneval, Cantoria (Sprechgesang), entstand zu einem Zeitpunkt, als der Marginalisierungsprozess der Nordostkultur durch das Modernisierungsprojekt der Militärregierung einsetzte. Vielleicht liegt hier ein Schlüssel zum Verständnis eines Paradoxes jüngster Vergangenheit: der zunehmenden Annäherung zwischen Jorge Amado und Antonio Carlos Magalhães, dem rechts-konservativen heutigen Ex-Gouverneur von Bahia. Dieser verschaffte dem subalternen Bundesstaat Bahia, wenn nicht Gewicht, so wenigstens Gehör in der Hauptstadt Brasilia.
Wie andere bahianische SchriftstellerInnen, MusikerInnen und KünstlerInnen vor und nach ihm ging Jorge Amado als junger Mann nach Rio de Janeiro, um seine literarische Karriere zu beginnen. Als Aktivist und Mandatsträger der KP erlebte er 1937, während des Estado Novo von Getúlio Vargas (1930-1945), die öffentliche Verbrennung seiner Bücher in Salvador als „Werke kommunistischer Propaganda“. 1948, ein Jahr nach dem Verbot der PC und der Verhaftungswelle ihre Mitglieder, übersiedelte Amado mit seiner zweiten Ehefrau Zélia Gattai nach Paris. Dort pflegte er enge Kontakte zu europäischen, US-amerikanischen und lateinamerikanischen Intellektuellen und KünstlerInnen. 1950 wurde er wegen politischer Aktivitäten aus Frankreich ausgewiesen. Die Familie übersiedelte zunächst in die Tschechoslowakei und bereiste verschiedene andere osteuropäische Länder. In Moskau bekam Amado 1954 den Stalin-Preis.
Die allgegenwärtige Präsenz von Gewalt im erzählerischen Diskurs Jorge Amados wird meist als Analyse und Offenlegung der Struktur des sozialen und politischen Lebens Bahias interpretiert. Doch Amado hat kein Interesse an einer Wirklichkeit, die lediglich auf sozio-ökonomischen, rechtlichen und institutionell-parteipolitischen Beziehungen basiert. Amados literarische Darstellung gilt vor allem der anderen, mythischen bahianischen Welt, der Welt der lebenden Toten, der Vergangenheit, der Wunder, der Hoffnung, der Passion, die die Wirklichkeit ergänzt. Die allgegenwärtige Präsenz der Toten, der Orixás, der Heiligen, und ihr Tun bestimmen den Handlungsverlauf, etwa in Viva Teresa. Die Kommunikation zwischen Lebenden und Toten, zwischen Gegenwart und Vergangenheit ist kulturelle Strategie Amados und verweist auf sein besonderes Verhältnis von Tradition, Geschichte und Erinnerung.

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