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Zwischen abgeschoben und aufgehoben

María.“ Sanft rüttelt Krankenschwester Mabel Múñoz die Schultern der Frau, die schmal in sich zusammengesunken am Tisch sitzt. „María, du weißt doch, heute wird nicht mehr gestorben. Das Leichenschauhaus hat schon zu.“ Wie unter großer Mühe hebt María den Kopf. Schwarzes Strubelhaar umrahmt das runde, faltige Gesicht. Sie schaut ungläubig, ertastet zögernd das Gesagte. Dann malt sich ein einfältiges Lächeln auf ihr Gesicht. In den erlöschten Augen glimmt es leicht. Ja, sie versteht. Sie ist gerettet. Heute wird nicht mehr gestorben.
Jeden Tag holt Schwester Mabel María vom Tod ab. Eine kleine Lebenslüge – das Leichenschauhaus hat schon zu. Allerdings weiß Schwester Mabel auch, dass die 40-jährige María mit jedem Tag, den sie hier drin ist, ein kleines Stückchen mehr stirbt. Ein Stückchen mehr abstumpft, ein Stückchen mehr dem Alltag draußen entrissen wird. Und doch ist gerade hier drin ihr Leben gerettet worden, als die Halluzinationen sie fast in den Selbstmord trieben. Eigentlich sollte María nun draußen das Leben leben können, das ihr hier drinnen zurückgegeben wurde. Aber draußen, wo keiner sie mehr will, wo die Familie die irre Mutter aufgegeben hat, würde sie nicht überleben. Hier drinnen aber bleibt vom Leben auf Dauer nur das Warten auf den Tod.
Es ist die ewige, die alte Geschichte. Seit 150 Jahren trägt das neuropsychiatrische Frauenkrankenhaus Braulio A. Moyano sie mit sich herum. Es war der erste Ort für psychisch kranke Menschen in Buenos Aires. Bis dahin liefen sie einfach durch die Stadt, wurden weder verstoßen, noch bekamen sie Hilfe. Dann aber kam das Krankenhaus, das den Wahn heilen sollte. Und wollte. Nur, dass die meisten Patientinnen nie wieder abgeholt wurden. Die Heil- wurde zur Abschiebeanstalt, das Kranken- zum Irrenhaus. Der Ruf hallt nach, der Ruf klingt weiter. Er ist nur schwer zu ändern. ÄrztInnen und PflegerInnen versuchen noch heute umzusetzen, was vor 150 Jahren der Ansatz war – den Patientinnen zu helfen, sie zu heilen. Doch fehlt ihnen, anders als damals, der Rückhalt der Regierung, die nur unzureichend Mittel zur Verfügung stellt. So bleibt dem Personal wenig mehr, als den Stumpfsinn zu verwalten. Die Öffentlichkeit jedoch sieht nur die Verwahrlosung und protestiert lautstark. Ein Ruf, der wiederum von denjenigen politischen und wirtschaftlichen Kräften genutzt und forciert wird, die mit dem wertvollen Grundstück des Krankenhauses spekulieren wollen oder Lobby für Privatkliniken machen und auf Schließung des Krankenhauses drängen. Und dazwischen die Patientinnen, deren Menschenrechte die Öffentlichkeit einfordert und die sie doch nicht haben will – abgeschoben von den Familien, aufgehoben im Moyano.

