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„Besetzen, produzieren, verteidigen!“

Die Bewegung der besetzten Fabriken ist aus der Not der Menschen geboren, die durch die Wirtschaftskrise ihre Arbeitsplätze verloren hatten, als Unternehmen zahlungsunfähig wurden. Wie kam es zur Besetzung der IMPA und wie ist die Kooperative heute organisiert?

Die Geschichte der Besetzung der IMPA unterscheidet sich insofern von den anderen Fabrikbesetzungen, als dass sich hier nicht ein Fabrikbesitzer aus dem Staub machte, sondern eine frustrierte und bankrotte Kooperative – obgleich de facto hierarchisch geführt – aufgab. Ich stieß damals aus den Gewerkschaftskämpfen zu den Arbeitern, die die IMPA besetzten. Nachdem wir die Fabrik erfolgreich gegen die staatlichen Autoritäten verteidigt hatten, eröffneten wir sie mit anderen Spielregeln wieder. Eine der wichtigsten Veränderungen betrifft die Häufigkeit von Betriebsversammlungen. Während das Gesetz eine pro Jahr vorschreibt, halten wir eine pro Monat ab und treffen Entscheidungen im Kollektiv. Ein weiterer Unterschied ist, dass heute alle Mitarbeiter vollen Zugang zu jeglicher Information über das Unternehmen haben.

Was und wie wird heute in der IMPA produziert?

Wir stellen in der IMPA alle möglichen Aluminiumprodukte her. Unser Prinzip für die Produktion ist, dass wir niemals Verluste machen dürfen. Wenn es sich für uns nicht mehr rentiert, ein bestimmtes Gut zu produzieren, stellen wir die Produktion davon ein. Neu ist, dass wir unsere Produkte aus Aluminiummüll herstellen. Als die Kooperative noch von Ingenieuren geleitet wurde, hieß es, es wäre nicht möglich, recyceltes Aluminium zu verwenden. Und so wurde sehr teuer reines Aluminium eingekauft . Wären wir weiter so verfahren, hätten wir aus Kostengründen längst dicht machen müssen. Zu lernen, mit recyceltem Material zu produzieren, ist also ein Resultat der Krise.

Gibt es im Bereich der Produktion Kooperationen mit den anderen besetzten Fabriken oder beschränkt sich die Zusammenarbeit auf politische Diskussionen?

Was die Produktion betrifft, arbeiten wir nicht in einem Netzwerk zusammen. Im Großen und Ganzen produzieren wir alle einzeln für den Markt. Im politischen Kampf jedoch kommen wir zusammen– und das sind nicht nur Diskussionsrunden! Der gemeinsame Nenner der Bewegung ist der Grundsatz, dass alle neuen Fabrikbesetzungen und alle besetzten Fabriken, die vom Staat angegriffen werden, von allen Compañeros der Bewegung verteidigt werden. „Besetzen, produzieren, verteidigen!“ – das ist unser politischer und ethischer Grundsatz. Ohne die gegenseitige logistische und politische Unterstützung und Mobilisierung könnte keine Fabrik besetzt oder als solche aufrechterhalten werden.

Das besondere der IMPA ist, dass die Fabrik neben ihrer Funktion als Produktionsstätte auch ein Kulturzentrum ist. Welches waren die Überlegungen, als aus der Fabrik auch ein Kulturzentrum gemacht wurde?

Produkte aus Aluminium herzustellen hat uns einfach nicht gereicht. Deswegen sagten wir uns: Lasst uns ein Kulturzentrum machen – eine Ideenfabrik, um das Gesellschaftssystem in Frage zu stellen. Die Erfahrungen von Selbstbestimmung und demokratischen Partizipationsformen im Alltag der Kooperative sollten dazu genutzt werden, auch die Gesellschaftsordnung als Ganze zu hinterfragen. Auf diese Weise begannen wir mit den KulturarbeiterInnen der Stadt aus den Bereichen Theater, Bildhauerei und Malerei zusammen zu arbeiten. Stillgelegte Teile des Fabrikgeländes wurden in Kunstwerkstätten, Theatersäle und Ausstellungsräume umfunktioniert und für politische Diskussionen zur Verfügung gestellt. Die Öffnung der Fabrik zur Stadt und ihren BewohnerInnen war dabei auch ein wichtiges Motiv.

