Taxi-Parteien als politische Normalität

Die idealisierte costa-ricanische Selbstwahrnehmung einer egalitären Gesellschaft hat ihre historische Kraft verloren und den wahren sozialpolitischen Zustand des Landes offengelegt: rapide steigende Lebenshaltungskosten, ein Gesundheitswesen in akuter Not und ein Bildungssystem, das von Generation zu Generation im regionalen wie globalen Vergleich weiter abrutscht. Zudem wächst im Land das Gefühl einer systemischen Ungerechtigkeit, denn obwohl sich die Wirtschaftslage zu verbessern scheint, wächst die Einkommens- und Vermögensungleichheit.
Präsident Rodrigo Chaves hat im Verlauf des Jahres seinen Regierungsposten genutzt, um Unwahrheiten, Halbwahrheiten und aus dem Kontext gerissene Informationen zu verbreiten. Oppositionsabgeordnete werfen ihm vor, weiter „Brücken zu sprengen“ – also Kommunikations- und Verhandlungskanäle zu zerstören – und die Ressourcen des Präsidentenamtes für „billige politische Propaganda“ zu missbrauchen.
Diese Kritik fällt in eine Zeit, in der die Regierung die Haushaltsmittel für Schulen und das System der Primärversorgung drastisch gekürzt hat. Die Abgeordnete Sonia Rojas von der Mitte-Rechts-Partei PLN kritisierte etwa, dass das Stipendienprogramm für Grund- und Sekundarschüler*innen zwischen 2021 und 2024 um fast 100.000 Stipendien geschrumpft sei. Entsprechend wenig überraschend ist der Befund der Opposition: Die Einkommensungleichheit hat nicht ab-, sondern zugenommen – selbst nach Steuern und Sozialabgaben, wie der Gini-Koeffizient (wirtschaftlicher Indikator für die Ungleichheit eines Landes, Anm. d. Red.) zeigt.
Hinzu kommt eine erschütternde Welle von Gewaltverbrechen, ausgelöst durch die Überschneidung geopolitischer und wirtschaftlicher Faktoren. Costa Rica ist zunehmend ein Knotenpunkt des regionalen Drogenhandels – mit verheerenden Folgen: 2023 verzeichnete das Land die höchste Mordrate seiner Geschichte, gefolgt von 2024. Auch 2025 scheint sich der Trend fortzusetzen: Bis Anfang Oktober gab es über 700 Fälle und Prognosen gehen von bis zu 900 Morden im Jahresverlauf aus.
Die Regierung reagierte bislang kaum. Präsident Chaves kommentiert lapidar, das Land erlebe „einen Krieg zwischen bewaffneten Banden, die sich gegenseitig töten“. Tatsächlich hat seine Administration die Überwachung der Küstengebiete geschwächt und sich über weite Teile des Jahres geweigert, Sonderbudgets für die öffentliche Sicherheit freizugeben.

Wahlkampf und politische Angebote

Das Oberste Wahlgericht (TSE) hat offiziell den Wahlkampf für die Präsidentschafts- und Parlamentswahlen am 1. Februar 2026 eröffnet. Das Wählerverzeichnis umfasst 3,7 Millionen Bürger*innen. Doch laut der jüngsten Umfrage des Forschungszentrums CIEP der Universität Costa Rica (UCR) verfügen 70 Prozent der Befragten weder über politische Bindung noch zeigen sie Sympathie für irgendeine Partei. 20 Parteien wurden offiziell zugelassen – das verhindert praktisch einen Sieg in der ersten Runde. Rund 26 Prozent der Befragten geben zudem an, „überhaupt kein Interesse“ am Wahlprozess zu haben. Ein Monat zuvor hatte das CIEP zudem erwiesen, dass knapp 20 Prozent der Befragten „überhaupt nicht“ wählen gehen würden.
Als Beweis dieser Symptome hatte sich das Regierungsbündnis von Rodrigo Chaves kurz nach seinem Amtsantritt aufgelöst. Die Partei, die ihn in sein Amt gebracht hat, existiert nur formal, denn sie ist programmatisch untrennbar von der Opposition. Chaves politische Nachfolgerin Laura Fernández, vom Umfeld des Präsidenten ausgewählt, gründete eine neue Koalition aus fünf Parteien – von der inzwischen nur noch zwei übrig sind.
Außer Fernández stehen noch Álvaro Ramos von der PLN und Ariel Robles vom Linksbündnis Frente Amplio in der Öffentlichkeit als potenzielle Konkurrenz. Die beiden landen aber laut den jüngsten Umfragen jeweils unter 10 Prozent. Was in den Hintergrund rückt: Ideologische Positionen werden wenig diskutiert, denn die Top drei Parteien stehen für völlig unterschiedlich staatliche Einstellungen.