Das Draußen und Drinnen

Ein Hof. Einige Autos, ein Taxi. Das Leben draußen, das „normale“ Leben. Ein paar Stufen führen zum imposanten Eingang eines Gebäudes, dessen ehemaliger Glanz noch unter dem Grau der Fassade erahnbar ist. Menschen wimmeln herum. An einem Tresen ein Sicherheitsbeamter. Er winkt, ohne groß aufzuschauen, durch. Auf der dem Eingang gegenüberliegenden Seite ein ebenso imposanter Ausgang. Grünes, in Baumkronen gefiltertes Sonnenlicht fällt herein. Eine weitgeschwungene Granittreppe führt aufs Gelände.
„Wir haben hier 1.600 Patientinnen und 330 Schwestern für sechs Schichten. Die Rechnung ist einfach. Auf jedes Haus mit 60 bis 130 Frauen kommen selbst morgens, wenn gewaschen und angezogen werden muss, nur je drei Schwestern. Dann gibt es noch 150 Ärzte und ganze 25 Psychologen. Die Zahlen sprechen ja wohl für sich“, sagt Mario Múñoz und schweigt bedeutungsschwanger. Eingezwängt zwischen Tisch und Wand sitzt der massige Mann in dem engen Raum der Gewerkschaft ATE (Asociación de Trabajadores del Estado). In dem winzigen Kabuff stapeln sich Spruchbänder. Das Telefon klingelt ohne Unterlass. Von den Wänden blicken Juán Domingo Perón und seine Frau Evita, die Ikonen der argentinischen Arbeiterbewegung, über das weitläufige Krankenhausgelände.
„Wir bräuchten hier mindestens doppelt soviel Personal. Aber dieses Krankenhaus wird von der Regierung diskriminiert. Alle vergessen sie die Frauen. Bei psychisch kranken Männern haben sie Angst, dass es Aufstände wie im Gefängnis geben könnte. Drüben im Männerkrankenhaus“, Múñoz weist über die Schulter auf die andere Straßenseite, „haben sie weniger Patienten und mehr Personal. Und wir? Die kranken Frauen wehren sich nicht. Es ist leichter, sie ihrem Schicksal zu überlassen“, sagt der Mann, der seit 21 Jahren nicht nur als Klempner im Moyano zu reparieren sucht, was dringend erneuert werden müsste. Gemeinsam mit der Direktion kämpft Múñoz als Gewerkschaftsführer auch für die elementarsten Sachen, die doch eigentlich Selbstverständlichkeit sein sollten: Unterwäsche für die Patientinnen, Klopapier, Winterkleidung und Schuhe, die Reparatur undichter Dächer, neue Matrazen, genügend Medikamente und vor allem ausreichend Personal. Doch von Seiten der Regierung der Stadt Buenos Aires, verantwortlich für das Krankenhaus, passiert nur wenig. „Den Sekretär für Gesundheit interessiert das Moyano nicht. Es ist viel medienwirksamer, einen neuen Tomographieapparat zu kaufen als 5.000 BHs für neuropsychiatrische Patientinnen. Viele Frauen hier haben keine Schuhe. Würden sich nicht vom Direktor, dem Dr. Néstor Marchant, bis zum letzten Angestellten alle so für das Krankenhaus einsetzen, liefen die Patieninnen seit Jahren nackt herum. Und das Grundstück hatten sie sogar schon als Bauland ausgeschrieben“, sagt Mario Múñoz.

Grundsteinlegung 1854

Das Krankenhaus liegt nur zehn Minuten vom Zentrum von Buenos Aires entfernt. Als 1854 mit dem Patio de los Dementes, dem Hof der Wahnsinnigen, der Grundstein gelegt wurde, waren die psychisch Kranken dem Staat noch diese Erde wert. Auf 17 Hektar entstand auf den Hügeln von Belén eine Stadt innerhalb der Stadt. Frische „Höhenluft“, so der Glaube, sollte bei mentalen Problemen gut tun. In einer eigens angelegten Parklandschaft wurden nach französischem Vorbild 19 hochmoderne Bettenhäuser errichtet, mit Wintergärten, großen Sälen, Aufzügen und Tunneln von einem Haus zum anderen, damit PflegerInnen und Patientinnen bei Regen nicht durch den Garten rennen müssen.
„Dieser lateinische Spruch hier über der Kapelle neben dem Seziersaal zeigt, mit wieviel Respekt vor dem Patienten dieses Krankenhaus einst gebaut wurde. ‚Hier, wo der Tod wohnt, flüstert das Leben’, heißt es da. Es ist ein Dank an diejenigen Personen, deren Körper nach ihrem Tod der Wissenschaft dienten, damit die Lebenden besser behandelt werden konnten. Ihr Landsmann, der deutsche Arzt Christfried Jakob, hat von 1899 bis 1956 hier gearbeitet. Sein ‚Atlas des gesunden und kranken Nervensystems’ ist noch immer wichtiger Bestandteil der neurobiologischen Forschung“, erzählt der Psychiater Dr. Alejandro Palma, während er langsam durch die Schaffensräume Jakobs geht. Meterhohe Vitrinen aus dunklem, edlen Holz stehen voll mit Präparaten von Hirnschnitten. Ein wissenschaftliches Kleinod, das ÄrztInnen aus aller Welt anzieht, dem Verfall preisgegeben. Wellblech schützt notdürftig die Schränke vor eindringendem Regen.
Denn was vor 150 Jahren neuester Stand und nach damaliger Sicht das Beste für die Patientinnen war, erschrickt heute ob seiner heruntergekommenen Antiquiertheit. In den hohen Räumen der Häuser tüncht der Schimmel die Wände grün. Anonym ziehen sich die Bettenreihen durch die Säle. Es riecht durchdringend nach Urin. Irgendwo plärrt ein Fernseher, gekauft von den wenigen Spenden, die manchmal noch von Familienangehörigen kommen. Lange Steintische sind im Essensaal in den Boden gelassen. An den Wänden ringsum Waschbecken, die Wasserhähne verrostet. Geistesabwesend schlurfen die Frauen durch die Gänge. Schwestern und Pfleger sind nicht zu sehen. Und doch funktioniert dieses riesige Krankenhaus nur durch jene unsichtbaren Gemüter, die persönlich alles geben, um ein wenig das wettzumachen, was von Staat, Gesellschaft und Familie den Patientinnen vorenthalten wird. Sie nähen Laken und spenden Kleidung, sie fangen Läuse und malern die Wände, verschieben die Betten, wenn der Regen mal wieder die ganze Station unter Wasser setzt und erfinden da kleine Lebenslügen, wo Therapieprogramme helfen sollten.