Wie sieht das im Alltag konkret aus: Fabrik und Kulturzentrum? Sind das mehr oder weniger getrennte Parallelwelten oder sind es auch dieselben Leute, die in der Produktion und im Kulturzentrum arbeiten?

Größtenteils sind es nicht dieselben Leute. Ungefähr neunzig Prozent der künstlerischen Aktivitäten wurden von Kulturschaffenden ins Leben gerufen, die in die IMPA kommen, um dort ihre Projekte zu machen. Es gibt aber auch ein paar Fabrikarbeiter, die heute zum Beispiel als Bildhauer arbeiten oder bei Theaterstücken mitgespielt haben. Darüber hinaus arbeiten auch einige ehemalige Fabrikarbeiter in der Volksschule der Kooperative. Durch die Krise in Argentinien haben 60 Prozent der Schüler die Schule oder Ausbildung abgebrochen, weil sie arbeiten gehen mussten. In fast allen Kooperativen wurden deshalb selbstverwaltete Ausbildungsprogramme ins Leben gerufen, die flexibel auf die ökonomische und soziale Realität jedes einzelnen Schülers reagieren. Hier hat es auch viele Fabrikarbeiter gegeben, die wieder zu Schülern wurden, um ihre Ausbildung zu beenden.

Die besetzten Fabriken existieren heute auf der Basis eines Gesetzes über Enteignungen. Der Staat enteignete in jedem einzelnen Fall die Fabriken und überschrieb sie für drei Jahre an die ArbeiterInnen. Diese drei Jahre laufen jetzt langsam für die meisten Fabriken ab. Wie sieht die politische und rechtliche Situation der MNER im Moment aus?

Die Bewegung befindet sich gerade an diesem heiklen Punkt. Die Fabriken könnten theoretisch geräumt werden, wenn es keine Verlängerung gibt. Denn wenn nach Ablauf der drei Jahre der Staat oder die Kooperative die Schulden an die Gläubiger nicht bezahlen kann, geht der Fall zurück zum Gericht und die Fabrik kann aufgelöst werden. Deswegen konzentriert sich der Kampf zurzeit darauf, ein nationales Gesetz zu erwirken, das alle Enteignungen generell auf weitere zehn Jahre festschreibt. Wir fordern auch, dass das Gesetz über Insolvenzverfahren modifiziert wird. Jede insolvente Fabrik sollte unserer Auffassung nach zunächst, statt zur Versteigerung freigegeben werden zu können, zuerst für fünf Jahre an die Arbeiter überschrieben werden. Nur wenn sie nach fünf Jahren selbstverwalteter Produktion immer noch rote Zahlen schreibt, sollte sie geschlossen werden dürfen.

Wie große schätzt Du die Chancen ein, so ein allgemeines Gesetz durchzusetzen?

Das Thema wird zurzeit auf oberster Staatsebene verhandelt. Ende Oktober hat Präsident Kirchner die Compañeros aus der Bewegung empfangen, um über dieses Thema zu diskutieren. Die politischen Machthaber in Argentinien wissen, dass jeder Versuch seitens der Staatsgewalt, eine besetzte Fabrik zu schließen, sofort zu militantem Widerstand führen würde. Ich denke, sie haben deshalb ein Interesse an einer Verlängerung der Frist. Für mich gibt es keinen Zweifel, dass keine einzige Fabrikbesetzung rückgängig gemacht werden kann. Ich denke eher, dass sich das Phänomen noch ausweiten wird – mit oder ohne einer allgemeinen Gesetzesregelung.