Parteiflut und politische Apathie

Bemerkenswert: Laut CIEP beklagen 45 Prozent der Befragten, dass es „zu viele Parteien“ gebe, während über 20 Prozent die Vielzahl schlicht gleichgültig lässt. Die wachsende Parteiflut spiegelt somit eher politische Apathie als demokratische Vielfalt wider. Der CIEP-Bericht spricht von einer „Normalisierung politischer Fragmentierung“. Doch die Realität zeigt: Hinter den Parteilabels stehen kaum differenzierte Programme – vielmehr dienen sie als Vehikel für politische Karrieren. Das Beispiel von Chaves und seiner Nachfolgerin Fernández illustriert das deutlich. Der in costa-ricanischem Kontext bekannte Spruch verwirklicht sich: Taxi-Parteien seien die herrschende parteipolitische Normalität (Taxi-Parteien haben keine klare Ideologie, sie dienen in erster Linie dazu , bestimmte Personen an die Macht zu bringen, Anm. d. Red.).
Mehr als die Hälfte der Bevölkerung (rund 55 Prozent) weiß laut CIEP-Umfrage noch nicht, wem sie ihre Stimme geben wird. Traditionell zeigt sich in Costa Rica zudem ein bekannter Trend: das „Stimmenbrechen“ – also die Wahl unterschiedlicher Parteien auf Präsidial- und Parlamentsebene. Die Vielzahl ähnlicher Parteinamen und -farben macht diese Entscheidung zusätzlich unübersichtlich.

Desinformation und andere politische Probleme

Zu den strukturellen Herausforderungen kommt eine juristisch-administrative Krise hinzu. Zum ersten Mal in der Geschichte der Zweiten Republik wurde gegen einen amtierenden Präsidenten ein Verfahren zum Entzug der Immunität eingeleitet – wegen mutmaßlicher Korruptionsdelikte auf mehreren Ebenen. Zwar stimmte das Parlament mehrheitlich zugunsten von Chaves, doch die Ermittlungen sind lediglich vertagt, nicht aufgehoben. Plan des Regierungsapparates sei, den Präsidenten noch nach seiner Amtszeit wieder als Minister anzustellen, sodass jegliche Vorwürfe noch länger abgehalten werden müssen.
Der Präsident nutzte den Vorgang geschickt, um sich als Opfer einer „politischen Verfolgung“ zu inszenieren. In seinen regelmäßigen Pressekonferenzen attackiert er seither die Opposition, kritische Medien und sogar das Wahlgericht TSE – eine der stabilsten Institutionen Lateinamerikas. Die daraus entstandene Welle von Memes und Online-Kampagnen gegen das TSE zwang die Behörde, ein Verfahren wegen „politischer Agitation im Amt“ einzuleiten. Insgesamt zählt das Gericht mittlerweile 15 potenzielle Verstöße und beantragte im Parlament erneut die Aufhebung der Immunität des Präsidenten. Die stellvertretende Kongresspräsidentin Vanessa de Paul Castro Mora, Mitglied der Mitte-Rechts-Partei PUSC, forderte eine zügige Verhandlung noch vor Jahresende – ein Vorhaben, das angesichts der politischen Spannungen allerdings kaum Aussicht auf Erfolg hat.
Gleichzeitig erschüttert ein weiterer Skandal die politische Landschaft: Ein ehemaliger Sicherheitsminister – zugleich früherer Leiter mehrerer Strafverfolgungsbehörden – steht wegen mutmaßlicher Verbindungen zum Drogenhandel vor Gericht und soll an die USA ausgeliefert werden. Er selbst spricht von kriminellen Netzwerken in den Reihen des Staates.
Wie auch immer die Prozesse ausgehen – sie werden die politische Zukunft Costa Ricas nachhaltig prägen. Präsident Chaves wird die verbleibenden Monate seiner Amtszeit wohl weiterhin dazu nutzen, Institutionen und Kritiker*innen öffentlich anzugreifen. Die kommenden Monate könnten zum Prüfstein werden: Besteht Costa Ricas demokratische Identität diese Bewährungsprobe oder zeigen sich die einst tiefen Wurzeln der Demokratie bereits brüchig?