Vom Krankenhaus zum Asyl

Langsam schreitet sie mit einem Hündchen an der Leine über die immer gleichen Parkwege. Marta, der Engel der Hunde und Katzen im Moyano. Sie hat sich zurecht gemacht so gut es eben geht mit diesen Hosen, die ihr viel zu kurz sind. Marta versucht, würdevoll zu gehen, den Arm mit der Hundeleine steif angewinkelt. Auf ihrem Gesicht zuckt es manchmal. Marta will von der fremden Besucherin nur eins wissen. “Gibt es in Deutschland auch solche Irrenhäu…” – sie beisst sich auf die Zunge und guckt sich schnell um – “solche neuropsychiatrischen Kliniken, wo die Patienten von den Familien verlassen werden?”
Seit 1991 ist Marta hier. Depression. Sie hätte nicht lange bleiben müssen und versuchte den Schritt nach draußen über eine Tagesklinik. Und dann kam sie doch wieder zurück, “widerwillig, ohne Freude”, sagt sie. “Ohne Arbeit, ohne Wohnung – was hätte ich denn machen sollen? Ich wäre auf der Straße gelandet.” Gedankenvoll tätschelt die 43-jährige den kugelrunden Bauch des Hündchens. “Die bekommt bald Junge. Ich kümmer mich drum. Es macht ja sonst keiner. Weder bei den Tieren noch bei den Menschen.”
“Ich muss oft die traurige Erfahrung machen, eine Familie anzurufen und zu sagen: ‘Señora, ihrer Schwester geht es wieder gut. Sie kann das Krankenhaus verlassen.’ Und dann höre ich: ‘Ah, nein Doktor. Wozu sollen wir sie abholen? Wir haben ja nichteinmal Geld fürs Essen. Wie sollen wir da die Medikamente bezahlen? Behalten Sie sie lieber da’”, erzählt Dr. Alejandro Palma und liefert die Statistik gleich mit. 68 Prozent der Patientinnen verweilen aufgrund sozialer Härten in der Klinik, nicht jedoch, weil die Krankheit es erforderte. Davon sind 13 Prozent im Rentenalter. Dem Rest würde die Obdachlosigkeit drohen. “Wenn sie nicht sozial abgefangen werden, lassen wir die Patientinnen nicht gehen. Solange nicht ausreichend Übergangskliniken geschaffen werden, welche den Frauen die Rückkehr in die Gesellschaft ermöglichen, bleiben sie hier”, beschreibt Palma die Politik des Moyano.
Doch diese Haltung geht in der Öffentlichkeit unter. Was bleibt, ist die Wahrnehmung der Klinik als scheinbar verwahrlostes “Irrenhaus”. Es wird nicht gesehen, dass knapp 600 Patientinnen hier aufgrund ihrer Krankheit medizinisch versorgt werden und die ÄrztInnen nicht nur ein Asyl betreuen. Und dass rund 1.000 Studierende jährlich ihre Medizinerausbildung im Moyano absolvieren. Angeklagt wird nur der desaströse Zustand der Klinik. Als die Regierung der Stadt Buenos Aires nach italienischem Vorbild die psychiatrischen Krankenhäuser verbieten wollte, ging Direktor Néstor Marchant auf die Barrikaden. Die Funktionäre seien ja wohl die eigentlichen Idioten, rief er im Parlament. „Es ist Illusion, neuropsychiatrischen Krankheiten mit der Schließung von Kliniken beikommen zu wollen. Das Argument, dass erst das Krankenhaus die Patientinnen wirklich krank mache, ist doch nur ein Vorwand, an den Grund und Boden des Moyano ranzukommen.“
Mit diesen Worten fing sich Marchant den Ruf des ungehobelten Tyranns ein, der ihm bis heute in der Öffentlichkeit anhaftet. Im Moyano aber lässt das Personal nichts auf ihren Direktor kommen. Als Marchant vor 19 Jahren abgesetzt werden sollte, streikten seine MitarbeiterInnen einen Monat lang. “Ich habe mich oft mit ihm gestritten und angeschrien”, beschreibt Mario Múñoz sein Verhältnis zum jähzornigen Direktor. “Aber ich wünschte, das Krankenhaus hätte zehn solcher Männer, die kein Blatt vor den Mund nehmen”, fährt er fort.

