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Das Krokodil bekommt Farbe

Jeder kennt das politische Phänomen Kuba. Doch kaum einer, nicht einmal die KunsthistorikerInnen der Gegenwartskunst, hat eine Vorstellung von der bildenden Kunst im Lande Castros. Klaus Philipp, Fotograf und Gymnasiallehrer in Darmstadt, stellt dem deutschsprachigen Publikum nun erstmals eine größere Gruppe kubanischer KünstlerInnen der Gegenwart vor. Ein Bild von Kuba deutet dabei schon im Titel die repräsentativen Grenzen der Auswahl und ihre Abhängigkeit von den Zufällen der Vorort-Recherchen des im Unbekannten suchenden Autors an.
Philipp hat sich auf 14 bildende Künstlerinnen und Künstler beschränkt, die fast alle an der wichtigsten Kunstschule des Landes, dem Instituto Superior de Arte in Havanna, ausgebildet wurden bzw. dort heute unterrichten.
Ihre künstlerischen Techniken und Mittel sind reich und von großer Breite. Sie unterscheiden sich nicht von den in Europa oder Nordamerika populären: Collage und Montage, Rauminstallation, klassisches Tafelbild und Skulptur, Fotografie und Holzschnitt und deren Kombinationen, Textilbearbeitung, Bilder im Comicgestus und Wandmalerei im öffentlichen Raum.

Nationale Tradition

Klaus Philipp hat jeden der Künstlerinnen und Künstler um eine Selbstdarstellung gebeten. Neben Hinweisen zur Biographie der meist jüngeren KünstlerInnen und ihren Intentionen verraten die Befragten bei der Beschreibung eigener Arbeiten viel von ihrer Arbeitsweise und ihrem Denken. Alle vorgestellten KünstlerInnen verbindet eine einfache und direkte Klarheit, die sich nicht dreimal um die Ecke gedacht artikuliert, sondern wie unsere mittelalterlichen Bildüberlieferungen von deutlicher und zugleich spielerischer Symbolik lebt. Ihre Formen, Ideen und Themen, die Ikonografie wenden sich der nationalen Tradition zu. Der große Bezugspunkt ist die Revolution, sind deren Symbole und Kultfiguren, der Alltag der einfachen Menschen, die Emigration vieler KubanerInnen und die Zerrissenheit der Zurückbleibenden zwischen Identifikation und kritischer Positionierung, zwischen Stolz auf das eigene Land und dem Wissen um die eigene Unfreiheit. Thematisiert werden das Leben als Frau im heutigen Kuba, das Selbstverständnis der KünstlerInnen in ihrer Gesellschaft, die Religion.
Abstrakte Kunst, die keinen klaren gesellschaftlichen Bezug erkennen lässt, sucht man in diesem Bildband vergeblich. Fragen ästhetischer Gestaltung treten bei allen KünstlernInnen hinter der Beschäftigung mit den sozialen Problemen zurück.
In den Statements einiger Künstler zu ihrer Arbeit werden immer wieder auch die brisanten Momente erkennbar, die Ängste vor Verboten und der Mut zu Versuchen, in Bildern durch Ambivalenz der Aussagen vorsichtig Kritik am Regime zu artikulieren: Juan Carlos Rivero, Rolando Vázquez, José Miguel Martinez.
Die in diesem Buch vorgestellten KünstlerInnen sind auf Kuba geblieben, sind nicht emigriert. Aber ihre Kontaktsuche, das Bedürfnis nach Austausch mit dem Westen scheint groß. Ihre Arbeiten bezeugen eine intensive Beschäftigung insbesondere mit den europäischen ästhetischen Traditionen. Zitate der europäischen Kunstgeschichte tauchen immer wieder auf: Michelangelos Skulpturen, Picassos Guernica, Figuren des russischen Malers Ilja Repin, der „Schrei” von Edvard Munch. Daneben zitieren sie bekannte historische Persönlichkeiten wie Marx, Luther, Christus – oft überraschend im Nebeneinander oder im Kontext nationaler Symbole und Persönlichkeiten. KünstlerInnen wie Sandra Ramos, Mirena Suárez, Esterio Segura oder Angel Ramirez montieren ihre Werke aus solchen sehr heterogenen Elementen unterschiedlichster Materialität und historischer Bezüge. Ihre spielerische und unverstellte künstlerische Denkweise bindet überraschend zusammen und macht die Arbeiten zu einem vielfältigen Genuss für den Betrachter, in den mit der Herausgabe dieses gelungenen Bildbandes nun auch das deutsche Publikum kommen kann.

Klaus Philipp: Ein Bild von Kuba. Künstler der Insel und ihre Werke. Darmstadt (Selbstverlag) 2001,124 S., 29,50 Euro. Bestellung bei: Klaus Philipp, Wilhelm Jäger Str. 14, 64287 Darmstadt, Tel.: 06151 / 43566; kl.philipp@gmx.de

KASTEN:
Kubanische Kunst heute

Die Ausstellung „Kubanische Kunst heute“, die noch bis zum 14. März im Lesesaal des Iberoamerikanischen Instituts Berlin zu sehen ist, zeigt einen kleinen Querschnitt durch die heutige kubanische Kunst und entstand in Zusammenarbeit mit der kubanischen Botschaft. Es werden Werke von 15 kubanischen KünstlerInnen gezeigt, die in Stilart und Themen sehr vielfältig sind. Von abstrakt bis realistisch, über Lithographien bis hin zu Digitaldrucken und Ölbilder beinhaltet sie ein großes Spektrum an moderner Kunst. So ist zum Beispiel das Werk von Ever Fonseca „Jigües, Landschaft der Früchte“ zu sehen, ein großes farbiges Ölbild, welches seinem Namen alle Ehre macht. Ein leichtes, fröhlich wirkendes Bild, in dem man, je länger man es betrachtet, immer mehr Details findet, aus denen sich eine ganze Landschaft ergibt, in der man genauso ein Gesicht, einen Baum und vielleicht noch viel mehr entdecken kann. Direkt daneben hängen drei Bilder von Roberto Diago, Grafit- und Kreidezeichnungen auf schwarzem Papier, die im Gegensatz zum eben beschriebenen Bild schlicht wirken und dem Betrachter das Gefühl von Befangenheit und Traurigkeit vermitteln. Der Grafiker Frémez hingegen orientiert sich an Pop-Art, wie sein „Warhol Remake“, ein Bildzitat nach Andy Warhol, besonders deutlich macht. Auch sein Plakat „Vietnam“ zeigt, dass sich die kubanische Kunst nicht nur mit Themen beschäftigt, die Lateinamerika betreffen. Einen Katalog gibt es für acht Euro.
Anke Rafflenbeul

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