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// Gegen die Desinformation

Journalismus hat den Anspruch, mit Worten von der Realität zu erzählen und sie abzubilden. Stattdessen missbrauchen vor allem rechtspopulistische Politiker*innen und ihre Kompliz*innen Worte zur Desinformation und Manipulation von Tatsachen. Wenn wir etwa nach Ecuador blicken und dort das protestierende Volk als Terroristen bezeichnet wird, hat das mit Realität nichts zu tun. Wenn Donald Trump lateinamerikanische Migrant*innen pauschal als Mitglieder von Drogenkartellen brandmarkt und die oft brutal vorgehenden Mitarbeiter*innen der Polizei- und Zollbehörde ICE als Opfer der Antifa hinstellt, so verdreht er die Tatsachen bewusst. Als Nayib Bukele dieses Jahr erklärt hat, es gebe in El Salvador keine Umweltverschmutzung durch Bergbau, war dies falsch. Wenn Javier Milei im September behauptet hat, seine Regierung sei diejenige, die die staatlichen Universitäten mit den meisten Mitteln ausgestattet habe, so ist tatsächlich das Gegenteil der Fall.
Dies sind nur Beispiele, die Liste der Tatsachenverdrehungen ließe sich lange fortsetzen. Wer wen mit welchen Worten bezeichnet, zeigt letztlich oft mehr die politische Einstellung der Sprecher*innen als die Realität. So können Worte Menschen ausschließen. Einige der besonders betroffenen Gruppen sind Migrant*innen, LGBTIQ-Personen und politisch Andersdenkende. Wenn Aktivist*innen die Stimme erheben, bezahlen sie unter Umständen mit ihrer Freiheit, wie derzeit die kolumbianische Friedensaktivistin Jani Silva, und oft auch mit dem Leben.
Bei der Verunglimpfung politisch unbequemer Menschen und Gruppen kommt heute oft künstliche Intelligenz (KI) zum Einsatz. Sie verändert die Lebenswirklichkeit vieler Menschen in Lateinamerika und weltweit, mit Chancen und Risiken. Vermutlich wird es künftig immer schwieriger werden, zwischen KI-generierten Inhalten und der Realität zu unterscheiden.
Das ist gerade für verantwortungsbewusste Journalist*innen eine Herausforderung. Sie werden häufig angegriffen, denn sie sind diejenigen, die sich der Aufgabe stellen, der Desinformation entgegenzuwirken und damit die manipulativen Strategien der Mächtigen zu durchkreuzen. Manche Regierungen erklären heute der Presse geradezu den Krieg: Mileis Slogan „Wir hassen Journalisten nicht genug“ und ähnliche in Trumps MAGA-Bewegung beliebte Sprüche bringen dies auf den Punkt. In Argentinien machte vor kurzem die Verbreitung eines KI-generierten Videos Schlagzeilen, dessen gefälschte Bilder der oppositionellen Journalistin Julia Mengolini Geschlechtsverkehr mit ihrem Bruder unterstellten. Milei befeuerte die Trollattacken auf die Journalistin massiv und machte sich in den sozialen Medien über sie lustig. Im August erhob ein Staatsanwalt deswegen Anklage gegen Milei und mehrere der Regierung nahestehenden Personen, darunter Influencer*innen und Funktionäre.
Als eines der gefährlichsten Länder für Journalist*innen weltweit gilt hingegen Mexiko, auf das mehr als 30 Prozent der weltweit rund einhundert als verschwunden geltenden Journalist*innen entfallen. Darunter sind auch José Antonio García Apac und María Esther Aguilar Cansimbe, deren Schicksal wir in dieser Ausgabe nachzeichnen. Der Staat trägt in Mexiko Verantwortung für das Verschwinden von Journalist*innen, während das Justizsystem nicht in der Lage ist, solche Fälle aufzuklären. Für uns bei den Lateinamerika Nachrichten sind all diese Entwicklungen ein Ansporn, der Desinformation immer wieder etwas entgegenzusetzen. Zum Glück können wir ohne Bedrohungen wie in Mexiko arbeiten und die Zukunft der Zeitschrift ist lediglich von sinkenden Abozahlen bedroht. Wir bemühen uns daher, das Überleben der Zeitschrift zu sichern, um euch beziehungsweise Ihnen auch weiterhin langfristig kritische, solidarische und unabhängige Berichterstattung zu aktuellen Ereignissen und Hintergründen in Lateinamerika zu liefern. Im Rahmen unser nun angelaufenen Abokampagne wollen wir 200 neue Abonnentinnen werben – erst 8 Prozent davon sind erreicht. Bitte helft uns beziehungsweise helfen Sie uns, dieses Ziel gemeinsam zu erreichen!


