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Editorial Ausgabe 288 – Juni 1998

„Buenos Días, Argentina“, wer kennt noch diese unsägliche Schnulze aus den goldenen Kehlen unserer Jungs und Udo Jürgens? Von diesem fernen Land, wo der Río de La Plata rauscht, Gauchos reiten, die Guitarre singt und das Band der Harmonie uns verbindet? Vier Jahre zuvor sangen sie noch, daß Fußball ihr Leben sei und wurden damit Weltmeister. Warum sollte das 1978 anders sein. Schließlich hat Sport ja nichts mit Politik zu tun.
„Die WM mit ihren 35.000 erwarteten Touristen und den mehr als 1,5 Milliarden Fernsehzuschauern hilft dem Ansehen Argentiniens mehr als Hunderte von politischen und diplomatischen Erklärungen,“ verkündete der Vorsitzende des argentinischen WM-Organisationskomitees, Brigadegeneral Antonio Merlo, Ende 1977. Donnerwetter: Sport hat was mit Politik zu tun!
Wenn im Juni in Frankreich das Eröffnungsspiel angepfiffen wird, jährt sich die Mundial 78 zum zwanzigsten Mal. Der Jahrestag wird den Medien kaum Anlaß zu kritischer Betrachtung sein. In Deutschland verbreitet man über das Sportliche bei dieser WM ohnehin gerne Schweigen, schossen uns doch ausgerechnet die Österreicher aus dem Tunier, und der Deutsche Fußballbund DFB wird auch nicht gerne an seine damalige Rolle erinnert.
Die Militärs hatten sich am 24. März 1976 gerade an die Macht geputscht, schon stand zwei Tage später der damalige DFB-Präsident Hermann Neuberger in seiner Eigenschaft als Vizepräsident des Weltfußballverbandes FIFA und Chef des WM-Organisationskomittees bei ihnen auf der Matte. Neuberger war schon lange unzufrieden mit den Vorbereitungen Argentiniens und sah in den neuen Machthabern die letzte Chance: „Ich habe denen gesagt, daß sie acht Tage Zeit haben, daß ich inzwischen herumreise und mir alles ansehe und dann wissen möchte, was die Regierenden sagen.“ Die Militärs ließen sich die Chance nicht entgehen.
Durch das Bekanntwerden der Greueltaten der argentinischen Junta formierte sich weltweit Protest an der Militärherrschaft. Die WM im eigenen Land rückte das Regime zusätzlich ins Rampenlicht. Ende 1977 beschloß eine Gruppe von Soldaritätskomitees den Protest in der deutschen Öffentlichkeit voranzutreiben. „Argentina 78: Fußball ja – Folter nein,“ lautete die Losung der Kampagne. Gefordert wurde nicht der Boykott der WM, sondern das genaue Hinsehen auf die argentinischen Verhältnisse. Die Kampagne entwickelte sich zu einem der erfolgreichsten Projekte der Solibewegung der 70er Jahre, zumindest in Hinblick auf die Erregung öffentlicher Aufmerksamkeit und Ärgernis. Kein Sender, keine Zeitung kam um das Thema herum. Am Ende unterstützen über 300 Gruppen die Forderungen der Kampange: Aufnahme von 500 ArgentinierInnen durch die Bundesrepublik, die Veröffentlichung einer Liste der politischen Gefangenen durch die argentinische Regierung sowie eine unabhängige internationale Untersuchung aller argentinischen Gefängnisse und Lager.
Der Grund für den Erfolg lag im Boykottverzicht. Kein Spieler, kein Funktionär, kein Politiker konnte sich auf die simple Formel zurückziehen, wonach ein WM-Boykott nichts nutzen würde oder am Ende gar die Falschen träfe. Die Bundesregierung erklärte sich bereit, 500 politische Gefangene aufzunehmen, und Spieler und Funktionäre mußten sich gefallen lassen, öffentlich zur Situation in Argentinien Stellung zu beziehen. Dabei kam nicht nur dümmliches Gestammel zutage. Neuberger jedoch blieb sich treu und meinte zum lateinamerikanischen Demokratieverständnis: „Die werden ab und zu nur mal wieder wachgerüttelt in Richtung gesundem Demokratie-Empfinden, wenn sie vorher vom Weg abgekommen sind.“
Zwanzig Jahre später geht es ohne Protest zum großen Kick. Unsere NachbarInnen muß auch kein DFB-Chef belehren. Die hatten bei den letzten Parlamentswahlen voll durchgezogen – gegen die Konservativen.

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