Woher die große Sicherheit?

In Argentinien gibt es zwanzig Prozent Arbeitslosigkeit und ein Arbeitslosengeld von monatlich 30 Euro. Ein Arbeitsloser hat deshalb zwei Möglichkeiten: entweder Misere und Armut oder die Wiederaneignung der Arbeitsstelle. In den besetzten Fabriken verdient ein Arbeiter heute im Durchschnitt 300 Euro im Monat. In der privaten Industrie sind es 250 Euro. Das ist im Vergleich zu Europa natürlich sehr wenig, aber immer noch besser als die absolute Misere. Ein Arbeitsplatz in einer besetzten Fabrik ist heute eine relativ sichere Sache, bis jetzt musste keine dieser Fabriken schließen. Dazu kommt, dass wir vor sieben Jahren beschlossen haben, den Lohn nach jedem Arbeitstag auszuzahlen. In den schlimmsten Jahren der Wirtschaftskrise schaffen es also kleine, vergleichsweise arme Unternehmen wie unsere, ihre Arbeiter jeden Tag mit zumindest etwas Geld nach Hause zu schicken. Das ist schon ein kurioses Phänomen.

Gegenüber den Piqueteros hat es in letzter Zeit ein härteres Durchgreifen seitens des Staates gegeben. Sind auch die besetzten Fabriken vermehrt Repressionen ausgesetzt?

Kirchners Politik zielt auf die Schwächung der sozialen Kämpfe durch klientelistische Politik und Vereinnahmung der Bewegung. Ein Teil der Piquetero-Bewegung ist auf diese Weise von der Regierung neutralisiert, das heißt gekauft worden. Ein anderer Teil aber ist im Widerstand und autonom geblieben – und hat eine immer stärkere Repression durch den Staat erfahren. Zum Beispiel sitzen seit drei Monaten sechs Compañeros der Piquetero-Bewegung in Caleta Olivia in der Provinz Santa Cruz in Patagonien im Gefängnis, weil sie ein Ölfeld einer Tochterfirma von Repsol YPF besetzt hatten, um Arbeitsplätze zu fordern. Ihnen drohen Haftstrafen von bis zu sechs Jahren. Auch gegen 5.000 politische Aktivisten, unter ihnen der Präsident der MNER, Eduardo Murúa, und ein Anwalt der Bewegung, Diego Kravetz, liegen Strafanzeigen vor. Diese Fälle dienen dazu, Angst zu verbreiten und die Leute zu demobilisieren. Wir sind gerade dabei, eine internationale Briefaktion an Kirchner zu starten, denn er ist der einzige, der die Freilassung mit einem Amnestiedekret erwirken könnte. Wenn die Compañeros wahrhaftig zu sechs Jahren Haft verurteilt werden sollten, werden sie automatisch zu politischen Gefangenen. Das würde den Kampf noch einmal auf eine ganz andere Ebene heben. Es würde auch einen großen Ansehensverlust für Kirchner bedeuten. Meines Erachtens könnte es sogar sein, dass Kirchner seine Amtszeit nicht beendet, falls es zu diesem Urteilsspruch kommt. Denn die argentinische Gesellschaft toleriert keine politischen Gefangenen mehr.

Auf der Veranstaltung „Krise als Labor“ in Berlin hast Du davon gesprochen, dass in der IMPA bewusst wieder langsamer gearbeitet wird. Was für eine Vision für die Zukunft der Arbeit steckt hinter der politischen Forderung nach langsamerer Arbeit?