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“FREI WIE EIN TIER”

Doctor Krápula rockt´s jetzt: Rechts der Keyboarder Sergio Acosta (Foto: Doctor Krápula)

In euer Musik transportiert ihr oft politische Botschaften. Nun ist „Animal“ (Tier) schon das achte Album von Dr. Krápula. Was steckt hinter dem Titel?
Wir wollten das Album so nennen, weil wir das erste Mal frei waren von vielen Dingen, frei von Managern und einem Label, frei das zu sagen was wir schon immer sagen wollten. „Animal“ gab uns die Freiheit, Wut, Freude, Liebe auszudrücken. Obwohl wir früher schon über Politik gesprochen haben, wollten wir uns von alten Bindungen lösen und machen jetzt die Musik, die uns am besten gefällt.
Es ist ein Album mit lateinamerikanischen Einflüssen, aber auch das bisher rockigste von Dr. Krápula. Wir fühlen uns komplett frei, den Rock zu machen, den wir schon immer machen wollten. Das erste Lied handelt davon, die Krallen auszufahren und beschwört Eigenarten verschiedener Tiere. Es motiviert weiterzumachen, weiter zu arbeiten und zu kämpfen – letztlich, frei wie ein Tier zu sein.

Wie lange habt ihr an dem Album gearbeitet?
In zwei Wochen haben wir das Album komponiert, in einer Woche produziert und in vier Tagen aufgenommen. In weiteren zwei, drei Wochen haben wir es gemixt und gemastert. Alles lief sehr schnell. Trotzdem war es sehr interessant, weil wir direkt die ganze Band aufgenommen haben. Es gab nur drei Aufnahmen und was dabei rauskam, blieb. Obwohl wir mit unserem Album „Viva el Planeta“ schon etwas Ähnliches ausprobiert haben, ging mit „Animal“ alles noch schneller. Wir sind sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Unser Toningenieur ist ein sehr experimentierfreudiger Mensch. In dem Prozess wurde er zum sechsten Mitglied der Band, der Effekte während der Aufnahmen dazu mischte.

