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Zwischen CIA und Feuerbällen

Von Peru aus reisen Thomas Kistner und sein Begleiter Georg Schultz Rosenau in die kolumbianische Stadt Leticia im Dreiländereck Kolumbien–Peru–Brasilien, dem so genannten “Weißen Dreieck” auf dem Wasserweg ein. Schon während ihrer Anreise fungieren sie ohne es zu wissen als Drogenkuriere. Angekommen, scheinen bereits einige Personen mit ihrem Auftauchen gerechnet zu haben. Sie bleiben nicht unsichtbar in dieser unzugänglichen Dschungelgegend. Die beiden Journalisten sind mysteriösen Menschenjagden und anderen Verbrechen auf der Spur, an deren Anfang der Zettel eines kolumbianischen Botschafters stand: “Das dunkelste Kapitel unserer Geschichte fand bei Leticia statt.“
Kistner verfolgt zusammen mit Schultz die Spur von Mike Tsalickis, einem griechischstämmigen Amerikaner, der jahrelang als Honorarkonsul der USA in Leticia arbeitete und in der Region für die CIA, sowie im Drogengeschäft tätig war. Warum ließen die CIA und das FBI Tsalickis 1988 plötzlich mit drei Tonnen Kokain im Gepäck auffliegen?

Die Machenschaften der CIA
In den 1970ern hatten Veranstalter von Großwildjagden am Amazonas, darunter auch Mike Tsalickis, für ihre kräftig zahlende Kundschaft auch Jagden auf IndianerInnen organisiert, wie 1982 in einem Prozess in Italien ans Licht gekommen war. Kistner und Schultz erfahren noch mehr: Tsalickis war einer der wichtigsten Verbindungsmänner der CIA in der Region und hatte engen Kontakt zu einem US-amerikanischen Institut für die Erforschung psychoaktiver Pflanzen, das Experimente zur Bewusstseinskontrolle durchführte. Die Machenschaften der CIA treten im Laufe der Recherchen in der Amazonas-Region immer deutlicher zu Tage: Sie selbst unterhielt in den 1950ern und 60ern ein weitangelegtes Projekt zur Bewusstseinskontrolle. Später legte die CIA durch ihre Rolle sowohl im Kampf gegen die FARC als auch im Drogengeschäft die Fundamente für die spätere Implementierung des Plan Colombia. Die Spur der beiden Journalisten führt über “Agent Orange”-Versuche, christliche Sekten und die Rolle des Ex-Fujimori-Beraters Montesino im Drogengeschäft. “Die Region war ein Tummelplatz der amerikanischen Militärs in Verbindung mit kolumbianischen Autoritäten – und ist es noch immer,“ so Kistner.

“Kopfabschneider” und “Feuerbälle”
Vom Erschütterndsten wird erst am Ende des Buches berichtet: Immer wieder erzählen die AmazonasbewohnerInnen von FischerInnen, IndianerInnen, die mit abgetrenntem Kopf und ihrer inneren Organe beraubt aufgefunden werden. Von mehreren Seiten wird über Angriffe der “cortacabezas“ (“Kopfabschneider”) und der “Feuerbälle“ berichtet, mysteriösen lautlosen Flugobjekten, die sich nachts ihren Opfern nähern und mit einem starken Scheinwerferstrahl auf sie leuchten. Die indigenen WaldbewohnerInnen berichten von ihrer großen Angst: sie gingen schon lange nicht mehr alleine in den Wald und verließen abends kaum noch ihre Siedlungen. Offizielle Stellen geben dazu nur dünne Dementi ab. Recherchen lassen Kistner vermuten, dass hier Drohnen im Einsatz sind, wie zum Beispiel auch im Kosovo-Krieg. Unklar bleibt, ob ein Zusammenhang zum vermuteten Organraub besteht. Leider erhalten die LeserInnen darüber keine Informationen mehr. Das Phänomen der “cortacabezas“ und seine Hintergründe kann von Kistner und Schultz nicht mehr aufgeklärt werden. Nach unmissverständlichen anonymen Drohungen müssen sie die Region verlassen: “Zurück blieb ein Gefühl der Unwirklichkeit. Näher durfte man nicht ran.“

Zwischen Polit-Thriller und Reality-TV
In einer sehr persönlichen Reportage berichtet Kistner von seinen Ermittlungen; mal rasant, mal nachdenklich erzählt. Auch der eigene Heldenmut und die eigenen Schwierigkeiten bei ihren Flussreisen in jener völlig unzugänglichen Region der amazonischen Wälder kommen nicht zu kurz. Es ist ein Bericht zwischen Polit-Thriller und Enthüllungsreportage mit der dazugehörigen Portion Nervenkitzel und Voyeurismus. Bei dem ein oder anderen erzählten Vorfall bleibt bei den LeserInnen jedoch das Gefühl zurück, dass dieser lediglich der Sensation wegen erwähnt wurde und in nur losem Zusammenhang mit den eigentlichen Fragen steht.
Eingeleitet wird jedes Kapitel durch drei oder vier Zitate, Nachrichtenmeldungen von namhaften Zeitungen oder Agenturen, Aussagen Beteiligter, Pressemitteilungen von Greenpeace, attac und amnesty international, die den Leser/die Leserin immer wieder daran erinnern, dass es sich hier nicht um Fiktion, sondern um reale Vorkommnisse handelt. Kistner konfrontiert seine Leserschaft mit Versuchen, eigentlich unglaubliche Unmenschlichkeiten zu begreifen. Hierbei gelingt es ihm gut, die gedrückte Stimmung am oberen Amazonas einzufangen und darzustellen. Er verarbeitet die Erlebnisse und Ermittlungen von mehr als einer Reise, die ihn und Schulz seit Anfang der achtziger Jahre immer wieder ins amazonische Dreiländereck führten.

Irritationen
Irritierend ist jedoch, dass diese wie eine einzige Reise dargestellt werden. Außerdem tun Begriffe wie “Halb-Blut“ und die Tatsache, dass der lateinamerikanische Nachrichtendienst Poonal wiederholt als “Poona“ bezeichnet wird, der spannenden Reportage einen kleinen Abbruch.
Letztendliche Zusammenhänge kann das Buch nicht klären. Doch es spürt Fährten krimineller Machenschaften auf höchster Ebene auf und vermittelt die Stimmung einer Region, die seit über 40 Jahren ein Experimentierfeld des US-amerikanischen Militärs ist.

Thomas Kistner: Die Toten von Leticia. Organraub, Kokainschmuggel und Menschenjagd am Amazonas. DVA, München 2003, 272 Seiten, 19,90 Euro.

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