Politik des Mangels

Denn im Moyano geht man davon aus, dass hinter dem Mangel im Krankenhaus eine gezielte Politik steckt, die den Ruf der Klinik derart schädigen will, dass sie geschlossen wird, damit die Immobilie kommerziell genutzt werden kann. Múñoz biegt einen Finger nach dem anderen um, während er aufzählt, wie das Moyano diskriminiert wird und was es in Verruf bringt. “Pro Patient erhalten wir 4,90 Pesos (1,40 Euro) täglich für das Essen, während in anderen Krankenhäusern der Satz bei 11 Pesos (3,15 Euro) liegt. Über Monate ist nicht einmal dieses Geld an die private Cateringfirma überwiesen worden, so dass sie irgendwann die Arbeit sein ließ und wir von einem Tag auf den anderen ohne Essen dastanden. Dann, wie sollen die Patientinnen draußen wieder zurechtkommen, wenn sie nicht einmal die grundlegensten Gebräuche beibehalten können? Die Regierung kauft weder Zahnbürsten noch Zahnpasta. Selbst Klopapier ist rar. Und seit 11 Jahren steht im Budget, dass eine Waschküche mit Waschmaschinen eingerichtet werden soll. Das Geld aber haben wir nie erhalten. Die Waschmaschinen, die es auf dem Gelände gibt, sind mit Spenden von Familienangehörigen gekauft worden. Als die Matrazen ausgewechselt werden mussten, weil sie schon verschimmelt waren, bekamen wir nur Geld für 700 Matrazen. Dann mussten wir unter den 1.600 Patientinnen aussuchen, wer eine neue bekommen durfte und hatten 700 VIP-Patientinnen. Die anderen mussten weiter auf den feuchten Matrazen schlafen …” Mario Múnoz holt Luft, hält inne und winkt resigniert ab.
Und wer trägt nun die Verantwortung, wer die Schuld an diesen Zuständen? Dr. Alejandro Palma sagt überzeugt: “Die ganze Gesellschaft. Erst an dem Tag, an dem sie sagen wird, die Priorität haben Gesundheit und Bildung, wird sich auch das Bewusstsein ändern und werden die Forderungen für die neuropsychiatrischen Patientinnen eine andere Richtung bekommen. Dann wird es nicht mehr darum gehen, sie loszuwerden, wegzusperren oder durch Schließung des Krankenhauses das Problem scheinbar verschwinden zu lassen, sondern dann wird hoffentlich alles daran gesetzt, ihnen den Weg zurück in die Gesellschaft zu ermöglichen.”
Schwester Mabel war weitergeeilt, nachdem sie María noch einmal über den Kopf gestrichen hatte. Die Betten mussten neu bezogen, die Wäsche gewaschen werden, eine Patientin schrie und warf etwas um und bald war ja auch das Mittagessen, das sie zu verteilen hatte. María lächelte noch einen Moment vor sich hin. Heute wird nicht mehr gestorben. Dann sank die Frau wieder in sich zusammen und wartete weiter.

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