Du hast gesagt, „Animal“ sei das bisher rockigste Album. Was hat euch dazu motiviert, eure bisherige musikalische Prägung zu überdenken?
Durch die Musik, die Touren – gerade beeinflusst uns am meisten die Rockmusik. Auch mit elektronischen Klängen haben wir experimentiert. Unser letztes Album, „Amazonas“, thematisierte den Umweltschutz. Dadurch wollten wir die indigenen Gemeinden des Amazonas sichtbar machen. Als wir damit begannen, haben wir mit elektronischer Musik, stark verzerrten Gitarren und Pop experimentiert. Wir wollten nicht wie eine Band von Hippies klingen – auch wenn wir das im Herzen wahrscheinlich sind. Gleichzeitig wollten wir aber auch den Bergbau in Kolumbien thematisieren, die Häfen und Straßen, die einen großen Teil des Regenwaldes zerstören. Für uns war es sehr wichtig, dass diese Botschaft ankommt und dass die Leute uns dennoch nicht als eine Gruppe stigmatisieren, die linke pseudo-intellektuelle Diskurse hält, aber nichts bewegt.  Die Aufmerksamkeit liegt auf den Texten, deshalb haben wir uns entschieden, Balladen zu machen, und elektronische Musik, Musik, die jeden erreicht.

Die Songs hat das Pantera Kollektiv geschrieben. Wer ist alles Teil davon?
Das Pantera Kollektiv besteht aus jungen Musikern. Wir wollten, dass sie ihre Sicht mitteilen und haben sie in die Komposition der Songs eingebunden. Im Kollektiv entstanden Ideen, die wir dann als Band gemeinsam weiterentwickelt und schließlich zu Musik gemacht haben.

Im Video zu dem Lied „Democracy“ erscheint neben anderen auch der deutsche Rechtspopulist Björn Höcke. Beschäftigt euch die Entwicklung rechter Gruppen in Deutschland und Europa?
Die politische Situation weltweit erscheint uns total absurd. Wir wollten die Zunahme populistischer Strömungen parodieren. Gleichzeitig erscheint uns auch absurd, dass die Menschen die Aussagen der Politiker kaum zu hinterfragen scheinen. Das passiert in vielen Ländern, neben dem deutschen rechten Politiker erscheinen in dem Video daher unter anderem auch Álvaro Uribe (ehemaliger Präsident Kolumbiens, Anm. d. Redaktion), Putin und Donald Trump. Letzterer ist wahrscheinlich der verrückteste Mensch, der die USA je regiert hat. Es gibt viele Menschen, die nicht merken, dass die Versprechen dieser Populisten auf Lügen basieren. Leider glauben viele nur an die vermeintlichen Wahrheiten, die sie im Fernsehen oder in den Sozialen Medien wahrnehmen. In dem Song heißt es daher: „Die Demokratie ist ein Fest, aber nicht für alle“.

In 19 Jahren hat Dr. Krápula acht Alben veröffentlicht, in denen ihr mit verschiedenen lateinamerikanischen Stilen experimentiert habt. Wie hat sich die Band und die Musik über die Zeit verändert?
Es war sehr schwierig, wir brauchten viel Durchhaltevermögen und Hartnäckigkeit. Es gibt Kolumbianer, die 500 Euro für ein Konzerticket für Bands wie die Rolling Stones oder Guns N’ Roses ausgeben. Gleichzeitig hören aber nur wenige kolumbianischen Rock. Wir sind immer gegen den Strom geschwommen. In Kolumbien sind wir mittlerweile sehr bekannt, weil wir durchhalten, eine Botschaft haben und einen Traum verfolgen. Wir haben Ska, Reggae, Dance Hall, Rock und Balladen gespielt, aber sind immer zum Rhythmus des Ska zurückgekehrt. Von dieser Basis ausgehend haben wir experimentiert. Die Musik ändert sich so schnell und wir wollen offen für alles sein. Die Transformation der Musik von Dr. Krápula war ein natürlicher Prozess.