Im 21. Jahrhundert steht das Konzept der Arbeit vor sehr komplexen Herausforderungen – da sind die besetzten Fabriken nur ein Sandkorn in der Wüste. Die Forderung nach langsamerer Arbeit finden wir wichtig – als Konzept, das sich auch in anderen Institutionen durchsetzen müsste. Die Produktionsweise in der IMPA mit vielen Arbeitern und mit „Lowtec-Maschinen“ ist kein verallgemeinerbares ökonomisches Zukunftsmodell, aber der Staat muss einsehen, dass das Konzept von Arbeit heute neu gedacht werden muss. Ein Punkt dabei wäre es zum Beispiel, kunsthandwerklichen Techniken eine institutionelle Absicherung zu geben, damit sie neben der modernen Technologie Bestand haben können. Die multinationalen Unternehmen arbeiten auf höchstem technologischem Niveau fast ohne menschliche Arbeitskraft. In den 500 größten Unternehmen in Brasilien zum Beispiel belaufen sich die Lohnkosten auf lediglich ein Prozent des Umsatzes. Die Multis schaffen also keine Arbeitsplätze. Wir wollen eine andere politische Macht konstruieren – mit anderen wirtschaftlichen und politisch-partizipativen Achsen.

Was wären das für Achsen?

Zunächst, zum Beispiel, die Reduzierung der Arbeitszeit. Die Menschen brauchen nicht mehr so viel zu arbeiten, um die gleiche Anzahl von Gütern zu produzieren. Als zweites müsste kulturelle Arbeit als Arbeit gewertet und entsprechend vergütet werden. Auch die Freizeit, die die Menschheit immer mehr haben wird, müsste irgendwie ökonomisch vergütet werden. Und darüber hinaus müssten die Staaten Ressourcen zur Verfügung stellen, um die Vielfalt zu fördern. Das System der Multis homogenisiert alles. Es müsste in die sprachliche und kulturelle Vielfalt investiert werden. Da könnte man Arbeitsplätze schaffen, um zum Beispiel die indigenen Sprachen Lateinamerikas oder Afrikas zu bewahren und zu fördern. Das wäre ein anderes Konzept von Arbeit, dessen Zweck nicht rentable Waren für den Markt, sondern die Bewahrung des kulturellen Menschheitserbes ist. Das hat alles wenig mit den besetzten Fabriken zu tun, aber es geht in dieselbe Richtung: langsamer und vielfältiger und nicht schneller und homogener.

Wie definierst Du in diesen gesellschaftsverändernden Praktiken die Rolle des Staates?

Für all diese Veränderungen müsste die Zivilgesellschaft sich selbst organisieren, um Druck auf den Staat auszuüben. Es ist ein bisschen so wie mit der Kooperative: Wir wollen keine Verstaatlichung, wir organisieren uns selbst und funktionieren alleine. Wir richten uns an den Staat, wenn es um die Lösung von strukturellen Problemen geht, so wie die Schulden der Fabriken. Mit der sprachlichen Vielfalt ist es ähnlich. Die Gesellschaft müsste Projekte und Programme zur Bewahrung und Förderung der sprachlichen Vielfalt entwerfen und dann an den Staat die Forderung erheben, dass in allen Schulen viele verschiedene Sprachen gelehrt werden. Warum werden in meinem Land nicht die 14 indigenen Sprachen gelehrt, die es in Argentinien gibt? Warum nur spanisch und englisch? Es würde auch Arbeitsplätze schaffen, wenn Dozenten in Quechua, Aymara, Guarani und anderen Sprachen ausgebildet würden, wenn es Bücher in all diesen Sprachen gäbe.

Diese Kritik der kolonialen Vermächtnisse scheinen mir relativ neue Töne aus Argentinien zu sein – einem Land, das sich immer mehr als europäisch denn als lateinamerikanisch und „multiethnisch“ wahrgenommen hat.

Ja, ich denke, eine der Selbstkritiken, die die argentinische Gesellschaft machen muss, ist genau diese. Argentinien hat in den letzten 200 Jahren immer vor allem nach Europa geschaut. Aber damit ist es jetzt vorbei. Das, was in der Krise zusammengebrochen ist, sind nicht nur Wirtschaft und Banken, sondern auch dieser weiße und klassen-rassistische Blick auf die argentinische Gesellschaft.

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