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Caribbean Currents

Peter Manuel gibt in seinem Buch einen wunderbaren Überblick über die aktuellen Stile und Trends in der karibischen Musikszene und geht dabei weit über das Aufzählen und Beschreiben hinaus. Er geht zurück in die Geschichte der Region, versucht die komplizierten Prozesse, die die vielen quicklebendigen karibischen Rhythmen und Stile entstehen ließen, nachzuvollziehen.
Wer sich ein wenig mit karibischer Musik auskennt, weiß, daß man eine gehörige Portion Mut und viel Zeit braucht, um sich in das dschungelhafte Gestrüpp dieses Themas vorzuwagen. Der musikalische Fährtenleser muß die Fußabdrücke vieler verschiedener Ursprünge erkennen, seien es die holländischer oder spanischer Kolonialherren, yorubastämmiger Sklaven in Kuba, kongostämmiger Sklaven in Haiti oder indischer Landarbeiter in Trinidad oder, oder, oder…
Wer sich bisher über karibische Musik informieren wollte, konnte fast nur auf Literatur über spezielle Länder zurückgreifen. So mußte der Interessierte über Kuba in Spanisch, über Haiti in Französisch, über Jamaika in Englisch und über Curacao in Niederländisch nachlesen. Manuels Buch schließt durch seinen regionalen Ansatz hier eine Lücke, worauf viele Freunde der karibischen Musik schon lange gewartet haben.
Der Hauptautor Peter Manuel ist in der recht überschaubaren Gruppe von Musikethnologen, die sich mit karibischer Musik beschäftigen, kein Nobody. Viele Veröffentlichungen wiesen ihn bereits als profunden Kenner der kubanischen Popularmusik aus.
Zwei Kapitel dieses Buches überließ er ausgesuchten Spezialisten. Kenneth Bilby, der das Jamaika-Kapitel schrieb, ist Mitarbeiter des Smithsonian Instituts in Washington, das spätestens seit es die Folkways-Musikaufnahmen verwaltet und wieder auflegt, auch unter Musikern und Musikfreunden bekannt wurde. Wer an begleitenden Aufnahmen interessiert ist, sollte hier unbedingt auf die Suche gehen. Kenneth Bilby veröffentlichte bisher sehr beachtete Bücher zur afrojamaikanischen und zur “Maroon”-Musik (Maroons sind entlaufene Sklaven, die in den Bergen versteckt überlebten). Michael Largey, Autor des Haiti-Kapitels, ist Assistant Professor für Musik an der Michigan State University.
Mehrere Kolonialherren (Spanien, England, Holland, Frankreich und die USA), sicher über hundert verschiedene afrikanische Nationen sowie indische, javanische und chinesische Arbeiter hinterließen, mehr oder minder stark, ihre kulturellen Spuren in der Karibik. Synkretistische Religionen wie die kubanische Santería, der haitianische Vodou oder der Shango – ein Kult auf Trinidad – sind lebendige Zeugen des Überlebens afrikanischer Kultur in der Karibik, aber auch Zeugen der Tendenz (beziehungsweise dem Zwang) zur Verschmelzung mit der Kultur der jeweiligen Kolonialherren. Genauso beeinflußte die Musik der Kolonialmächte, wie Danza und Habanera, oder Punto Guajiro und Seis, die neu entstehenden Musikstile. Diesen Prozeß nennt Manuel, in Übereinstimmung mit vielen anderen Forschern, “creolization”.

Vodou und Shango – Religion und Musik

Peter Manuel zeigt in seinem Buch anschaulich die kulturellen und geschichtlichen Prozesse, die in den verschiedenen Ländern zu den heutigen musikalischen Ausdrucksformen führten. Ein weiterer kreativer Schmelztiegel sind die barrios (Vororte) der armen, unterprivilegierten Schichten, die zum großen Teil von Schwarzen und Mischlingen bewohnt waren und sind. Es wird sehr gut verdeutlicht, wie der wachsende Widerstand gegen die Kolonialmächte zu einem neuen Nationalgefühl in vielen Ländern führte, welches seinen Ausdruck unter anderem in der Musik fand. Manche kreolisierten Musikformen, die die weißen Eliten bis dato ablehnten, wurden nun von allen Bevölkerungsschichten als “nationale” Musikform angenommen und förderten das Zustandekommen eines nationalen Selbstbewußtseins.
Die Einbettung der musikalischen Analysen in die historischen und sozialen Hintergründe ist eine der großen Stärken des Buches. Das soziale Umfeld ist ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis karibischer Musik.
Viele Kapitel des Buches beginnen mit kurzen persönlichen Reiseeindrücken, die das Buch auflockern und so dem Leser Eindrücke mit auf den Weg geben. Manuel gelingt es zum Beispiel, das typische Wochenendfeeling Havannas festzuhalten (es fehlen eigentlich nur die unzähligen Lockenwickler). Aufschlußreich und amüsant zugleich ist die Beschreibung eines nordamerikanischen Freundes, der in Puerto Rico heiratete und erst dann zur Verwandtschaft richtigen Kontakt bekam, als er mühsam Tanzen gelernt hatte.
Das Buch behandelt die karibischen Musikstile im wesentlichen nach Ländern geordnet, so daß man, bei Bedarf, speziell zu einem Land nachlesen kann. Alle Kapitel überzeugen mit kompakten, gut recherchierten Informationen. Leider kommen die Trends im nachrevolutionären Kuba etwas zu kurz.
Gut durchdacht und praxisorientiert ist die Tatsache, daß jedes Kapitel des Buches seine eigene kleine Bibliographie und Diskographie besitzt. So entfällt bei Interesse für ein bestimmtes Land das mühsame Herausfiltern aus einer Gesamtbibliographie. Zuweilen werden auch Filme empfohlen. Ein ausführlicher Index hilft beim Auffinden spezieller Informationen.
In musikethnologischen Büchern gehört es mittlerweile fast zum Standard, ein Glossar anzuhängen, welches gängige Fachbegriffe, Instrumente, Rhythmen, Musikstile etc erklärt. So findet man auch im vorliegenden Buch einige Seiten mit diesen Kurzinformationen. Das weit gesteckte Thema macht allerdings jede Auswahl der Begriffe zur Willkür. (Warum den haitianischen Vodou-Rhythmus Yanvalou aufnehmen, aber Kongo und Nago weglassen?) Eine Beschränkung auf die 30 wichtigsten Grundbegriffe mit etwas ausführlicheren Erklärungen würde das Buch wahrscheinlich besser abschließen.
“Caribbean Currents” ist ein sehr gelungenes Buch zur Geschichte und Aktualität der karibischen Musik. Insbesondere MusikerInnen, Musikfreunde, Musikjournalisten und Redakteure werden es zu schätzen wissen.

Peter Manuel: Carribean Currents; Temple University Press 1995 (engl.-spr.); ISBN 1-56639-339-6, in Deutschland zu beziehen über Lateinamerika Nachrichten

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