Ihr habt euch bei eurem letzten Album „Amazonas“ auch sozial engagiert – was genau habt ihr unternommen?
„Amazonas“ war ein Projekt, an dem viele Künstler beteiligt waren: Manu Chao, der Sänger von Ska-P, der Drummer von Caifanes, die Band Aterciopelados. Außerdem verschiedene Fotografen, Grafiker, Graffiti-Künstler. Das Albumcover zeigt einen Jaguar und wurde genauso wie unser Bandlogo von dem  Graffitikünstler Guache entworfen.  Das an dem Album beteiligte Kollektiv hat außerdem ein Projekt mit der Stiftung Terranova (Neue Welt) im Amazonas begründet. In Leticia haben wir ein Konzert gespielt, aber auch eine fahrende Bibliothek unterstützt – ein Boot voll mit Büchern, das von der indigenen Bevölkerung genutzt wird.

Im vergangenen Jahr wurdet ihr vom kolumbianischen Kongress mit dem Orden Simón Bolívar ausgezeichnet. Was bedeutet euch der Preis?
Das war eine Auszeichnung für unsere Bemühungen im Umweltschutz und das soziale Engagement. Wir sind keine Fans von Auszeichnungen, deshalb haben wir nicht die Band. Aber eine so wichtige Auszeichnung ist schön, es ist eine Wertschätzung für das was wir machen.

In Kolumbien wurde im letzten Jahr ein Friedensabkommen zwischen der Regierung und den Bewaffneten Revolutionären Streitkräften (FARC) unterzeichnet, am 1. Juni soll die Entwaffnung der Guerilla abgeschlossen sein. Wie seht ihr die aktuelle Situation im Land?
Wir wurden von den FARC eingeladen, in der Yarí Ebene bei ihrer letzten Konferenz als Guerilla ein Konzert zu spielen. Bei der Versammlung ging es um die Integration der FARC-Kämpfer in die Zivilgesellschaft (am selben Tag, dem 27. September 2016, unterzeichneten die Delegationen der FARC und der Regierung das Friedensabkommen; Anm. d. Red.). Wir wollten Bewusstsein dafür schaffen, dass man akzeptieren muss, um zu vergeben. Vergebung und Akzeptanz, damit die FARC sich in die Gesellschaft integrieren können. Für uns war es schön, an diesem Prozess beteiligt zu sein und wir hoffen, dass sich der Frieden auf die bestmöglichste Art verwirklichen wird.

Was war euer Eindruck von der Guerilla?
Was dir das Fernsehen zeigt unterscheidet sich sehr von dem, was man erfährt, wenn man direkt mit den FARC Kämpfern spricht. Für mich war es sehr beeindruckend, dass die Guerilla eine klassische Sinfonie mit einem Chor aufführte. Die Leute dort sind sehr gut darüber informiert, was vor sich geht, und sehr an Kultur interessiert. Es ist unglaublich, dass die FARC selbst an Orten wie der Yarí Ebene einen Wert auf kulturelle Darbietungen legen – vor allem wenn man bedenkt, dass der Zugang zu solchen Veranstaltungen selbst in den Städten oft beschränkt ist.

Besitzt Dr. Krápula eine politische Agenda?
Wir wollten nie Musik machen, um eine bestimmte Politik zu vertreten. Aus der persönlichen Erfahrung heraus haben wir aufgehört, uns links zu positionieren. Es kann schon sein, dass die Ideale der Band oder das, was wir über die aktuelle Situation denken, in das linke Spektrum gehören, aber das ist nicht unser Ziel. Für uns ist es wichtig, Menschen zu sein, die Natur zu schützen. Wir wollen, dass den Menschen bewusst wird, dass sie ein Teil dieser Welt, aber nicht deren Besitzer sind – und dass wir den Planeten und die Tiere schützen müssen. Uns steht es nicht zu, irgendetwas zu zerstören und wir müssen uns als Menschen lieben und respektieren, das war immer unsere Botschaft.


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